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Buch-Rezension:
Tango von Thomas Rosenboom
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Text: Swantje-Britt Koerner


Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005, 
152 Seiten, ISBN 3-421-05788-5

 

Ich habe Thomas Rosenbooms Buch Tango (im niederländischen Original Spitzen) gleich noch einmal gelesen. Nicht nur, weil es mich beim ersten Durchgang zu schnell fortriss, sondern weil es mich zugleich in einen überraschenden Ärger hineinmanövrierte. Als ich im ersten Durchgang beim letzten Satz '... niemand musste sehen, wie Bijman so seinen Leib ablegte und ihn in ihrem barg' auskam, war mir gewiss: dieser Text war überhaupt kein Roman, sondern eine längere Kurzgeschichte, eine Farce, zynisch in der Charakteristik und Entwicklung der Figuren, holzschnittartig grob in der Sprache. Der Autor, Jahrgang 1956, den sein Verlag als einen der bekanntesten und erfolgreichsten seines Landes preist, mutete mindestens einer seiner Figuren, dem Buchhalter, eine übertriebene Naivität zu. Ich mag es nicht, wenn sich ein Autor über seine Protagonisten stellt.

Tango handelt von den Ganchos, welche die Liebe schlägt und davon, wie sie dann zurückschlagen kann – und es scheint mir keine Neuigkeit zu sein, dass die Liebe zu so etwas imstande ist. Nun, nach der zweiten Lektüre, ahne ich, warum mich die erste derart verärgerte. Ich fühle mich betrogen um mein Bild vom Tango und als tanguera nueva obendrein ein wenig gedemütigt.

Da ist Han Bijman, der Buchhalter, der am Chemiestudium schnupperte. Er hat immer nur beinahe mit einer Frau geschlafen, dabei ist er schon 45, ein älterer Jungmann. Am Beginn der Geschichte hat er gerade seinen Anfängerkurs absolviert, er besucht – ohne Partnerin – seinen ersten Salon und fordert nach qualvollen Stunden des Herumschweifens und -sitzens, des akuten Wartens auf den erlösenden Blick einer Tänzerin, eine Asiatin auf, weil er meint, einen ‚Cabeceo’ (traditionelle Technik für das Auffordern des Tanzpartners durch Augenkontakt)
auszumachen. Während des völlig misslingenden Tanzes wird er von ihr stehen gelassen –  worauf sich Esther seiner erbarmt. Esther ist 40, eine Tangoschöne, die führt. Natürlich verliebt Han sich in sie. Leider wechselt Esther ihre Liebhaber wie andere Leute ihre Unterhosen. Zudem erwartet sie die Ankunft ihres indischen Verlobten in Amsterdam.

Hans erste Liebe
wird für ihn zu einem ‚Zahir’, womit der brasilianische Autor Paul
o Coelho in seinem jüngsten, gleichnamigen Roman etwas bezeichnet, "das man, hat man es einmal berührt oder gesehen, nie wieder vergisst und das unser ganzes Denken bis zum Wahnsinn besetzt". Esther schiebt Han in immer ausgeklügelteren Varianten in den Wartestand, Han triumphiert, indem er Esther mit der tangoklugen Machteld, 55, betrügt. Durch einen finalen Racheakt versucht sich Han zu entschädigen, aber der 'Zahir' verlässt ihn dadurch noch lange nicht. Man lernt: So mag es kommen, wenn alle Protagonisten über 40 Jahre alt sind, aber in der Seele ewige Kinder, die trotz ihres Lebens in einer modernen, westlichen Großstadt wie Amsterdam in grausamer Unbewusstheit leben.

Die Geschichte ist schlicht gebaut. Der Autor tanzt den Schuhplattler unter den Tangoarten, er führt von Beginn an im schnellen, rustikalen Stil der Milonga. Er ist eine Stratege der Überrumpelung, denn ein jeder Leser ist beim ersten Durchgang durch ein Buch ein Laie – aber dann kommt nichts Gutes. Bitte erwarte nicht, mag man dem Leser zurufen, dass dieser Autor die Menschen oder wenigstens den Tango liebt! Ich halte es dennoch für möglich, dass diese Überrumpelung einen Leser faszinieren kann, so wie ein geübter Tänzer den Anfänger faszinieren mag, wie Esther Han fasziniert, als sie ihn in seinem ersten Salon in den Tanz hineinrettet. Ich
gebe zu, ich habe beim zweiten Durchgang gelacht. Tangonovize Han wird von Machteld belehrt, warum die Frau den Gancho macht: "... den Haken schenkt sie ihm, freiwillig, wenn sie ihn belohnen möchte ... und sonst nicht!" "Dieses Gepiekse mit den Fingern in deinem Rücken ab und an, manche Männer scheinen zu glauben, dass Frauen dort ein Schaltbrett hätten ...". Der Figur der Machteld, die dieses alles sagt, hat der Autor die schönsten Humormomente mitgegeben. "Wer redet, ist ein Individuum, wer schweigt, ist einfach ein Mann – und mit dem will ich doch tanzen." Reizend, wie Han versucht, durch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse Esther zu beeindrucken und für sie die theatralische Vorstellung des Prinzips ‚Vulkan’ vorbereitet, wie er ihr später dann Stück für Stück Dinge entwendet, an denen ihr Herz wirklich hängt ...


Foto: Stefan Ulrich Meyer
Dennoch: Ich mag dieses Buch noch immer nicht so recht. Ich denke, Rosenboom (Foto) hat es sich auf Kosten seiner Figuren zu leicht gemacht. So ist Han auch noch ein versierter Schachspieler, der aber nie gewinnt, nicht einmal eine sichere Partie.

Vor allem hat es mich enttäuscht, dass der im Salon getanzte Tango, mit dem die Geschichte eröffnet wird, szenisch nicht weitergeführt wird, außer stellvertretend als Metapher eines immer boshafter werdenden Scharmützels. Noch einmal: Ich fühle mich um mein Bild vom Tango betrogen. Der Tango ist ein variantenreiches Spiel der Umarmungen, im blanken Schreiten ebenso wie in seinen Verzierungen, eine Practica für das Leben außerhalb der Salons, eine Beziehungsschule, und ich hoffe, es tanzen ihn nicht nur die über 40-jährigen Großstadtkinder. Im Tango lernt man sich aufeinander zu beziehen – manchmal sogar mit geschlossenen Augen, doch diese Möglichkeiten des Tango sieht Rosenboom nicht in seinem Stechschritt der Entjungferungen, Betrügereien, Demütigungen und kleinen wie größeren Racheakte.

Braucht das, was sich ‚Roman’ nennen darf, nicht immer eine Lichtung? Erreicht er nicht erst durch eine solche seine eigentliche Relevanz? Die Lichtung, die Rosenboom am Ende seines Buches findet, ist nicht besonders originell, eher bescheiden und – wie man ahnt – auch nur von kurzer Dauer. "... niemand musste sehen, wie Bijman so seinen Leib ablegte und ihn in ihrem barg."

Tanzen würde ich mit diesem Autor nicht. Ich fürchte, er schöbe mich mit seinen Schuhspitzen an, drängelte sich in meinen Beinraum, brächte mich zum Stolpern und ließe mich auf der Tanzfläche stehen.

 

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Ausgabe August 2005

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