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Lesung - eine Nachlese

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zur Vorstellung des Buches "Mit dem Tango im Herzen":

"Mit dem Tango im Herzen" - Zum Auftakt der neuen (Tango)-Lesungsreihe im Jazzclub b-flat am Sonntag, dem 30.01.2005: Einen fulminanten Auftakt hatte sich Herr Buntenbach da für den Start seiner neuen Lesungsreihe im b-flat ausgedacht, nicht schnöde-andächtiges Papierrascheln sollte die multimedial konzipierte Lese-Performance zum Ende des Jahres 2004 erschienenen Bildband "Mit dem Tango im Herzen" bieten, sondern Bildprojektionen vermittels Beamer, musikalische und tänzerische Einlagen und professionell vorgetragene Texte. Aber ach, es kommt im Leben so oft anders als gedacht und geplant - und davon singen sie ja auch, die ganzen Tangos, melancholisch und schön - die liebe Technik hatte kein Einsehen. Also doch schnödes Papierrascheln neben jungfräulicher Projektionswand. Schade, sehr schade. Es traf den Buntenbach in diesem Falle keine Schuld, womöglich auch nicht die Veranstalter.Wie so oft steckte der Wurm im technischen Detail und in diesem Falle in der Schnittstelle zwischen Laptop und Beamer. Kein Computerspezialist im zufriedenstellend vielköpfig erschienen Publikum - wo gibt's denn bitte heute so was noch: 20 Loite uff'm Haufen und keener kennt sisch mitte Teschnigg aus? Und es hätte doch so schön sein können: nahtlos schloss die Lesung mit einem Starttermin um 20.00 Uhr die verzweiflungsreiche sonntägliche Tango-Lücke im Terminkalender des/der gestressten Milonguero/as zwischen Tangoloft-Ende um 19.00 Uhr und b-flat(-oder-auch-sonstige-Milongas)-Beginn um 21.00 Uhr. Reichlich eine Stunde Zeit also, um zwischendrin Energie für den nächtlichen Tanzmarathon anzufuttern. Und dann noch sozusagen einen Kultur-Event mitgenommen im Vorübergehen, serviert auf dem Silbertablett, keine Notwendigkeit vorhanden, sich mühselig mit der BVG an einschlägige Kulturstandorte heranzubewegen, nein, von der Lesung ratzfatz auf die Milonga, weil ohnehin die selbe Location, Herz was willst Du mehr? Zudem bietet sich das b-flat mit seiner intimen Athmosphäre geradezu an für Lesungen, kuschelig klein, angenehm beleuchtet und geistige Getränke an der Bar. Dem Murphy'schen Gesetz folgend blieb es leider nicht bei einer Panne, der verspätete Beginn der gegen Ende dann doch recht lang werdenden Lesung (zwei Texte weniger hätten's auch getan) führte dazu, dass mit lautem Tür-Kreischen völlig unbedarft die ersten Milonga-Gäste in die andachtsvolle literarische Stille platzten, eine kurzfristige Umstellung der Dramaturgie ohne Absprache mit dem DJ, der an den angekreuzten Stellen in seinem Text Musiken einzuspielen hatte, führte auch dazu, dass der Abschluss der Lesung mehr als unklar war: es hätte kommen sollen eine Musiecke, zu der ein Tango getanzt werden gewollt haben würde, als Abschluss sozusagen; es gab jedoch einen pannepeinlichen verbalen Hickhack zwischen Lese- und DJ-Pult mit anschliessendem Tangogetanze und sehr unsicheren Zuschauern, ob's das denn jetze war oder nicht. Au Backe.
Sei's drum, gelesen (und getanzt) war's schön von der freien Schauspielerin Susanne Opitz, die u. a. derzeit im Nou zusammen mit ihrem Lebensgefährten Rafael Busch Tango-Workshops gibt (der nächste ist am 12.3.). Nicht ganz so schön, weil gegen Ende reichlich unkonzentriert und irgendwie auch nicht dafür ausgebildet las zusammen mit Frau Opitz der Produzent des Buches und des gleichnamigen, noch nicht erschienenen Filmes, Dieter L. Göbel, der mit dem Team Kathleen Göpel (literarische Porträts) und Christian Sauter (berückend schöne Fotos) in Buenos Aires unterwegs war. Besonders peinlich, weil nicht nur schmerzhaft nahe an der Grenze zum Laientheater, um nicht zu sagen, schon schmerzhaft weit drüber, war leider ein pathetisches Aufstehen und betontes Verstummen vor dem Aussprechen des Namens José Libertella. - Für Tango-Ignoranten und -Frischlinge: Libertella verstarb Ende des vergangenen Jahres auf der Tournee mit 'Tango Pasion' in Paris, er war der legendäre Bandoneonist des Sexteto Mayor (Nachruf in der aktuellen Tangodanza). Dass Göbel Libertella persönlich kannte, wollen wir ihm nicht absprechen, aber dies ist wohl nicht Grund genug, öffentlich den Tragöden zu mimen. Eine kurze schlichte Bemerkung hätte dem Anlass weit besser gedient. Um jedoch der literarischen Quelle gerecht zu werden und die Autoren zu ihrem Recht kommen zu lassen: Das Buch "Mit dem Tango im Herzen" ist ein phantastisches Geschenk, schön und sinnlich, griffig zum Anfassen und mit vielen bunten, ästhetisch zeitgemässen, athmosphärisch dichten Bildern. Die Texte bieten Poetisches von den üblichen Verdächtigen wie Borges, Ferrer und Konsorten, aber auch stimmungsvolle literarische Porträts von in Buenos Aires szenebekannten Milonga-Persönlichkeiten und interessanten Typen, für die der Tango zum Lebensinhalt geworden ist, wie z. B. der jungen Milonguera Alejandra, die vom Tango nicht mehr lassen kann. Als einziger Deutscher ist übrigens Guitarrero und selbsternannter 'Tangokönig' Paco Liana Wigard porträtiert, was dem Umstand geschuldet ist, dass Kathleen Göpel ihn einige Jahre lang gemanagt hat. Ob dies für das Buch oder für Paco spricht, lass ich an dieser Stelle einmal dahingestellt sein und überlasse das Urteil dem geneigten Leser (ich bekenne, ich habe jenes Kapitel nicht gelesen / angesehen, somit kann ich mir keines erlauben). Auch der Film lässt unbekannterweise doch auf einiges hoffen, das Produzententeam versicherte, er sei zwar parallel zu den Fotografien aufgenommen worden, die Bilder des Bandes seien aber mitnichten einfach extrahierte Film-Stills, sondern eigene kleine Kunstwerke. Mithin hat der Film weit mehr/anderes zu bieten. Zunächst wird er aber erst einmal auf Festivals gezeigt werden, bevor er einem breiteren Publikum zugeführt wird. Der eine oder andere mag das Glück haben, ihn zufällig zu sehen.
Die Lesungsreihe im b-flat wird übrigens in unregelmässigen Abständen weitergeführt, am kommenden Sonntag schliesst direkt "Tango und Gender" von Magali Saikin an (nähere Infos unter "Besondere Termine"), für das hoffentlich nach der Lesung noch genügend kontroverser Stoff und vor allem Zeit zur Diskussion verbleibt (so denn pünktlich begonnen wird, nach Auskunft von Jörg Buntenbach wird er persönlich alles daran setzen, um genau dies zu ermöglichen).

Elke Koepping

Beschwerdebriefe über diesen (unziemlichen?) Verriss bitte an:
Elke.Koepping@tangokultur.info

P. S.: Dieser Artikel spiegelt ausschliesslich die Meinung der Autorin und in keinster Weise die des Veranstalters Jörg Buntenbach wieder, der zufällig auch die Website tangoberlin.de betreut und welcher sich ob der Gefahr um Verlust von Leib und Leben hüten wird, meine Artikel zu zensieren!!

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