Macht
Tango reich?
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Text: Jochen
Hille
Fotos: Elke Koepping

Reich wird man am einfachsten, indem man seine Seele dem Teufel verkauft.
Dass der dann tatsächlich zahlt, ist allerdings noch
unwahrscheinlicher als der große Lottogewinn. Wenden wir uns also
seriösen Arten der Bereicherung zu. Dass der Tango eine davon ist,
scheint auf den ersten Blick absurd: Schließlich bezahlen wir alle
massig für Eintritte, Tanzstunden, Konzertbesuche, CDs und der
einzige Fall, bei dem unbequeme Tanzschuhe zur späteren Heirat eines
reichen Prinzen führten, spielte sich beim Standardtanz ab. Trotzdem
ist der Tango eine ökonomisch ausgesprochen sinnvolle Tätigkeit. Wie
das?
Wirtschaftswissenschaftliche Lehrbücher unterscheiden zwischen den
Produktionsfaktoren Boden, Kapital und Arbeit. Der Boden spielt beim
Tango eine herausragende Rolle, aber ökonomisch ist er irrelevant.
Denn schließlich bilden die vereinzelten Zimmerpflanzen in den
Milongas selten größere landwirtschaftliche Nutzflächen. Auch der
Einsatz von Kapital beim Betreiben eines Geschäftes mit dem Tango
wird allenfalls zum Aufbau einer bescheidenen – und vielleicht glücklichen
–Existenz führen. Wer ernsthaft davon träumt mit Tangomode,
-schuhen, -reisen und -unterricht reich zu werden, der ist vom großen
Geld noch weiter entfernt als Carlos Gardel, der in „Por una Cabeza“
über seine Verluste beim Pferderennen jammert.
Aber wie sieht es mit dem für moderne Dienstleistungsgesellschaften
entscheidenden Faktor Arbeit aus? Eine menschliche Arbeitskraft ist
dann besonders wertvoll, wenn sie über Fähigkeiten und Fertigkeiten
verfügt, die für den Arbeitsprozess notwendig sind. Bei abstrakten
Dienstleistungen geht es vor allem um sogenannte „Soft Skills“.
Wir müssen lernen, uns zu benehmen und brauchen möglichst weite
soziale Netzwerke. Der Tango bietet das in idealer Weise. Jede
„Anleitung zum Smalltalk“ betont, dass heikle Themen wie Politik
und Religion geflissentlich umgangen werden sollen. Das tun wir beim
Tango ohnehin. Und falls es dann doch einmal kritisch wird, flüchten
wir uns sozial akzeptiert auf die Tanzfläche.
Wer tanzt, der bewegt sich viel – und zwar in einer Schicht, die überdurchschnittlich
hoch gebildet und einkommensstark ist. Während wir tanzen, lernen wir
mühelos zahllose Mitglieder unserer Kaste kennen. Diese schieben uns
natürlich nicht – wie beim orientalischen Tanz üblich –
Geldscheine unter das Hemd. Das würde auch dem bürgerlichen Verständnis
entgegen laufen. Demnach soll Geld sicher auf der Bank arbeiten und
sich nicht in halbseidenen Tanzlokalen amüsieren.
Networking findet natürlich nicht nur beim Tango statt. Aber die
klassischen Elite-Sportarten wie Tennis, Skifahren und Fechten sind
zumeist teurer und weniger effizient. Verglichen mit der Eleganz des
Tango sind sie zudem ein geradezu ländlich-bäuerliches Vergnügen.
Schließlich ist das Schlagen von Bällen über ein Netz nichts weiter
als der vertikale Ausdruck des horizontalen Verlangens Heu zu
dreschen. Und Skifahrer sind Autisten. Falls sie doch einmal sozialen
Kontakt aufnehmen, dann nur wenn sie mit anderen Skifahrern zusammen
stoßen und natürlich später im Krankenhaus.

Mein Loblied auf die ökonomische Verwendbarkeit des Tango hat allerdings
auch Grenzen. So kann ich leider keine psychische Entlastung für
Schuhkaufsüchtige geben. Zwar nutzt das erste Paar Schuhe, um an der
feinen Tangogesellschaft teil zu haben. Aber bereits das zweite Paar
wirft keinen zusätzlichen Nutzen mehr ab. Auch wer sich in die
Chefetagen der deutschen Wirtschaft hochtanzen will, wird damit wenig
Erfolg haben. Dafür sind unsere Topmanager viel zu unmusikalisch.
Aber einen netten, bequemen Platz in den gehobenen Rängen der
Mittelschicht können wir erschwofen. Zumindest meine aus einer
Bauernfamilie stammende, kaisertreue Urgroßmutter hätte das sofort
verstanden. Sie wäre stolz auf ihren Urenkel, der im Anzug mit derlei
feinen Leuten verkehrt. Gefragt hätte sie nur, warum die Burschen in
den heutigen Verbindungen das schöne Ostpreußen nicht zurückfordern
und sie ihre Schmisse an den Waden anstatt im Gesicht tragen.
Und geduldig hätte ich ihr erklärt, dass Ostpreußen nur noch für
steuerliche Verlustabschreibungen taugt und man die Zeichen der
Kastenzugehörigkeit heute wegen der grassierenden Sozialdemokratie
mit weichem Hosenstoff sanft bedeckt.
Ausgabe August 2005
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