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Hit and Run Tango

Unter den "Gates" im New Yorker Central Park

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Fotos und Text: Ingrid Kasper  

 

 

Central Park, Sonntag, 12:45

Hot Dog Verkäufer im Central Park sind happy – soviel haben sie seit Jahren nicht mehr verkauft. Eine Million Besucher im Park, bei minus 8 Grad, aber herrlicher Sonne – da werden die hot dogs in der Schnelle gleich eiskalt verkauft. Park Rangers und Polizisten stellen sich auf einen friedlichen Nachmittag ein. Außer auf die Million Besucher müssen sie noch auf 7.503 saffranfarbene Gates und Stoffbahnen aufpassen, die munter im Wind flattern. Am Vorabend konnten sie die einzige Graffitiattacke abwehren (die Künstler waren dumm genug, ihre eigenen Namen auf die Plastikpole zu schreiben); an diesem Morgen fallen nur die Statuen am Poet’s Walk merkwürdig auf, weil sie alle Orangen zu essen scheinen. Beethoven hat eine unters Kinn geklemmt, Schiller eine auf seine Feder gespießt, und Columbus sogar eine in jeder Hand. Und in den frischen Schnee hat jemand mit seinen Stiefeln “No Bush” eingestampft. “Must have been our German tourist friends”, wispert ein Parkwächter mit leisem Lächeln.

 

Bethesda Brunnen, 13:00

“Are you she?” kreischt eine Touristin und stürzt mit Autogrammblock auf Lucille Krasne los. Als DIE “Grande Dame” des New Yorker Tangos müsste Lucille es fast gewohnt sein, Autogramme zu geben – aber heute fällt sie vor allem wegen ihrer roten Haare auf. Nein, sie ist nicht Jeanne-Claude, die trägt noch viel roteres Revlon 49. Lucille hat eine ganz andere Mission: Hit and Run Tango!

Eine kleine konspirative Gruppe hat sich rund um den Brunnen versammelt. Hier hat alles mal angefangen, vor acht oder neun Jahren, als sich im Schutz der Dämmerung die Tangueros zum illegalen Tanz im öffentlichen Park trafen, ganz stilvoll mit Banketttafel und Kerzenleuchter – aber mobil genug, um beim Eintreffen der Ordnungshüter die Flucht zu ergreifen.  

 

Immer noch Bethesda Brunnen, 13:15

Gerald und Joy haben einen Restposten königsblauen Satins gekauft und –autsch- stecken ihn mit Sicherheitsnadeln an den Daunen-Wintermänteln der Tänzer fest. Manche Männer bevorzugen blauen Schal oder blaues Hutband. Trey befestigt den CD Player mit Klebeband an einem Kofferkuli. Gleich kanns losgehen. Noch sind die übrigen Parkbesucher ahnungslos und widmen ihre Aufmerksamkeit einem anderen Installationskünstler, der seinen orangenen Legoturm in den Schnee stellt und vor dem Hintergrund der Gates photographiert.  

 

Spazierweg am See, 13:20

Nach einigem Tüfteln funktioniert die Musikanlage, die Tänzer formieren sich. Da-da-da-da-di-da-dadada…. Ein Wahnsinns-Gefühl, Rückwärts-Ocho den Steilhang hinunter, oops, Glatteis, über mir tiefblauer Himmel und goldgelber Stoff im Wind, oops, beinahe wäre mein Schuh im vereisten Schnee steckengeblieben. Verdutzt quetscht sich eine fünfzigköpfige Tourgruppe an uns vorbei. Erste Digitalkameras werden gezückt.  

 

Plaza am See, 13:30

Angekommen, endlich wieder ebenerdiger, unvereister Grund unter den Füßen. Noch breitere, orangenere, wildere Gates über dem Kopf. “Diese Farben, diese Farben, ich hab’ noch nie so intensive Farben gesehen”, ruft ein Tourist seiner Freundin zu. Gerald’s königsblauer Stoff ist ein Hit und noch mehr Digitalkameras werden gezückt. Auf einmal sind wir von Photographen umzingelt auf der Plaza und werden ständig gefragt, welche Tanzgruppe wir denn eigentlich seien. Nee, wir sind einfach nur Tangotänzer und machen das zum Spaß. Wollt Ihr nicht auch mal Tango lernen? Lucille’s Milonga-Infos werden ihr aus den Händen gerissen.  

 

Immer noch Plaza, 14:30

Die Menschenmenge wird immer dichter. Der Blick von der Plaza über den See, Gates bis zum Horizont, die Türme des San Remo Gebäudes vor uns, ein Hot Dog Verkäufer um die Ecke und Milonga Musik – das wärmt das Herz bei minus 8 Grad. Einige haben sogar den Wintermantel ausgezogen und tanzen im Pulli, ein paar Umstehende wagen erste Aufwärmschritte und wer grade mal keine Digitalkamera vor den Augen hat, den sieht man ganz selig lächeln.  

 

Selber Platz, 14:40

Inzwischen muss es sich rumgesprochen haben. Ein kleines Parkmobil nähert sich, darin eine Kamerafrau von der Filmproduktion, die den offiziellen Dokumentarfilm zu den Gates dreht. Wir versuchen, unser Bestes zu geben. (Film kommt im September in die Kinos!!) Langsam allerdings werden die Zehen zu Eis und die Wintermäntel schnell wieder angezogen. Es wird Zeit zu rennen…, oder?  

Selber Platz, 15:10

Die Park Rangers nähern sich. Immerhin, zwei Stunden lang haben sie nichts mitgekriegt, und müssen endlich mal einschreiten. “Can you show us your permit?” Nein, natürlich haben wir kein “Permit for amplified music” und sehr zum Bedauern unserer Zuschauer werden wir damit aus dem Park verwiesen. Nun gut, wirklich rennen muss niemand und es drohen auch keine Handschellen, aber der Spass hat ein Ende.

“At some point it must stop, that’s the true spirit of Lucille’s Hit and Run Milonga”, gesteht sogar Lucille ein. Wenn die Ordnungshüter diesmal ein Auge zugedrückt hätten, dann wäre etwas vom Reiz des Verbotenen verloren. Immerhin, zwei Stunden Tango unter den Gates werden allen unvergesslich bleiben (und langsam müssen wir uns sowieso mal wieder die Füße aufwärmen.)

 

Session 73 Tapas Bar, Ecke 73rd Street und First Avenue, 17:30

Nach heißer Dusche und noch heißerem Rum Toddy gehts weiter bei Lucille’s Tapas und Tango Nachmittag. Tango unter den Gates war phantastisch und einmalig – aber Hit und Run Tango wird’s in New York wieder geben. Und Tango im Central Park, ohne Gates und ohne Wintermantel, gibts jeden Sommersonnabend, ab 18 Uhr an der Shakespeare Statue am Poet’s Walk. Vielleicht bringt ja jemand Shakespeare wieder eine Orange mit…  

Weitere Bilder und Hintergründe zur "Hit and Run Milonga unter den Gates" im Reiseteil von tangokultur.info! Mehr...

 

 

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