"Tango
Nuevo" und der Fluss der Zeit
______________________________
Text: Ana Maria Rabe

Roberto y Jorgelina
(Foto: Alejandra Marin)
Im
Wirbelsturm schwingen die Kugeln durch die Luft, knallen auf den
Boden, fliegen im rasenden Tempo wieder in die Höhe. Stampfende Absätze
begleiten den Sturm, ergänzen ihn rhythmisch, halten ein
atemberaubendes Zwiegespräch mit den wilden Gesellen. Der Tanz mit
den boleadoras, den an Seilen befestigten Kugeln, die die
argentinischen gauchos durch die Luft schleudern, um ihre
Tiere einzufangen, bringt Roberto Herreras Temperament auf der Bühne
voll zur Geltung.
Die Bühne – das war in diesem Fall die Tanzfläche im Ballhaus
Rixdorf, wo am 13. Mai der Eröffnungsball des diesjährigen Berliner
Tango-Festivals stattfand. Als geladene Showtänzer des Abends gaben
der argentinische Meistertänzer und seine Tanzpartnerin Jorgelina
Guzzi einige Kostproben ihres vielseitigen Programms, das Tangos und
Milongas ebenso beinhaltet wie folkloristische Paar- und männliche
Solotänze.

Tangofestival Berlin 2005, Workshop
Technik-Grundlagen (Foto: Elke Koepping)
Der 42-jährige Roberto Herrera stammt aus San Salvador de Jujuy,
einer Stadt im Nordwesten Argentiniens, dort, wo nach Aussage Juan José
Mosalinis die Kinder die chacarera bereits mit der Babyflasche
einsaugen. Das war sicher auch bei Herrera der Fall. Wenn man sieht,
wie er einen der verschiedenen Folkloretänze seiner Heimat
interpretiert, bleibt kein Zweifel, wo sich seine Seele befindet. Das
heißt nicht, dass er nicht auch ein großartiger Tangotänzer wäre.
In der Tat ist er in diesem Feld bestens geschult, lernte bei
bedeutenden Lehrern, unter denen er vor allem Antonio Todaro
hervorhebt. Das erkannte auch der große Maestro des Tango, Osvaldo
Pugliese, der ihn zum primo ballerino seines Orchesters machte und
1992 auf seine Tourneen durch Europa und Lateinamerika mitnahm. Auch
in den erfolgreichen Produktionen „Tango Argentino“ und „Tango
Pasión“ wirkte Herrera jahrelang mit, bis er schließlich 1995 in
Buenos Aires seine eigene Truppe, die „Compañía Roberto Herrera“
gründete.
Sieben Jahre lang, bis zum Jahr 2002, führte Herreras Truppe in
Argentinien, Brasilien, Japan und Korea die getanzte Tango-Geschichte
„Tango una Historia“ auf. Jetzt steht sie kurz davor, ein ganz
neues Programm – ein groß angelegtes Tanztheaterstück, an dem
Herrera zehn Jahre lang gearbeitet hat – in Europa vorzustellen. Es
heißt „Tango Nuevo“ und wird im Sommer im Juni und Juli in
verschiedenen Städten Italiens zu sehen sein.
<
Foto: Guillermo Monteleone
Das Stück, das aus zwei Akten und insgesamt sieben Szenen besteht,
bringt – wie der Schöpfer von „Tango Nuevo“ versichert – auf
didaktisch-künstlerische Weise die historische Entwicklung des Tangos
und der Folklore in Argentinien von den 40er Jahren an bis zur
Gegenwart auf die Bühne. Die Gegenwart, die unsere Zeit betrifft,
bedeutet aber keine Vergegenwärtigung des Alten, keine Bedienung der
immer gleichen, lieb gewordenen Stereotype; sie ist eher im
Elektro-Tango und in der Elektro-Folklore zu finden, in den Musik- und
Tanzformen, die sich während der letzten drei Jahre herausgebildet
haben.
Stellen diese jüngsten Stile nicht einen Einschnitt in der Geschichte
des Tango und des populären, argentinischen Tanzes dar? Herrera
widerspricht einer solchen Auffassung vehement. Seiner Ansicht nach
gibt es weder einen Bruch, noch zwei verschiedene Typen, einen
vermeintlich „alten“, traditionellen und einen so genannten
„neuen“, jungen Tango. Seiner Ansicht nach ist es nicht gut,
Extreme zu setzen. Vielmehr sollte man die Kontinuität hervorheben,
in der eines ins andere fließt. Und genau dies möchte er mit seiner
Produktion zeigen, die eben keine aus Einzelbildern bestehende
„Show“ ist, sondern ein espectáculo, ein Tanztheaterstück
mit einer Handlung, die sich durch die letzten sechs Jahrzehnte der
argentinischen Geschichte hindurchzieht. Die heraufbeschworene
Gegenwart, die unter Herreras Regie in den 40er Jahren beginnt und von
da an kontinuierlich fortschreitet, diese ständig sich entwickelnde
Aktualität, um die es geht, mag den Schöpfer des Werkes dazu bewogen
haben, dem Ganzen den Titel „Tango Nuevo“ zu geben.

Die 40er (Foto:
Alejandra Marin)
Die
Geschichte setzt in einer bescheidenen Pension in Buenos Aires, einer
für die 40er Jahre typischen „casa chorizo“ (einem sog.
„Wurst-Haus“) ein, in der Migranten aus dem Landesinnern wohnen.
Es sind einfache Menschen, die die chacareras ihrer Heimat,
aber auch den bald erlernten Tango der Großstadt tanzen. Der Fluss
der Zeit führt ins Kino, zeigt die Werbung der damaligen Jahre und
das artifizielle Bild, das sich die High Society vom Tango macht. Er
strömt weiter zu den Straßen der Großstadt mit ihren Trambahnen und
Cafés und verweilt im Innenhof einer Pension, in dem ausgelassene
Paare im Takt eines vals fröhlich und guter Dinge einen
Festtag begehen.
Die 50er Jahre bringen Kabaretts mit einem Tangoshow-Typus, der sich
zu Exportzwecken für den ausländischen Tourismus prostituiert. Mit
den 60ern lässt Herrera bereits die ersten Elektro-Tango-Schritte zu
traditioneller Musik einfließen. Damit öffnet sich automatisch die
Umarmung und schafft einen größeren Raum zwischen dem Mann und der
Frau, ein Umstand, der die veränderte soziale Rolle der Geschlechter
widerspiegelt. Von jetzt an wird man im Stück nur noch abrazos
abiertos, offene Umarmungen, sehen.

Szenenfoto:
"Malambo Kabarett"
(Foto: Alejandra Marin)
1966
beginnt die Diktatur Onganías und die Verfolgung politischer
Widerstandsgruppen, demonstrierender Arbeiter, sowie freiheitlich
gesinnter junger Menschen. Es ist verboten, Tango zu tanzen. Paramilitärs
verschleppen eine junge Frau und verprügeln ihren Gefährten. Der
Verletzte, Symbol der vielfach getretenen Jugend, liegt am Boden. Da
öffnet sich eine Tür, aus der Beat-Musik erklingt. Amerikanische
Moden dringen ins Land und erfassen die jungen Menschen.
Doch der Tango kehrt wieder mit Piazzollas „Bailongo“, der die
Sehnsucht nach dem Tanz und dem Tango zum Ausdruck bringt. Wir
befinden uns bereits in den 70ern, der Marihuanakultur, die viele
Jugendliche verführt. Langsam bahnt sich der Elektro-Tango seinen Weg
durch das Dickicht der Zeit und übernimmt den von Herrera so
genannten „landschaftlichen“ Tango Piazzollas, der die
Jahreszeiten von Buenos Aires, das Klima, die Straßen und versteckten
Winkel der Stadt unmittelbar erleben lässt.

Szenenfoto: "Piazzolla"
(Foto: Alejandra Marin)
Die
an Piazzolla orientierte, elektronische Komposition „Sentimientos“
(Gefühle) von Jaime Wilensky ertönt, auf die das Tango-Techno-Lied
„Imigrantes“ (Immigranten) der Gruppe „Tanghetto“ folgt, das
den Auswandererstrom der 80er und 90er Jahre thematisiert. Welche
Perspektiven hat die Jugend in einem Land, das all seine Ressourcen,
seine ganzen Reichtümer verkauft und sich obendrein haushoch
verschuldet? Ein Tanzpaar von 25 und 28 Jahren tritt auf, führt einen
akrobatischen, aus der Achse gedrehten Tanz auf. Der Jugend bleibt
nichts anderes übrig, als sich Kunststücke zum Überleben zu
ersinnen.
An dieser Stelle setzt eine Hommage Herreras an die Gründer des
Argentinischen Volksballetts, Santiago Ayala („El Chúcaro“) und
Norma Viola ein, deren bedeutendste Choreografie „Los consejos de
Martín Fierro a sus hijos“ („Die Ratschläge des Martín Fierro
an seine Kinder“) in einer neuen, den Zusammenhalt der Geschlechter,
der verschiedenen Altersgruppen und der sozialen Klassen
versinnbildlichenden Version aufgeführt wird. „Tango Nuevo“ endet
in unserer Gegenwart. Was hören wir heute? Einen der bekanntesten
Klassiker des Tango: „El choclo“. Freilich präsentiert sich
dieser nun etwas anders – es ist ein „choclo“, der im zeitgenössischen
Gewand des Elektro-Tango auftritt.

Szenenfoto: "Milonga Final"
(Foto: Alejandra Marin)
Infos über Roberto Herrera: www.robertoherreratango.com.ar
Weitere Auftritte von Roberto Herrera im Sommer 2005 in Italien:
29.06.
Neapel
Neapel: Auszug aus "Tango Nuestro",
Ort: Square, Città della Scienza, Via Coroglio 57 e 104,
Bagnoli, Argentinisches Dinner ab 21.00 Uhr, Show ab 22.30 Uhr,
Komplettpaket: 35 Euro, Milonga und Show 15 Euro. Tickets: info@tamotango.it
02.07. Neapel
"Tango Nuestro", Ort: Castel Sant'Elmo, Largo, San
Martino-Vomero, Beginn: 22.00 Uhr. Tickets: info@tamotango.it
04.-05.07. Rom
"Tango Nuevo", Europa-Premiere; Ort: Accademia Tedesca
di Villa Massimo, Largo di Villa Massimo 1-2, Rom, Beginn: 21.30
Uhr. Tickets: Mon/Fri 10.00 am - 13.00 und 17.00 - 20.00 Uhr
Tel. +39 06 44202011 oder info@invitoalladanza.it
07.07. Rovigo
"Tango Nuevo", Ort: Teatro Sociale, Piazza Garibaldi, Rovigo,
Beginn: 21.30, Tickets: teatrosociale@comune.rovigo.it
08.07. Bologna
"Tango Nuevo", Ort: Tangomania Sommerfestival, Piccolo
Paradiso, Sasso Marconi, Beginn: 21.30 Uhr, Tickets: barbara.seppi@tele2.it
11.07. Bologna
"Tango Nuevo", Cortile Maggiore della Rocca Sforzesca,
Emilia Romagna Festival, Imola, Beginn: 21.30 Uhr, Tickets: boxoffice@comunalebologna.it
13.07. Turin
"Tango Nuevo", Ort: Giardini Reali del Teatro Regio, Piazza
Castello 215, Beginn: 21.30 Uhr, Tickets: biglietteria@teatroregio.torino.it
Aktuelle Informationen können unter: logistics@robertoherreratango.com.ar erfragt werden!

Roberto y Jorgelina
(Foto: Alejandra Marin)
Ausgabe Juni 2005 von
tangokultur.info
möchten Sie einen
Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?:
Leserbriefe@tangokultur.info
nach
oben