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Wie war's eigentlich bei...

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Tangele - The Pulse of Yiddish Tango

Anmerkung: Am 27. Januar hat sich die Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz zum 60. Mal gejährt. Das Konzert fand am 28. Januar 2005 im Berliner Jazzclub Schlot statt. Terminlich eine Koinzidenz für die deutschland-Premiere eines Programms mit Jiddischen Tangos:

(Foto: Elke Koepping)

Besetzung: Lloica Czackis - Gesang / Juan Lucas Aisemberg - Viola / Gustavo Beytelmann - Klavier und Arrangements

  (Foto: Elke Koepping)

Gustavo Beytelmann in der Stadt und schon gibt sich die Haute Volée der Berliner Tangoszene im Jazzclub Schlot die Klinke in die Hand ob der Aussicht, dem Klavier-Virtuosen und Piazzolla-Weggefährten zum Greifen nah auf die tastenschwingenden Fingerchen zu gucken. Alles was in (Tango)-Musikerkreisen Rang und Namen hatte, liess sich in der Tat dort blicken - man kam schier gar nicht mehr aus dem Händeschütteln und den Wangenküsschen heraus. Aktiv gesichtet habe ich neben dem argentinischen Kulturattaché Maximiliano Gregorio-Cernadas und Assistentin Erna Lengert den Konzertagenten Wolfram Arton, Tangosängerin Ana Fonell, Komponisten José Hernán Cibils, sowie nahezu komplette Besetzungen von Berliner Tango-Formationen von A wie Amortal über C wie Cantango bis hin zu V wie Vibratanghissimo - eine Jam-Session im Anschluss an das Konzert mit allen anwesenden Musikern hätte sicher ein nicht wenig interessantes Ergebnis gezeigt... (Sollte ich jemanden vergessen haben oder einfach nicht kennen: Beschwerde-emails bitte an Elke.Koepping@tangoberlin.de)

Und wirklich, wer dieses exquisite Konzert-Kleinod aus purer Ignoranz oder wegen des Familienurlaubes verpasst hat (wie Herr Buntenbach), wird sich hoffentlich noch wochenlang vor Verzweiflung in den Hintern beissen. Da hilft natürlich nur eines: regelmässig tangoberlin.de checken... Ganz abgesehen davon war an jenem Freitagabend ohnehin kein Platz mehr im Schlot zu ergattern, der Club-Besatzung gelang es eben so, die strömenden Zuschauermassen noch bis in den Türrahmen hineinzuquetschen.

Für die Berlin-Premiere des "Tangele"-Programmes hätten sich die Musiker zwar eine geräumigere Location gewünscht und sicher auch gefüllt, doch wie Juan Lucas Aisemberg in einem Interview berichtet, ist der eigentliche Anlass für das Konzert eine Studio-Aufnahme in Berlin, für die eine umfangreiche Förderung gewonnen werden konnte. "Wir haben das Konzert einfach zur Vorbereitung der Aufnahme gespielt." Hoffnung also für all diejenigen, die erst jetzt davon erfahren: demnächst wird zur 'Tangele'-Musik auf der Milonga getanzt! Nach wie vor geniessen demnach auch die in Paris lebende Sängerin Lloica Czackis und Maestro Gustavo Beytelmann die Vorzüge des trüben Berliner Februarwetters. Dass genau dieses Konzert ein besonderes war, ergibt sich übrigens nicht nur aus der Tatsache, dass das 2002 bereits in London uraufgeführte 'Tangele'-Programm seine Deutschland-Premiere erlebte, sondern auch aus der Bühnen-Mitwirkung Beytelmanns. "Er tritt nur noch sehr selten mit uns auf, ein Schüler von ihm, Ivo De Greef, vertritt ihn häufig. Beytelmann will sich einfach stärker dem Komponieren widmen", erklärt Aisemberg.

Das Programm im Schlot war dramaturgisch in zwei Teile geteilt: im ersten gab es Tangos der jüdischen Theater von New York und Buenos Aires zu hören, die von Emigranten verfasst wurden und überwiegend näher an den 'klassischen' Tangothemen der stilisierten romantischen Liebe liegen, wie z. B. "Oygn" aus dem Jahr 1934 von Molly Picon/Abraham Ellstein. "Oh, für Deine dunklen Augen würde ich alles geben, die Welt wäre nichts wert ohne sie." Im zweiten Teil kamen Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern Europas in der Zeit von etwa 1934-1942 zum Vortrag. Nicht einfach zu verdauen war hier neben den Lied-Inhalten, die auf brutal schlichte Weise vom Leben in den Ghettos und dem Elend in den Konzentrationslagern erzählen, vor allem die Tatsache, dass ein Grossteil der mit den Tangos erinnerten Künstler den Nationalsozialismus nicht überlebt hat, wie der Programmzettel ausführt: so Ruven Tsarfat, der Texter des "Yidish tango", der in Dachau starb und Komponist Dovid Beigelmann ("Kinder yorn"), der in Auschwitz umkam. "Die selben Karren auf den Strassen, die selben Zeitungsjungen und der selbe Himmel, aber die Menschen darunter sind nicht mehr die selben. Die Sonne scheint und wundert sich, und ich frage mich, warum muss das so sein. Warum ist manchen Menschen eine glückliche Zukunft bestimmt, während für andere alles verboten ist." ("Tsi darf es azoy zayn") Einfache Wahrheiten bedürfen keiner komplizierten Erläuterungen.
Wohltuend waren die zurückhaltenden musikalischen Arrangements von Beytelmann, die zu Beginn der Songs entfernt die eine oder andere bekannte argentinische Tangomelodie durchscheinen liessen. Kein rührseliger Kleister, der die hypnotisierende Stimme der Mezzosopranistin Lloica Czackis zutriefte, sondern sparsam im Hintergrund verteilt, lauerte hier ein Beytelmannscher Klavierakkord, dort ein wohlgeführter Bogenstrich des Bratschisten Juan Lucas Aisemberg. Überhaupt ein gut überlegter Kontrast: der hohen Stimme Lloica Czackis' keine Violine an die Seite zu stellen, sondern eine Viola, die stimmlich tiefer den Gesang variierte, virtuos in Szene gesetzt bei dem Lied "Kinder yorn", bei dem sich zu Beginn Czackis' Stimme und Aisembergs Bratsche ein spielerisches Melodiegefecht lieferten. Unwillkürlich geriet man als Zuschauer in einen Gewissenskonflikt, war man gekommen, dem virtuosen Klavierspiel Beytelmanns zu folgen, denn es war nahezu unmöglich, sich der unprätentiösen, aber gewaltigen Ausstrahlung von Lloica Czackis zu entziehen. Ganz das Gegenteil von einem argentinischen Tango-Vamp verkörperte sie mit ihren grossen Augen, dunklen Haaren, die schneewittchenhaft das helle Gesicht umrahmten und wunderschönen weichen weissen Armen die vom Stummfilm-Bösewicht verfolgte unschuldige Schönheit aus den Filmen der 20er Jahre (wenn auch ausgesprochen hochgewachsen für die damalige Zeit, aber das lassen wir mal der Gegenwart geschuldet sein...). Ihr Gesang kam aus vollem Herzen, die Melodie Note für Note gefühlt, ruhig klagend und hin und wieder in der Tiefe gebrochen - ich kann mir beinahe keine perfektere Interpretation dieser melancholischen Lieder vorstellen, was das anwesende Fachpublikum mit jubelndem Applaus unterstrich.

"Tangele" bedeutet übersetzt in etwa "Tangochen", als Koseform für einen 'kleinen Tango' eine Wortschöpfung der Sängerin Lloica Czackis, die das Programm entwickelte. Nach Abschluss ihres klassischen Gesangsstudiums in London fielen der in Deutschland gebürtigen und in Venezuela aufgewachsenen Tochter argentinisch-jüdischer Eltern im Jahr 1999 jiddische Tangos in die Hände, die heute schon beinahe vergessen sind. In einem Interview mit ihr steht zu lesen, "Ich habe nach einer Musik gesucht, die etwas mit meiner eigenen Erfahrung zu tun hatte, an die ich wirklich glauben konnte. Diese Musik bin ich, das sind meine beiden Wurzeln, jüdisch zu sein und Südamerikanerin." Drei Jahre recherchierte sie in Archiven auf der Suche nach den Liedern, die sie in "Tangele" präsentiert und begann, die jiddische Sprache zu studieren, die sie heute einigermassen sicher beherrscht. Sie erhielt für ihre Arbeit und für ihre Vorträge zum Jiddischen Tango zahlreiche Auszeichnungen und wird ihre Ergebnisse nun auch in einer Doktorarbeit in Paris schriftlich umfangreich fixieren.

Juan Lucas Aisemberg, Bratschist an der Deutschen Oper Berlin und u. a. bei Vibratanghissimo, erzählt, wie er zu diesem Projekt kam: "Ich kenne Lloica schon lange, sie ist eine Cousine von mir. Ihre Idee war es, diesen alten jiddischen Tangos die Melodie zu lassen, aber statt der rhythmisch sehr harten europäischen Tangobegleitung eine argentinische einzusetzen. Die Idee war sehr gut, das konnte sie nur nicht selbst machen, man braucht dafür einen richtigen Komponisten und Arrangeur. Man empfahl ihr Beytelmann. Sie hat dann Beytelmann angerufen - sie kannte ihn nicht - aber ihn hat sofort das Projekt so sehr interessiert, er hat alles umsonst gemacht. Es war wirklich ein Wunder!"
Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass gerade jetzt auch der Film "Der Tango der Rashevskis" anlief - das konnten die Musiker bei ihrer Konzertplanung für den 'Schlot' unmöglich gewusst haben. Boomt jüdische Kultur ob ihrer heutigen Exotik im von ihr nahezu vollständig beraubten Berlin? Ist es diese dritte und vierte Generation nach dem Krieg, die neugierig wird auf ein Volk, das sie nur aus Geschichtsbüchern kennt? Oder liegt es daran, dass wir endlich bereit sind, uns unbefangen an jüdische Kultur und ein Geschichtsbewusstsein jenseits von konservierenden Museen und halbherzigen Schuld- und Schambeteuerungen heranzutasten, nachdem diese bisher wenig zur Heilung der grossen kulturellen Lücke beigetragen haben, die der Holocaust gerissen hat? Wenn diese Tangos irgendwo auf der Welt gespielt werden sollten, dann hier, mitten im ehemaligen Herzen des Faschismus, ganz ohne Polizeibewachung und Schutzgitter, als Teil einer lebendigen Berliner Tangokultur, in unbefangen getanztem Gedenken.

Elke Koepping

Mehr Informationen: www.lloicaczackis.com/tangele.htm


 (Fotos: Elke Koepping)

 

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