Filmrezension
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"Der Tango
der Rashevskis"
Belgien/Luxemburg/Frankreich
2003
Regie: Sam Garbarski
Start: 20.01.2005
Zufall oder Zeitgeist?
Nahezu zeitGLEICH jedenfalls gelangen momentan ZWEI Filme in die
deutschen Kinos, die anhand der Geschichte einer einzigen Familie die
Irrungen und Wirrungen einer Suche nach jüdischer Identität in
zweiter und dritter Generation nach dem Holocaust nachzeichnen. Große
Vorschußlorbeeren erntete bereits die deutsche Produktion "Alles
auf Zucker" des Regisseurs Dani Levy, es folgt mit wesentlich
leiseren Tönen die in Frankreich bereits erfolgreich laufende Komödie
"Der Tango der Rashevskis" des ebenfalls deutsch-stämmigen
Regisseurs Sam Garbarski. Auch hier trifft orthodox auf unorthodox und
'Goj' auf 'Mensch', die in Frankreich situierte Geschichte steht
jedoch im Geiste wahrer Multinationalität und knüpft neben der
familiären Glaubenskrise zarte Bande zwischen einer jungen Araberin
und einem jungen Juden. Unprätentiös, mit ganz feinem und leichtem
Humor durchwirkt, beginnt und endet der Film nahezu symmetrisch, um
nicht zu sagen harmonisch, mit einer Beerdigung: Familie Rashevski und
Freunde haben sich am Grabe der Familien-Matriarchin Rosa versammelt -
ein Grab im jüdischen Teil des Friedhofs, das die Anwesenheit eines
Rabbiners erfordert, wie ihr Nachlaß verfügt. Niemand in der
Familie, nicht einmal Rosa selbst, hat bisher viel Wert auf jüdische
Traditionen gelegt, so daß während der Zeremonie alle ein wenig
ratlos herumstehen. Simon und David, Rosas Söhnen, kommt die Aufgabe
zu, eine Ansprache an die Trauergäste zu richten. Aus der
Verlegenheit heraus improvisiert Simon einige hilflose Worte, in dem
Versuch, die Essenz von Rosas Wesen zu beschreiben. "Mit 5, 6
Jahren brachte sie uns den Tango bei. Sie sagte 'Wenn ihr Tango tanzen
könnt, dann seid ihr niemals unglücklich." Der Tango als "Familien-Aspirin"
(so der Regisseur wörtlich in einem Gespräch zur Berlinpremiere im
Hackesche Höfe Filmtheater) wird, ebenso wie Rosa, den Film nicht
mehr verlassen. Rosa hat die Familie Rashevski behütet und
zusammengehalten, mit ihrem Tod ist jedes einzelne Familienmitglied
auf sich selbst zurückgeworfen. Der Tango wird zum Sinnbild für
Rosa, durch und durch ist sie mit ihm verwoben und keine der Figuren
kann an Rosa ohne den Tango denken - oder ist es umgekehrt? Steht
Rosa, die schon gegangen ist, bevor der Film beginnt, für das, was
den Tango erst ausmacht? Beide sind gewissermaßen der Erdmittelpunkt,
von dem aus Zentrifugalkräfte wirken, die die übrigen Rashevskis in
ihrem Leben herumschleudern, doch keiner von beiden, weder der Tango
noch Rosa, treten eigentlich so recht im Rampenlicht auf, auch wenn
immerzu von ihnen die Rede ist. Ihr Geist wird sozusagen in
Abwesenheit evoziert und das macht den Film um so liebenswerter. Damit
eins klar ist: dies ist definitiv kein klassischer Tango-Film. Es geht
nicht um tänzerisches Können, nicht um Tangokunst, sondern um
menschliche Schönheit und Nähe und die Liebe zum Leben, wie eben
auch die Liebe zum Tango und zu Rosa. Keine der Figuren kann auch nur
ansatzweise besonders gut tanzen, immerhin, es ist der echte, der
einzig wahre Tango für alle Afficionados, der "Argentino",
aber darum geht es hier eigentlich gar nicht. "Die Rashevskis
tanzen den Tango auf polnische Art", wie augenzwinkernd eine
Figur im Film anmerkt - was auch immer dies bedeuten mag, bleibt der
Phantasie der Zuschauer überlassen. Geht es um die Traurigkeit, die
man der polnischen Volksseele nachsagt, die durch den Tanz
hinweggeschwemmt und in hemmungslose, fröhlich lachende Leidenschaft
verwandelt wird? Grund zur Traurigkeit haben sie eigentlich alle:
Onkel Dolfo, ein bezaubernder über 80-jähriger Schwerenöter, ist
der Bruder von Rosas Ex-Mann Shmouel (der als Rabbiner in Israel lebt)
und hat Rosa sein Leben lang geliebt, ihr diese Liebe aber nie
gestanden, nun ist es zu spät für ihn. David, Rosas ältester Sohn,
ist kurz nach dem Krieg geboren. Er lebt mit dem Widerspruch zwischen
Herkunft und liberaler Erziehung: "jüdisch zu sein und es nicht
zu wagen, jüdisch zu sein". Simon, ihr zweiter Sohn, ist mit der
Nicht-Jüdin Isabelle verheiratet, er hat eine sehr liberale
Einstellung zu seinem Judentum und seine Frau davon abgehalten zu
konvertieren. Isabelle fühlt sich deswegen aber von der Familie nicht
vollständig akzeptiert, insbesondere zu den jüdischen Festtagen, an
denen alle aufeinandertreffen. Nina, Rosas Enkelin, Nicht-Jüdin,
glaubt mit Hilfe der Religion, der sie nicht offiziell angehört,
einen tieferen Sinn in ihrem Leben finden zu können, den dieses nicht
aufweist. Enkel Jonathan, der sein musikalisches Genie nach Ansicht
seines Vaters nicht auslebt, hat sich dem Alkohol ergeben, und Ric,
der jüngste Enkel, liebt eine Muslimin arabischer Abstammung.
Zwischen der Liebe der beiden steht jedoch die Tatsache, daß er in
der israelischen Armee gedient und auf Palästinenser geschossen hat.
Natürlich findet sich am Ende für jedes Töpfchen ein Deckelchen und
für jedes Problemchen ein heilender Tango, der tröstende Geist
Rosas, der die Probleme in wohliger Nichtigkeit auflöst. Um noch
einmal auf den Tango zu sprechen zu kommen: der Soundtrack bietet eine
Mischung aus Klezmer und Tango, komponiert von Michael Galasso, der
auch für die Musik zu Wong Kar Wais Film "In the Mood for
Love" verantwortlich zeichnete. Nahezu selbstredend ist
(thematisch naheliegend) natürlich auch Giora Feidman mit einem Stück
vertreten. Die Titelmelodie hat im übrigen durchaus das Zeug dazu, ähnlich
wie das zentrale Motiv der "Amélie", zu einem
Milonga-Ohrwurm zu werden.
Elke Koepping
Weblink: www.der-tango-der-rashevskis.de
Fotos
zum Film:
