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...wie war’s eigentlich bei...

 

Miguel Levin: A Media luz

Zwielicht - Kampf der Geschlechter

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Ein Tango-Chanson-Abend 

im Künstlerklub „Die Möwe“ (Berlin), 11. Februar 2005

 

 

 

 

Kaum hat man sich durch die labyrinthartig verschachtelten Gänge des Palais am Festungsgraben von der repräsentativen Freitreppe zur etwas weniger repräsentativen Hintertreppe durchgearbeitet, steht man schon vor dem Künstlerklub „Die Möwe“, einem urgemütlichen kleinen Club mit Stammtisch-Atmosphäre. Wer nicht weiß, wo er hinwill, wird hier kaum durch Zufall hingeraten. Auch wieder einer der berühmten Versuche des Bezirksamts Mitte, kleine Kulturbetriebe kaputt zu sparen: seit der Betreiber des Restaurants „Die Möwe“ im vergangenen Jahr Insolvenz anmeldete, fehlt dem Künstlerklub ein Raum, in dem größere Veranstaltungen geplant werden können. Wohlbemerkt in einem Gebäude, in dem klassizistische Salons hinter verschlossenen Türen zu Tode verwaltet werden, während der Künstlerklub händeringend nach (bezahlbaren) Veranstaltungsorten sucht. Das Ergebnis ist zwar ein kuscheliger Abend, wenn’s mal voll wird, aber etwas mehr Beinfreiheit als diese 30 qm für fünfzig notdürftig hineingequetschte Personen bieten, würden sich die Veranstalter schon wünschen. 

Nichtsdestotrotz: für das Tango-Chanson-Programm von Miguel Levin und seinen langjährigen Klavierbegleiter Robert Schmidt war dieser intime Rahmen wie geschaffen. Eine winzige Bühne, bestückt mit Barhocker und einem Marmortischchen, darauf ein Kerzenleuchter und ein Glas Wein. Miguel Levin betritt die Bühne in einem dunklen Anzug, den Filzhut tief in die Stirn gezogen. Mit den dunklen, pomadisierten Haaren, weiß geschminkt und mit Schatten unter den Augen ähnelt er einem verschlagenen Kleinkriminellen aus den Filmen der 30er à la Valentino oder einem gealterten Vorstadt-Gigolo, der mit ins Gesicht gemeißelter Würde immer noch Wert auf sein Äußeres legt, seit Jahrzehnten damit beschäftigt, den alleinstehenden und verwitweten Damen der Nachbarschaft Trost mit einem ins Ohr gehauchten Kompliment zu spenden, beim Tanzen unabsichtlich-absichtlich Schenkel zu streifen und damit ein Bett für die Nacht zu finden. 

Ruhig entzündet er die Kerzen des vielarmigen Silberleuchters, bevor er sich umwendet und mit Worten und Tönen zu erzählen beginnt, ganz im Sinne des Titels, der das Programm überschreibt – „Zwielicht“. Es geht, worum auch sonst, im ersten Teil des Abends um die Liebe und den Rausch, um die ewige Tango-Dämmerung und zwielichtige Gestalten, aber auch um den „Kampf der Geschlechter“. Der Kampf, den das Ringen um die Liebe und das Scheitern daran (La última curda) kennzeichnet, verlorene Gelegenheiten (Fuimos), Sehnsucht und Prostitution (Madame Yvonne). Er liest sitzend aus einem großen Buch, dem Buch des Lebens, und singt von den Geschichten, die dieses Buch schreibt, ein trauriger Chronist der Vorstädte. Er interpretiert den Inhalt der Tangos eher, als dass er sie nur singt: jeder Tango hat seine eigene Geschichte, seine Stimmung, jeder spiegelt eine ganze Weltsicht. 

Robert Schmidt begleitet ihn hierbei zurückhaltend und versonnen-leichte Weisen variierend am Klavier, er hat viel Gelegenheit, seine Tastenfertigkeit zwischen den Gesangsstücken mit Instrumentals wie „Retrato de Alfredo Gobi“ (Piazz.), „Orgullo Criollo“ (Laurenz), „Gallo Ciego“ (Bardi) und „La Puñalada“ (Castellanos) zu beweisen. 

 

 

Der zweite Teil des Abends ließe sich auch mit dem Begriff „Zwielicht der Geschlechter“ umschreiben. Levin tritt in einer schwarzen Seiden-Robe auf, die an eine Mischung aus einem japanischen Kimono und gepflegten Herren-Morgenröcken aus den 30ern erinnert und ihm ein deutlich androgynes Aussehen verleiht. Die Interpretation von Leander-/Dietrich-Liedern wie „Nur nicht aus Liebe weinen“, „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“, „Jonny“ und „Peter“, aber auch „Che Tango Che“, die deutlich den Standpunkt eines weiblichen Ich-Erzählers beanspruchen, rückt die Interpretation und das Kostüm in den Bereich der Travestie, allerdings nicht im Sinne der perfekten Imitation von Frauenfiguren, sondern im Sinne ambivalenter Geschlechtsidentitäten. 

Bekanntermaßen waren es gerade in den 30er Jahren die androgynen Sängerinnen/Schauspielerinnen, die Star-Status erreichten: Zarah Leander mit ihrer tiefen Stimme, die Garbo und die Dietrich, die in vielen ihrer Filme eine polarisierende Mischung aus weiblicher Erotik und männlichem Gestus verwendet. Miguel Levin geht den Weg in die andere Richtung weiter: er wird zur Diva, lässt sich Feuer geben, raucht lasziv, schlägt kokett die Beine übereinander und dominiert den Raum mit herrischen Gesten und blitzenden Augen – ohne seinen männlichen Gestus aufzugeben. Keine Sekunde wirkt diese Verwandlung lächerlich, seine Darstellung weckt Erinnerungen an die Rotlichtviertel, Revuen und Cabarets im Berlin der schnellen und wilden Vorkriegszeit. 

Diese Wendung im Programm mit der Pause überrascht zunächst, erklärt sich jedoch logisch aus der Dramaturgie des Abends: beide Geschlechterpositionen in Sachen Liebe werden vorgetragen, keine ist besser, keine schlechter, keine nimmt mehr Raum ein als die andere. Liebe: ein Kampf zwischen gleichwertigen Partnern. Mit „A media Luz“ schließt der Abend, die Kerzen werden gelöscht und die Diva tritt ab, nur um unter rasendem Applaus für eine Zugabe zurückgebeten zu werden: „Balada para un Loco“. 

Miguel Levin ist in Argentinien als Sohn eines emigrierten Deutschen geboren, der 1983 mit seiner ganzen Familie nach Berlin zurückkehrte. Er ist von Berufs wegen Schauspieler und tritt überwiegend in Bühnenproduktionen auf, so hat er zuletzt u. a. einen Marlene-Dietrich-Abend unter dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Seele“ gespielt, der von einem Schauspieler handelt, der sich mehr und mehr für Marlene hält. Aus der damaligen Beschäftigung mit der Dietrich erklärt sich leicht seine Faszination für ihre Songs und ihre Persönlichkeit.

1989/90 spielte er zum ersten Mal ein Tango-Chanson-Programm, hatte allerdings damals keinen Kontakt zur im Entstehen begriffenen Berliner Tangogemeinde, was sich möglicherweise auch daraus erklärt, dass er kein Gesangsprogramm absolviert, sondern mit seiner Mischung aus Schauspiel und Sprechgesang/Gesang eher ein Kabarett-Pbulikum, denn das übliche Tango-affine Publikum anlockt. Seit gut zehn Jahren arbeitet er mit dem Pianisten Robert Schmidt zusammen. Im Rahmen seines zwanzigjährigen Bühnenjubiläums hat er im Jahr 2003 eine CD „Recital de Levin“ eingespielt, die allerdings nur während seiner Live-Veranstaltungen erhältlich ist. Wegen des großen Erfolges des Chanson-Abends wurde er für April erneut in die „Möwe“ eingeladen.

 

 

Mehr von Miguel Levin im Künstlerklub „Die Möwe“

22. April, 20.00 Uhr: „Recital de Levin“

Palais am Festungsgraben, Am Festungsgraben 1

Berlin-Mitte

 

Ein paar Worte zur bewegten Geschichte des Künstlerklubs „Die Möwe“:

1946 von der sowjetischen Militäradministration ursprünglich zur Versorgung der Künstler mit Lebensmitteln gegründet, blickt der Künstlerklub "Die Möwe" auf eine lange Tradition als trendiger Künstlertreff zu DDR-Zeiten zurück, damals noch in der Luisenstraße situiert, in dem Gebäude, in dem sich heute die sachsen-anhaltische Landesvertretung befindet. Neben Berliner Stammgästen aus der Theaterszene (u. a. Walter Felsenstein, Bert Brecht, Helene Weigel) gehörten dort in den 50er und 60er Jahren internationale Stars wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Yves Montand und Sophia Loren zum Besucherkreis. Heute, beinahe 60 Jahre nach ihrer Eröffnung, residiert "Die Möwe" im Palais am Festungsgraben und versucht - ohne feste Zuschüsse, nur auf Basis eigener Einnahmen und der Mitgliederbeiträge - eine Brücke zwischen der legendenumrankten Vergangenheit (es existiert kaum ein ostberliner Künstler, der in sentimentaler Erinnerung an alte Künstlerklub-Zeiten nicht feuchte Augen bekäme) und aktuellen kulturpolitischen Trends zu schlagen. Unbequem, ein wenig ab vom Mainstream und mit ungebrochenem künstlerischen und politischen Anspruch. Die intime Atmosphäre des Klubs gibt nicht selten die Gelegenheit, nach den Veranstaltungen mit dem einen oder anderen Künstler ein Glas Wein zu trinken und über alte Zeiten zu plaudern.

 www.moewe-kuenstlerklub.de  

 

Fotos und Text: Elke Koepping

Inhalt:




































































































































































































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