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Macht Tango schön?
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Text: Jochen Hille
Fotos: Joachim Gillert


Der Werbeslogan „Tangotanzen macht schön“ vom Tanzlehrerpaar Susanne Opitz und Rafael Bush, den man auf unserer Seite als Werbeanzeige sieht, ist umstritten. Manche halten ihn für eine hübsche Werbung. Andere finden, dass es schlicht ein dummer Spruch ist. Viel interessanter ist aber die Frage, ob er stimmt. Wenn ja, dann lohnt es sich, allein schon deshalb einen Tangokurs zu buchen, weil er teure Kosmetika, Sonnenbank und noch teurere Schönheitsoperationen ersetzt. Wer über diese utilitaristische und marktkonforme Sichtweise hinausgehen will, der kann auch eine Nummer größer argumentieren: Schönheit kann als etwas viel umfassenderes gesehen werden als der pure äußere Schein. Denn wahre Schönheit kommt schließlich von innen. Sie setzt ein gut geführtes harmonisches Leben voraus und dieses gute Leben schimmert dann natürlich aus allen Poren der Tangotänzer und Tangotänzerinnen.   

Aber was ist nun an der Behauptung dran, dass Tango schön mache? Zumindest für die unmittelbare Gegenthese „Tango macht hässlich“, fallen mir abgesehen vom temporären Schlafdefizit keine vernünftigen Argumente ein. Vielleicht ist der Tango aber auch komplett schönheitsneutral. Wer das empirisch einigermaßen sauber überprüfen will, dem wünsche ich jetzt schon mal für die nächsten Jahre viel Vergnügen und Geduld beim Erarbeiten des Kriterienkataloges, der Fragebögen und der Auswertung der Datensätze. Ich spare mir diese Arbeit und gehe lieber tanzen.

Aber nehmen wir nun mal an, dass Tangotänzer und Tangotänzerinnen tatsächlich schöner sind als eine im Altersdurchschnitt identische Vergleichsgruppe. Zumindest ist eins recht offensichtlich: Gute Tanzpaare, die gut gekleidet und zurechtgemacht sind, strahlen Schönheit aus. Und wer eine Milonga besucht, der ist oft von der Schönheit und dem Glitter geblendet und zieht sich schüchtern zurück oder will daran Teil haben. Eine italienische Freundin von mir, die damals mit dem Tanzen angefangen hatte und noch etwas unsicher über ‚ihren Wert’ als Tänzerin war, hatte eine zynische, sozialdarwinistische Erklärung für das Phänomen der schönen Menschen in der Milonga parat: Das überproportionale Vorkommen von Schönen in der Milonga sei demnach die Folge einer frühen ‚natürlichen Auslese’. Wer schön ist, der findet selbst am Anfang leicht Tanzpartner/innen. Deshalb kommen die Schönen oft zum Tanzen, verbessern sich ständig und haben Spaß. Umgekehrt tanzen die Hässlichen selten, sie lernen es nicht und bleiben früher oder später frustriert vom Tango weg. Durch die traditionellen Aufforderregeln trifft dies Frauen stärker als Männer. Hierin liegt wohl auch der Grund dafür, dass die Tangomänner, wie oft von der Damenwelt bemängelt wird, nicht durchweg Schönheiten sind.


Ein weiterer Schönheitsfaktor könnte sein, dass Tangotänzer und Tänzerinnen sich für die Milonga präparieren. Tango macht dann nur deshalb schön, weil man sich für den Tango schön macht. Nach dieser Logik machen auch Hochzeiten „weiß“ und Beerdigungen „schwarz“. Der Haken an der Sache ist freilich, dass diese Schönheit des Tangos mit dem Wechsel der Kleidung und Aufmachung vergeht.

Einiges spricht jedoch trotz dieser Gegenargumente dafür, dass der Tango tatsächlich eine Schule der Schönheit ist. Denken wir einmal darüber nach, wofür der Tango gut ist. Als Showtanz soll er etwas Schönes darstellen und sofern der Tango seine eigenen Klischees bedient, muss er Leidenschaft zeigen. Da auch gespielte Schönheit und Leidenschaft durch Authentizität gewinnt, müssen die Darsteller lernen sich als schön zu präsentieren. Das ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit: Beispielsweise im Wrestling – einer extrem ineffizienten, reinen Show-Variante des Ringens – wird von den dicken, muskulösen Männern mit ihren zermatschten Gesichtern erwartet, dass sie stark wirken. Für Schönheit interessiert sich dabei niemand. Aber beim Tanzen geht es fast immer um Schönheit, egal ob dies nun zum Pläsier von Göttern (z. B. Tempeltänze), der Zuschauer oder des Tanzpartners geschieht. Beim Tango ist die Hauptzielgruppe sicher der oder die Tanzpartner/in. Schließlich geht es ums Balzen. Man präsentiert sich dem Partner und der Partnerin gegenüber als attraktiv. Wer Tango lernt, der lernt auch, sich schön, zumindest anziehend, zu bewegen und zu wirken. 

Mein Fazit ist also ein etwas verzwicktes. Jede Tätigkeit, die erfreut, macht auch schön. Das gilt auch für die Briefmarkensammler, die freudentrunken ein besonders schönes oder ausgefallenes Objekt ihrer Leidenschaft bewundern. Allerdings sind wir der Schönheit wesentlich stärker verpflichtet als die Freunde der kleinen, klebenden Papierläppchen. 

Und wer liebend gerne tanzt, der wird nicht nur schön aussehen, sondern sich auch schön fühlen. Wer lernt seinen Körper zu bewegen, der wirkt attraktiver. Allerdings sind auch in Hinblick auf die schönheitsfördernde Wirkung des Tangos diejenigen im Vorteil, die bereits hübsch sind und über ein gutes Körpergefühl verfügen. Die Welt ist eben ungerecht: Am schnellsten verschönert der Tango die Schönen.


Ausgabe Juli 2005

 

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