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Sinfonie der Sinne
Poetango
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Text und Fotos: Jochen Hille




Poetango ist etwas ganz besonderes: Eine Mischung aus Tangokonzert, Gesang und vorgetragenen Gedichten. Dazu werden im Hintergrund Fotos, Bilder, Filmsequenzen und poetische Texte an eine Leinwand projiziert. Mit einem modernen Wort beschrieben: Eine Multimediashow des Tango! 


Das erste Stück an diesem Freitag abend im Haus der Sinne in Berlin, war das herzzerreißend vorgetragene „Malena“. Ebenso wie es von Malena im Lied heißt, so sang auch Marina Cedro diesen Tango wie keine andere "und legte ihr Herz in jeden Vers hinein". Im Hintergrund wurde das Foto von einer rauchenden, alten, abgemagerten Frau gezeigt. So wurden Kontrapunkte gesetzt. Manchmal kippte der durch die Bilder erzeugte Gegensatz auch ins Absurde – wenn beispielsweise ein vergrößerter Bildausschnitt nicht nur die ‚abgemagerte Malena’, sondern auch einen Mann mittleren Alters zeigt, der mit weit aufgerissenem Mund in die Kamera starrte. Neben diesen ins Surreale gehenden Projektionen waren viele Fotos und Filme einfach nur wunderschön. Eine häufig wiederkehrende Bildsequenz zeigte etwa ein sich an einer Steilklippe am Meer umarmendes Paar. Die Weite des blauen Meeres, die Klippen und die Umarmung – was könnte einen schöneren und zugleich bedeutungsschwangereren Hintergrund für einen melodramatischen Tango abgeben?

Auch die anderen, vornehmlich in Blau- und Gelbtönen gehaltenen Fotos und Filmsequenzen erzeugten Farbspiele, die einen hohen ästhetischen Reiz hatten. Manchmal hätte ich mir dabei gewünscht, dass die Sängerin sich bei solchen eindrucksvollen Bildsequenzen stimmlich etwas zurück genommen hätte, um die Bilder wirken zu lassen. Allerdings gab es auch sehr ruhige Bilder, bei denen einfach nur ein poetischer Text projiziert wurde. Vor dem ruhigen Hintergrund kam Marina Cedros ausdrucksstarke Gestik noch mehr zur Geltung. Mit den Füßen fest im Boden verwurzelt, drehte und krümmte sie ihren Körper, sie kroch förmlich in die Musik hinein. Das waren gut geübte Gesten, die aber nicht einstudiert wirkten. Marina Cedro kann einen Raum beinahe vollständig mit Gesten und Gesang füllen. Ihr Begleiter an der Gitarre, Ricardo Urrutia, blieb dagegen im Hintergrund. Allerdings war ihm der dichte Klangteppich zu verdanken, auf dem Marina Cedro sich so herrlich ausladend räkelte.


Das Duo Poetango formierte sich 2001 mit dem Ziel, Tango, Jazz und Poesie zu verbinden. Marina Cedro ist ein Allroundtalent. Sie ist Schauspielerin, Sängerin, Tänzerin und dichtet ihre poetischen Texte teilweise selbst. Geboren wurde sie 1972 in Buenos Aires. Sie lernte mit fünfzehn von ihrem Vater den Tango. Allerdings hat sie sich damals wohl nicht sonderlich dafür interessiert. Denn erst viel später, als sie zufällig gegenüber einer Milonga wohnte, ging sie häufiger tanzen. Inzwischen lebt sie in Frankreich. Der Gitarrist Ricardo Urrutia wurde 1959 in La Rochelle in Frankreich geboren. Wie viele andere Tangomusiker ist auch er ursprünglich Jazzmusiker. Allerdings habe ich beim Konzert im Haus der Sinne den Jazz kaum noch aus ihrer Musik herausgehört. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich zu sehr von der Bühnenshow und den Projektionen okkupiert war, um noch ein Ohr für feinsinnige Jazzelemente übrig zu haben.

Die Sängerin führte das Publikum im Wesentlichen auf Englisch durch das Programm. Aber sie bemüht sich immer um die jeweilige Landessprache, wie sie sagt. So wurden die an die Wand projizierten Gedichte in deutscher Übersetzung gezeigt. Und auch einige Lieder und Gedichte trug Marina Cedro auf Deutsch vor. Das Konzert war in diesem Sinne ihr "deutsches" Debüt und sie versprach, beim nächsten Mal mehr in deutscher Sprache zu singen. Ich fand es einen netten Zug, dass sie die projizierten Texte jeweils in die Landessprache übersetzt. Bei den gesungenen und gesprochenen Gedichten führte dies jedoch manchmal zu einer unfreiwilligen Komik, denn ihr Akzent erinnerte mich daran, dass hübsche Frauen aus dem Ausland sich gerne erotisierende Getränke, wie bayrisches Bier, nachsenden lassen, weil dieses so schön im Bauchnabel kribbelt.

Marina Cedro sagte mir nach dem Konzert, dass es ihr bei ihrer Performance vor allem darum gehe, alle Sinne anzusprechen. Und irgendwann landeten wir dann, nachdem sie mir erklärt hatte, dass sie barfuß auftrete, um die Erde besser zu spüren, da, wo man immer irgendwann in solchen Gesprächen landet, nämlich dem unterliegenden Sinn und Zweck des Ganzen. Denn Marina Cedro geht es nach eigener Aussage auch darum, den sechsten Sinn anzusprechen. Eigentlich bin ich bei solchen New-Age-Bemerkungen immer ein bisschen skeptisch. Aber ich muss zugeben, dass der Performance von Poetango tatsächlich etwas Magisches anhaftete. Und natürlich wollte ich von Marina Cedro noch viel mehr über den sechsten Sinn erfahren. Aber so einfach lassen sich diese letzten Geheimnisse nicht lüften – das Schicksal selbst wirft einen Schleier über sie. Denn just in dem Augenblick, als wir zum Thema Spiritualität kamen, rief der als Pizzabäcker verkleidete Schicksalsbote: „Die Pizza ist fertig!“ Wir waren also gezwungen, unsere tiefsinnige Konversation aufzugeben und uns mit allen Sinnen der köstlichen Steinofenpizza hinzugeben.

Wirklich schade war, dass nur knapp fünfzig Gäste den Weg ins Haus der Sinne fanden. Das lag wohl an der heftigen Konkurrenz der Angebote in der Walpurgisnacht. Damit will ich natürlich nicht andeuten, dass Tangotänzer zur Avantgarde der Revolution gehören. Konservativ wie sie sind, schleudern sie lieber Tanzpartnerinnen übers Parkett als Steine auf die Polizei. Aber mit sechs Veranstaltungen zum Tanz in den Mai war der Markt in Berlin doch arg übersättigt. Und dies gilt erst recht für eine bereits um 21 Uhr angesetzte Veranstaltung zum Zugucken und Zuhören.

In meiner Wahrnehmung stimmte alles an der Performance von Poetango: Toller Gesang, gute Musik, fantastische Bühnenpräsenz sowie eindrucksvolle Farbspiele und ein Spiel mit Assoziationen durch Bilder und Filmsequenzen. In keinem Augenblick habe ich mich gelangweilt. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass diese permanente Spannung und das Bombardement an Eindrücken auf allen Sinneskanälen auf andere Zuschauer penetrant und nervig wirkt. Deshalb sollte jeder, der die Möglichkeit hat Poetango zu sehen, sich ein eigenes Bild darüber machen.

Der nächste Auftritt von Poetango findet wahrscheinlich in Köln statt, mit ihrer Performance „Buenos Aires Hora Zero“, die bereits auf den Tangotagen in Leipzig mit großem Erfolg aufgeführt wurde. 

Die V. Leipziger Tangotage 2005 hat übrigens Diego in der vorliegenden Juni-Ausgabe von tangokultur.info beobachtet!:
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Die CD kann direkt über Poetango bestellt werden. Weitere nützliche Infos auf ihrer Website: www.poetango.com

 

Ausgabe Juni 2005 von tangokultur.info

 

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