"Sobald Du 30 wirst, packt Dich der Tango"
Dolores Solá und
Acho Estol (La Chicana)
im Gespräch
______________________________
Interview/Übersetzung:
Elke Koepping

Foto: Pressematerial
"La Chicana"
Was bedeutet der Bandname "La
Chicana" für Euch?
Acho Estol: Er bedeutet für uns etwas sehr argentinisches,
"kleine Betrügereien", die jeder in Buenos Aires zu jedem
Zweck ständig anzettelt. Es gibt den offiziellen Weg und dann gibt es
"La Chicana". Es ist etwas, das Du Dir ausdenken kannst,
um bestimmte Sachen zu vereinfachen, nicht notwendigerweise illegal.
In welchem Zusammenhang steht dies für Euch mit dem Tango?
Acho Estol: Weil es ein Lunfardo-Begriff ist, ist es etwas, das aus
unserer Kultur kommt. Als wir mit La Chicana anfingen, hatten
wir einen Job auf einer Milonga, aber noch keinen Namen. Die riefen
uns an und sagten "Wir müssen jetzt mal die Werbung
drucken." Wir haben versucht, auf ein Lunfardo-Wort zu kommen,
das uns interessant erschien. La Chicana hat diese kleine
schmutzige Bedeutung, das gefiel uns.
Ich muß gestehen, beim ersten Anhören der neuen CD "Canción
Llorada" fand ich eher Parallelen in einem sehr modernen
Singer-/Songwriter-Konzept aus der Popkultur. Gibt es bei Euch in der
Band Wurzeln in der Rockmusik?
Acho Estol: Die meisten von uns haben diesen Background. Ich habe
lange Zeit in Rockbands gespielt und Rocksongs geschrieben, natürlich
auch mit großem Einfluß aus dem Bereich Tango und
Argentinische Folklore, aber grundsätzlich war ich jahrelang ein
Rocker.

Stellt sich hier auch eine Verbindung her zu Eurer Beschäftigung
mit den alten Tangostilen, insbesondere dem 'Tango Canción'?
Acho Estol: Um die Musik-Kultur zu erneuern, musst Du ihre Wurzeln freilegen.
Als wir mit La Chicana anfingen, haben die meisten jungen Leute
Piazzolla studiert. Wir hielten es für einen Fehler, bei ihm
anzufangen. Wir wollten weiter zurückgehen. Wir haben mit den
ältesten Tangos angefangen und je mehr wir diese alten Tangos
studierten, desto besser gefielen sie uns. Wir haben in ihnen den
Geist des Rock'n Roll gefunden, der Freiheit. Den Geist des "Du
hast nichts zu verlieren". Wenn Du nichts zu verlieren hast,
kannst Du sagen, was Du willst. Wenn Du wohlhabend bist und den Ruf von
Anständigkeit und Ernsthaftigkeit vor Dir herträgst, dann musst Du
aufpassen, was Du sagst, Du musst Deinen Status Quo aufrecht erhalten.
Wie kommen Rockmusiker aus Argentinien eigentlich auf die Idee,
Tango zu spielen, ich hatte den Eindruck, gerade unter jungen Leuten
ist er nicht besonders populär?
Acho Estol: Als wir jung waren, war das auch so. Wir haben überhaupt
keinen Gedanken daran verschwendet, uns mit Tango zu beschäftigen.
Als ich 18 oder 20 war, mochte ich den Tango, aber es war absolut
unmöglich, gleichzeitig Rock und Tango zu machen. Wenn Du älter
wirst, wirst Du vielleicht auch ein Stück weit weiser und der Tango
packt Dich. Wir haben eine historische Zeit erlebt, in der 30 Jahre lang nichts im
Tango passiert war. Der Tango war korrumpiert, etwas für den Export,
für Touristen. Er war hässlich und dumm zugleich.
Wir haben dann
angefangen, diese beiden Stile zu verbinden, die wir für ähnlich
halten: den Einfluss von Rockmusik auf unser Leben, wie durch die
Beatles oder Tom Waits, und die musikalische Tradition des Tango. Wir
haben an der Tradition nichts verändert, wir machen immer noch Tango.
Aber wenn ich Tango-Songs schreibe, gehe ich an sie heran wie an
einen Rocksong und mit einem modernen Konzept. Ich habe bisher ca. 200
Songs geschrieben, also habe ich so etwas wie einen eigenen Stil
entwickelt. Gleichzeitig schreibe ich aus der Tango-Perspektive
heraus. Die Leute sagen, es klingt neu, aber ich denke immer, es
klingt neu, weil es so alt ist.

Haben die Texte auch ihren Ursprung im 'Tango Canción'?
Acho Estol: Ja, sie haben dort ihren Ursprung, gehen aber an Orte, an
denen der Tango noch nie war. Das macht es vielleicht auch
interessant. Vor allem in den letzten 30 Jahren hat der Tango nur sich
selbst reflektiert und seine eigenen Klischees. "Da ist diese
kleine Bar, in die ich als kleines Kind immer gegangen bin usw."
Ich habe angefangen, Tangos über alles zu schreiben – Du hast
theoretisch sogar die Möglichkeit, einen Tango über außerirdisches
Leben zu schreiben, einen Science-Ficiton-Tango.
Dolores, was für Musik hast Du bisher so gemacht?
Dolores Solá: Ich mochte immer Rockmusik und hab' sie auch viel
gehört, aber ich habe nie Rock gesungen. Ich komme aus einer Ecke der
Latin Music mit Flamencos, Boleros, Tangos.
Seid ihr noch in anderen Projekten engagiert, neben La Chicana?
Acho Estol: Ich mache noch Musik für Theaterprojekte und für den
Film und ich habe gerade eine Platte für eine Rockband produziert.
Dolores ist Schauspielerin und wird demnächst auch eine größere
Rolle in einem Film spielen, außerdem arbeitet sie im Kulturbereich. La Chicana
ist unser grösstes gemeinsames Projekt – abgesehen davon, dass wir
ein Paar sind. Man könnte sagen, das ist auch so eine Art Projekt... (lacht)
Verstehe, das beantwortet selbstverständlich die Frage, die uns
alle am brennendsten interessiert hat. ... Tanzt bei Euch eigentlich
jemand Tango?
Acho Estol: Sie tanzt.
Dolores Solá: Ich bin keine gute Tänzerin. Mit einer guten Führung
tanze ich OK, mit einer schlechten schlecht.
Ist das nicht immer so?
Acho Estol: Nein, ich tanze immer schlecht! Auch mit einer guten
Partnerin...
Muss man wissen, wie der Tanz funktioniert, wenn man ein guter
Tangomusiker sein will?
Dolores Solá: Nein, das denke ich nicht. Ich denke, es ist genau
umgekehrt. Um Tango zu tanzen, musst Du ein besonderes Gefühl für
die Musik entwickeln.
Acho Estol: Ich sehe das anders. Wenn es Tango sein soll, dann muss es
tanzbar sein, oder? Ich denke nicht an den Tanz, wenn ich einen Tango
schreibe, weil ich es unbewusst tue und einfach weiß, dass meine
Tangos tanzbar sind. Der Tango wurde als Tanz geboren, all diese
musikalischen Elemente, die ich beachte, wenn ich einen Tango
schreibe, liegen im Tanz begründet: Rubato, Pause, Wiederbeginn,
plötzliches Schnellerwerden und noch schneller und wieder langsamer
werden, Pause, etc.
Ihr habt einen Brecht-Song auf Eurem dritten Album "Tango
Agazapado", die 'Ballade vom Soldatenweib' (La mujer del soldado).
Was hat Euch an diesem Lied interessiert, das nicht so häufig zu hören ist wie z. B. der
Youkali-Tango?
Acho Estol: Brecht und Weill sind echte Tangueros. Ihre ganze Musik
hat so eine Art Tango-Atmosphäre um sich. Diesen Song mochten wir
einfach am liebsten. Er hat diesen unglaublichen Text, von dem wir
annahmen, dass wir ihn gut in unsere Kultur übersetzen könnten. Die Arbeit daran
hatte mehr Originalität. Wenn wir den Youkali-Tango genommen hätten
oder einen anderen, der ursprünglich schon als Tango gemeint war,
wären wir zu nah am Klischee gewesen. Das ist zu offensichtlich.
Zukunftspläne, nach der Deutschland-Tournee?
Acho Estol: Wir werden eine Live-CD einspielen.
Dolores Solá: Ausruhen! Schlafen! (lacht)
Das Gespräch wurde in Berlin vor dem Konzert
der Gruppe in der Kulturbrauerei am 22.06.2005 geführt.

http://www.lachicanatango.com/English/index.html
Lesen Sie auch
unseren Artikel "Tango mit Witz und
Sexappeal - La Chicana in München" von Fabian Kasten: Mehr...
Eine
Rezension der neuen CD "Canción Llorada" von
La Chinana
erscheint in der August-Ausgabe von tangokultur.info.
Schon jetzt kann man die Neuerscheinung bei unserem Partner Amazon
bequem online bestellen:

jetzt bestellen
Ausgabe Juli 2005
Möchten Sie einen
Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?:
Leserbriefe@tangokultur.info
nach
oben