Vom
Sinn eines Workshops
Natalia Games und
Gabriel Angió in Berlin
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Text:
Kerstin Tomiak
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Foto: Archiv Games/Angio
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Ein kleines, schwarz
gelocktes Persönchen steht vor dem Spiegel im La Caminada in
Kreuzberg und macht Dehnübungen, nicht weit von ihr entfernt
betrachtet ein kaum größerer, trotzdem kraftvoll wirkender Mensch
mit schwarzen, es muss gesagt werden: klischeehaft zurückgebundenen
Haaren, intensiv die in der Ecke aufgestellte Stereoanlage. Auf den
Fensterbrettern und – wenigen – Stühlen sitzen oder stehen
Menschen und befinden sich in den unterschiedlichsten Phasen des
Schuhewechselns. |
Anders als bei sonstigen Workshops ist die Atmosphäre
erwartungsvoll-gespannt. Ob das daran liegt, dass die beiden
Gastlehrer zu den Koryphäen des Tango gehören – wovon man sich
einen Tag vor diesem Workshop beim Showtanz im Grünen Salon überzeugen konnte – sei dahin gestellt.
1991 haben sich Natalia Games und Gabriel Angió als Tanzpaar
gefunden. Schon 1992 wurden sie von der Tangoshow Tango x 2
berufen und für fünf Jahre verpflichtet. Mit den Shows Homenaje a
Gardel, Perfumes de Tango und Una noche de Tango
waren Natalia und Gabriel Gast in so ziemlich jedem großen und
wichtigen Theater. 2001 starteten sie mit ihrer ersten eigenen Show Tango
Under Construction und im Dezember 2004 gab es dann die zweite: Plan
B Tango. Weiter gibt es kaum noch ein Land, in dem die beiden
nicht gearbeitet haben, sei es als Gastlehrer oder Gasttänzer, und
kaum ein wichtiges Festival bei dem sie nicht dabei waren. Zu nennen wären
Bologna, Miami, Oslo, Paris, London und so weiter, nicht zu vergessen
das „World Dance Festival“ in Tokio, wo die beiden 2003 vor über
10.000 Zuschauern tanzten oder das „Classic Open Air 2002“ in
Berlin, wo sie vom Deutschen Filmorchester Babelsberg begleitet
wurden.

Foto:
Archiv Games/Angio
Die tänzerische Klasse von Natalia und Gabriel steht also völlig außer
Zweifel und man muss dieses Paar auch höchstens zwei Schritte tanzen
gesehen haben: Sofort (und zwar tatsächlich sofort!) springt einem
die fast schon unfassbare Leichtigkeit ins Auge, mit der die beiden
sich bewegen. Nun gibt es Paare, die zwar wunderbare Tänzer sind,
aber katastrophale Lehrer. Tänzer, die sich einfach nicht vermitteln
können oder aber das pädagogische Verständnis und Talent einer –
sagen wir mal – Schildkröte haben. Das ist nicht weiter tragisch,
dann bleiben diese Paare eben beim Tanzen und überlassen das
Unterrichten anderen. Zum Beispiel eben Natalia und Gabriel, die –
ist es zu fassen? – nicht nur begnadete Tänzer, sondern auch noch
begabte Lehrer sind. In Buenos Aires unterrichten sie regelmäßig
und Workshops geben sie auch, wo immer sie können. Man merkt, dass es
ihnen Spaß macht, ihre Idee des Tango weiterzugeben und man bemerkt
den genauen Blick, den sie haben und die Sensibilität für die Schüler.
Genau also sehen sich beide an diesem Juni-Wochenende im La
Caminada in Berlin-Kreuzberg beim Eintanzen an, was die anwesenden
Paare können und sie stellen sich darauf ein. Aber da beginnt auch
schon meine Kritik an der Idee „Workshop“.
Natalia und Gabriel zeigen eine relativ einfache Figur, eine –
zugegeben ziemlich lange – Kombination aus Ochos und Drehung und
diese Figur wird nun im unterschiedlichen Takt – man könnte sagen
– durchdekliniert. Soweit der Workshop Nummer Eins, Nummer Zwei wird
dann dieselbe Figur mit unterschiedlichem Takt auf ein Musikstück
legen, und Nummer Drei legt letztlich den Akzent auf – ja genau –
diese Figur mit unterschiedlichem Takt im Salon. So weit, so gut, so
schön, man könnte sehr, sehr viel hier lernen und Gabriel und
Natalia geben sich jede erdenkliche Mühe. Unermüdlich gehen beide
durch die Tänzer, zeigen hier wie’s aussehen soll, da, wo welcher
Fuß gerade falsch steht und so weiter. Sie sind als Lehrer so gut wie
als Tänzer. Und man wünscht sich, eine Einzelstunde bei ihnen zu
haben.

Foto: Archiv Games/Angio
Denn das Problem bei jedem Workshop ist eben: Es gibt keine Gruppe mit
einem einheitlichen Niveau. Sondern einen bunt zusammengewürfelten
Haufen von Tänzern mit unterschiedlichsten Tanzerfahrungen. In der
Ankündigung des La Caminada hieß es zwar, der Workshop richte
sich an alle mit „guten Tango-Vorkenntnissen“ und
Fortgeschrittene, aber was sind eigentlich "gute
Tango-Vorkenntnisse"? Und wer entscheidet, was "gute
Tango-Vorkenntnisse sind"? Im Augenblick der Anmeldung nur der
teilnehmende, oder teilnehmen wollende, Tänzer. Und wenn er dann
ankommt beim Workshop, der Tänzer, dann stellt er mit großer
Wahrscheinlichkeit fest, dass andere das mit den „guten
Vorkenntnissen“ anders interpretiert haben. Das Ergebnis dessen ist
eben eine höchst gemischte Gruppe. Im La Caminada jedenfalls
bei Natalia und Gabriel ist das Gefälle groß. Da gibt es Paare, die
die gezeigte Kombination nach einmal Zeigen und zweimal Tanzen
beherrschen und entsprechend dann in die Rhythmus- und Taktarbeit
einsteigen können und wollen. (Schließlich war das das Thema des
Workshops!) Es gibt andere, die bis zum Ende der Lektion ihre Füße
nicht sortiert bekommen, und es gibt alles dazwischen.
Mit Engelsgeduld erklären und zeigen Natalia und Gabriel immer
wieder, wie es aussehen soll und kann, sie arbeiten mit jedem
einzelnen Paar. Aber natürlich zerfällt so der Unterricht, während
den fortgeschrittenen Paaren alles zu langsam geht, geht den nicht
ganz so fortgeschrittenen Paaren alles zu schnell. Und mittendrin das
Lehrerpaar, das versucht, zu retten, was kaum zu retten ist und jedem
anwesenden Schüler mitgeben will, was der jeweilige Schüler
mitnehmen kann. Es kann gar nicht oft genug betont werden: Natalia
Games und Gabriel Angió sind hervorragende Lehrer, sie verfügen über
eine wahre Lust am Unterrichten und am Weitergeben, und sie verfügen
außerdem über eine große Sensibilität im Umgang mit den Schülern.
Aber Wunder können natürlich auch sie nicht vollbringen. Und so
bleibt ein wenig ein trauriger Nachgeschmack. Das war eine
beeindruckende Lektion, ja. Und man hat etwas gelernt und man hat auch
etwas mitgenommen von diesem Workshop. Aber was HÄTTE man nicht alles
von diesen beiden lernen können, wenn... ja, wenn... .
Mehr Informationen über die Künstler: http://www.gabrielangio.com/english/index.html
Ausgabe
Juli 2005
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