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Im Land des Hechelns
amortal auf Japantournee mit Anna Saeki
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Text und Fotos: Julian Tyrasa



Das ist nicht Julian, sondern Dariusz...


Preludio – Dezember 2004

Als wir Ende 2004 das Angebot erhielten, die japanische Sängerin Anna Saeki bei ihrem ersten Deutschlandkonzert im Quasimodo zu begleiten, war dies ein weiterer Meilenstein in unserer Bandgeschichte. Erschien uns schon dieser Abend sehr exotisch (eine japanische Sängerin singt argentinischen Tango in Deutschland), so wurde diesem Ereignis rasch die Krone aufgesetzt: Zwischen Weihnachten und Neujahr erreichte uns eine e-mail mit einer Einladung zu Folgekonzerten mit Anna – diesmal in Japan! Noch bevor wir die kryptische Summe von Yen in Euro umgerechnet hatten, sagten wir zu und fieberten von dem Tag an dem 21. Mai (Tag des Abflugs) entgegen.

Vor die Reise hatten der liebe Gott und die japanischen Behörden allerdings etliche formale Hürden gesetzt, und spätestens beim mühsamen Übersetzen und Ausfüllen der Visa-Anträge stellten wir uns alle die bange Frage: Würden wir den Anforderungen dieser exotischen Tour gewachsen sein?... Unsere gemütliche kleine Kapelle war bislang eher weniger durch polyglottes Auftreten aufgefallen; stolz erzählte Bettina häufig von ihren Argentinien- und Julian von seinen USA-Erfahrungen als einzigen außereuropäischen Erlebnissen, Dariusz und Rüdiger schwiegen in gänzlicher Ermangelung solcher Reisen. Der Stichtag rückte näher, Rüdiger hatte eine Erkältung gerade hinter sich, Bettina lag mit Fieber darnieder, Dariusz hatte einen Kreislaufkollaps überstanden und Julian dank Stress in seinem anderen Beruf schon VOR Japan ein beträchtliches Schlafdefizit aufgebaut – optimal vorbereitet konnte es also losgehen!


Samstag, 21.05. – Berlin – Paris – Tokyo

Übermüdet und dennoch aufgeregt (ein Zustand, der übrigens programmatisch für die gesamte Zeit bleiben sollte) treffen wir uns um 11 Uhr am Flughafen Tegel. Mit Air France geht es frustrierender Weise zunächst in die falsche Richtung, nämlich nach Paris (Foto 1). Am pittoresk-romantischen Flughafen Charles de Gaulle warten wir drei Stunden auf den (zwölfstündigen) Anschlussflug nach Tokyo (Foto 2) und vertreiben uns die Zeit mit Kaffee- und Orangina-Trinken sowie dem Staunen darüber, was Rüdiger alles in seinen so klein und unscheinbar wirkenden Rucksack gestopft hat: Egal was wir wünschen – Rüdiger hat es dabei! Bedauerlicherweise geht dies auf Kosten des Rucksacks: Noch am Flughafen bricht er auseinander, und für horrende Duty-Free-Summen wird ein neuer gekauft. Dariusz eifert unterdessen Loriot nach und versucht lange, eine Bananenschale zu entsorgen (Foto 3). Mit der späteren Maschine aus Berlin fliegt dann auch Kaz ein, Annas Producer und Manager. Gemeinsam mit ihm besteigen wir die Maschine der JAL (Japanese Airlines). Zwölfeinhalb Stunden Flug sind zwar sehr lang (insbesondere, wenn man nicht schlafen kann), aber mit 12 Filmen, 30 Radioprogrammen und hervorragendem Essen doch ganz gut zu ertragen.


 


Sonntag, 22.05. Tokyo

Pünktlich landen wir um 13 Uhr Ortszeit in Tokyo. Mit Kaz geht es im Eiltempo über sprechende Transportbänder ("Please watch your step!" auf Englisch und Japanisch) durch den gigantischen Flughafen. Die Passkontrolle hätte keine Minute länger als die anderthalb Stunden dauern dürfen, denn am Gepäckband wartet bereits Yoko, die die undankbare Aufgabe übernommen hat, sich für die nächsten zwei Wochen um die Band aus Berlin zu kümmern, und: der Bus, der uns in die Stadt bringen soll, fährt in fünf Minuten! In völlig übermüdetem Zustand fahren wir weitere anderthalb Stunden durch Tokyo (Foto 4), an einem "German Fest" vorbei. Wir halten vor dem Hyatt-Hotel, werden jedoch in letzter Sekunde am Einchecken gehindert und gehen zu Fuss in unser Hotel: Das "b'rippongi", in dem wir vier Zimmer übereinander beziehen: 305, 405, 505 und 605. Merkwürdig, merkwürdig...

Mysteriöse Geschichten a la Murakami Haruki ("Tanz mit dem Schafsmann") steigen in unseren übermüdeten Hirnen auf, doch wir knüppeln sie zurück. In den (sehr schönen) Zimmern dann eine weitere Überraschung: High-tech bis in den letzten Winkel (Flachbildschirm, Satelliten-TV, ausgeklügeltes Telefon-Weck-System etc.), aber: Kein Schrank!! Und das Fenster lässt sich nicht öffnen. Ausserdem werden wir sofort mit unserem westlich-unmässigen Körperwuchs konfrontiert: Die Decke ist im Zimmer locker zu erreichen, indem man eine Hand hebt. Im Badezimmer lässt sich das Berühren selbst ohne Handheben nicht vermeiden. Und der Spiegel ist auf einer ungünstigen Höhe angebracht, die lediglich den Bauch in seiner ganzen Pracht erkennen lässt. Dariusz erheitert uns mit einem katastrophalen Intermezzo: Die dünne Plastiktüte (!), die seine Mutter ihm mit Waschpulver (!!) in den Koffer gelegt hat, wurde von dem Reisebügeleisen (!!!), das in Japan wegen der anderen Stromfrequenz natürlich gar nicht zu benutzen ist (!!!!), zerrissen. Das tragische Ergebnis zeigt Foto 5.

Nach einer kurzen Dusche in einer kurzen Dusche (Ist das eine Halluzination, oder haben selbst die Handtücher ein feines Sushi-Aroma?) werden wir von Kaz zu selbigem Essen eingeladen. Zum Glück ist er an diesem ersten Abend dabei, sonst hätten wir womöglich die elegant zusammengerollte feuchte Serviette für das erste Sushi-Röllchen gehalten. So aber sind wir gleich doppelt verblüfft: Erstens darüber, dass wir uns doch ganz passabel bei der Handhabung der Essstäbchen schlagen – und zweitens darüber, dass ausgerechnet der gebürtige Japaner Kaz die fischigen Geräte mit den Fingern isst! Irgendwie machen wir doch immer alles verkehrt. Um dem entgegen zu wirken, studiert Dariusz eifrig sein Japanisch-Deutsches Wörterbuch, doch nach Ausspracheübungen zu Begriffen wie "Rohstoff" oder "gebrechlich" schlägt Kaz vor: "Dariusz, you have to learn more useful words!". Eine Anregung, die unser Geiger auch in den kommenden zwei Wochen nicht befolgen wird. Nach Unmengen an grünem Tee und Singha-Bier halten uns alle vier abwechselnd der Jet-Lag, die Hitze und der Harndrang wach. Mehr als vier Stunden Schlaf findet jedenfalls keiner von uns.


Montag, 23.05. – Tokyo

Wie gerädert stehen wir auf und berichten uns beim Frühstück gegenseitig von den merkwürdigsten körperlichen Symptomen. Neben dem "Lost In Translation"-Gefühl hat diese Unterhaltung definitiv einen starken Altersheim-Einschlag: Wann hat unser Ensemble je so interessiert über Nachtschweiss und Verdauungsauffälligkeiten gesprochen? Nicht zuletzt deshalb fühlen wir uns erneut unförmig und ungeschickt, wie wir da versuchen, weiche Brötchen auf viel zu engen Designerstühlen mit Mikroskop-Messern zu schneiden. (Wie wir Tage später erst heraus finden werden, ist der Frühstücksraum (Foto 6) deshalb so elegant gestylt, da er sich nachts in einen Edel-Club verwandelt, mit Getränkepreisen ab 80 Euro und einer rot beleuchteten Treppe, von der wir nur spekulieren können, wohin sie führt...)

Nach einem kurzen Ausflug durch Roppongi (der Bezirk Tokyos, in dem wir wohnen – Fotos 7 bis 9) holt uns Mr. Kobayashi ab! Wer "The Usual Suspects" gesehen hat, versteht unsere Angst: In diesem Film kehrt KEINER zurück, der Mr. Kobayashi traf! Wir sind beruhigt, als sich 1.) unser Mr. Kobayashi als extrem nett erweist und wir 2.) erfahren, dass der Name in etwa so häufig in Japan vorkommt wie Müller bei uns. Während der Probe (Foto 10) erhalten wir schon wieder neue Stücke! Noch am Tag vor dem Abflug hatte Manager Kaz uns drei Tangos überreicht, die noch ins Programm sollten, doch das hier stellt nun wirklich alles in den Schatten. Erstaunlicher Weise spielen wir die beiden neuen Stücke ziemlich gut vom Blatt, was in uns die Sorge weckt, dass wir den eigenen Marktwert ruinieren könnten... Doch das Gegenteil ist der Fall: Unsere japanischen Geschäftsfreunde (Zitat aus der "Mon cherie"-Werbung der Achtziger Jahre) zeigen sich begeistert, und in der bereits traditionell kurzen Pause nach dreieinhalb Stunden intensivster Arbeit ("Okay, ten minutes break!") biegt sich der Tisch unter erstklassiger Verpflegung. Geschenke werden ausgetauscht (Sollten die Handtücher etwa doch ein dezenter Hinweis auf unsere Körpergerüche sein?), und wir hoffen, dass wir die Symbolik der Pinocchio-Puppen hinlänglich erklären: Annas Zugabe-Song "Wish Upon A Star" stammt aus dem Disney-Film "Pinocchio". Die mögliche Fehldeutung ("Ihr seid alle Lügner!") wird uns erst beim Überreichen des Geschenks klar, doch wir räumen sie wortreich aus dem Weg!

 

 

Am Abend fährt uns Mr. Kobayashi im strömenden Regen zurück ins Hotel, von wo aus wir mit Yoko in ein chinesisches (!) Restaurant gehen. Hier kommt es zu erstaunlichem kulturellem Austausch: Julian plaudert über Murakami Haruki, und Yoko kontert mit "Good bye, Lenin", den sie jüngst im Kino gesehen hat (erstaunlicher Weise auch "Das Trio" mit Götz George; kein Wunder, dass das deutsche Kino in der Welt einen zweifelhaften Ruf geniesst...).


Dienstag, 24.05. – Tokyo

Schluss mit dem Lotterleben: Heute steht das erste Konzert an! Wie sollen wir das in unserem Zustand bloss bewältigen?! Bettina, Dariusz und Rüdiger schlagen sich zwar wacker und schleppen sich zum (aus unerfindlichen Gründen täglich früher endenden) Frühstück, erhalten jedoch bereits um viertel nach Neun nur noch einen Kaffee. Julian "schläft" da doch lieber gleich bis 11, und um 13 Uhr beginnen Probe und Soundcheck im "Sweet Basil 139" (welch mysteriöser Clubname). Das Auffälligste ist zugleich das Unauffälligste: Wann haben die liebenswürdigen und höflichen Tontechniker eigentlich den (in Deutschland oft so aufwändigen) Soundcheck gemacht? Irgendwann, ganz nebenbei, muss es wohl passiert sein, denn der Klang beim abendlichen Konzert ist hervorragend. Überhaupt lernen wir viel von der japanischen Präzision: Wenn ein Konzert um 19 Uhr beginnen soll, tut es dies auch - auf die Sekunde genau! Und 15 Minuten Pause SIND auch 15 Minuten Pause. Halten wir am ersten Abend Yokos Feststellung "Break will be over at 20:32" noch für einen Scherz, lernen wir in der Folgezeit immer exakter zu funktionieren. Unsere Erleichterung und Entspannung nach dem ersten (und gleich geglückten...) Konzert verdeutlicht Foto 11, Foto 12 zeigt die wunderbare Yoko mit Rüdiger.

Mittwoch, 25.05. – Tokyo

Wie sich die Tage gleichen: Um 9 Uhr sitzen wir übermüdet im Frühstücksraum, um danach vor uns hin zu üben, lesen, dämmern... Um 14 Uhr treffen wir uns zu Probe, "Soundcheck" (wieder völlig unbemerkt) und Abhängen im Club. Das heutige Konzert läuft besser und entspannter als am Vortag, allerdings wird die Kommerzialisierung der Musik auch immer augenscheinlicher: So werden beispielsweise Cocktails mit den Namen von Annas letzten CDs ("Canto de Sirena" und "Omoi") angeboten, und auch wenn sie diese sehr charmant anpreist, lässt sich doch eine professionelle Routine nicht verbergen. Wir sind uns unschlüssig, ob uns das schockieren oder doch als Vorbild dienen sollte... Unser Wunsch, eigene CDs zum Verkauf anzubieten, wird von Manager Kaz mit der scharfen Bemerkung "You know, it`s Anna`s show!" abgelehnt und wir damit ganz klar in unsere Schranken verwiesen...

Magic Moments des Tages: 1. Den eigenen Namen (Julian) auf einer Tokyoter Bühne von einer japanischen Sängerin auf Spanisch gesungen zu hören; 2. Auf dem Rückweg ins Hotel sehen wir auf einer gigantischen Videowand an einer Strassenkreuzung einen Videoclip mit Anna Saeki ("Amazig Grace") das Gefühl einer Scheinwelt, eines virtuellen Paralleluniversums verstärkt sich.


Donnerstag, 26.05. – Tokyo

Um heute auch mal was zu erleben, lassen wir das enttäuschende (und vor allem viel zu frühe) Frühstück sausen und begeben uns um 11 Uhr auf Sightseeing- und -smelling-Tour. Denn vorherrschend sind die tausend Geruchseindrücke, die sich permanent abwechseln. Nicht immer sind sie angenehm. Unser Haupteindruck von Tokyo ist laut, dreckig und hässlich
aber immer wieder gibt es auch Oasen der Ruhe mitten in der Stadt (Fotos 13 + 14). Auf dem Friedhof auf Foto 15 sucht man die "letzte Ruhe" hingegen wohl vergebens. Interessanter Weise bleibt alles auch nach fünf Tagen noch völlig fremdartig.

Die Konzerte laufen immer routinierter, und auch beim Essen werden wir mittlerweile mutiger: Nachdem Dariusz eine undefinierbare Süssigkeit aus einem Blatt ausgewickelt und gleich ganz in den Mund geschoben hat, beobachten die anderen ihn gespannt. Sein einziger Kommentar ("Es schmeckt... unbeschreiblich...") fordert dann alle heraus: Rüdiger öffnet ein aufwändig verpacktes Paket, aus dem dann nur Schleim heraus läuft, und Julian probiert grünliches Gebäck, das in Form und Konsistenz Dämmmaterial beim Innenausbau ähnelt. Während Bettina vorsichtig bleibt, wird Dariusz im letzten Augenblick von Yoko daran gehindert, das Verpackungsmaterial zu essen.


Freitag, 27.05. – Tokyo

Wieder verbringen wir den Tag im Dämmerzustand. Bei der abendlichen Show pendelt unsere Verfassung zwischen Drogenrausch, Wechseljahren und einfachem Fieber. Da es uns aber allen so geht, schieben wir das Problem aufs (extrem schwüle) Wetter und funktionieren doch prächtig. Allerdings fragen wir uns immer häufiger, was Anna eigentlich so alles erzählt; denn sie redet viel zwischen den Liedern, deutet immer mal wieder auf die Band, und dann schnappen wir Worte wie "Berlin" auf. Beunruhigend nur, dass das Publikum stets so viel lacht...


Samstag, 28.05. – Tokyo

Langsam steigert sich das Pensum: Zum Glück sind wir heute alle mal relativ fit, denn zum ersten Mal stehen zwei Shows auf dem Programm. Wir trinken unseren morgendlichen Kaffee schon in Gala, da wir ab halb 12 den Tag komplett im Club verbringen: 12 Uhr Probe, 15 Uhr erstes, 19 Uhr zweites Konzert. Obwohl wir unsere Notenblätter nur so herunter reißen, sind unserem Management die Pausen zwischen den Stücken doch immer noch zu lang. Das Land des Hechelns. Nach der zweiten Show sind wir zwar körperlich am Ende (Foto 16), doch aufgrund des guten Konzertes hagelt es Geschenke: Sekt, Handtücher (schon wieder!! Es MUSS ein Hinweis sein...), Schmuck, europäische und japanische Süssigkeiten, CD-Mappen und anderes Merchandising von Anna. Der Tokyo-Konzert-Marathon ist vorbei, also stürzen wir uns ins Nachtleben - und stellen verblüfft fest, dass jedes zweite Gebäude einen Edelpuff beherbergt. überhaupt strahlt die Stadt etwas Las-Vegas-mäßiges aus: Viel Glanz und Glitzer mit wenig Substanz.

Samstag, 29.05. - Tokyo – Nagoya

Heute beginnt die eigentliche Tournee
ganz harmlos zunächst nur mit einer kurzen Reise. Kaz begleitet uns zum Bahnhof und lächelt und strahlt verdächtig, nachdem wir im Zug sitzen... (Foto 17) Per Shinkansen (dem unglaublichen Schnellzug, hinter dem sich alle europäischen Pendants locker verstecken können und müssen) fahren wir dann nur eine gute Stunde nach Nagoya (Foto 18), wo wir abgeholt werden: Im "Blue Note Café"-Shuttlebus fahren wir ins Hilton Nagoya! Wir können kaum glauben, dass uns das hier alles wirklich passiert. Wir wohnen in der 24. Etage, haben einen Wahnsinnsblick über die Stadt - und zudem Zugang zur Lounge in der 26. Etage, in der ALLES (Essen und Getränke) von 10 bis 22 Uhr frei ist. Das lässt einen natürlich über die Zimmerpreise spekulieren... Die Ausstattung der Zimmer ist unglaublich, sämtliche Pflegeprodukte im Badezimmer wesentlich edler als unsere eigenen. (Foto 19)

Im Taxi (das natürlich auch nobler wirkt als in Tokyo) fahren wir in ein zehnstöckiges Einkaufscenter, wo wir mit Anna zum traditionellen Aalessen verabredet sind. Eigentlich wollten wir ja sie einladen, aber letztlich ist daraus mal wieder eine Einladung für uns geworden. Der einzige Weg, ihr eine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, scheint der zu sein, ihr auf eigene Faust etwas zu schenken. Wir entscheiden uns für einen schicken schwarzen Hut
und fragen vorher zehnmal Yoko, ob ein solcher hoffentlich keine negative symbolische Bedeutung hat! Aber Anna freut sich, der Hut steht ihr phantastisch, und der Aal schmeckt auch überraschend gut (Foto 20). Immer mehr stellen wir fest, dass Anna zwei Gesichter hat: Das westlich-schicke in Alltag und Freizeit, und das traditionell-brave auf der Bühne. Nett und liebenswert sind sie beide, doch ihr Freizeitlook beeindruckt uns wesentlich mehr. Nach dem Essen spazieren wir zurück zum Hotel, wo wir die Biervorräte der Gratis-Lounge dezimieren, bis sie schließt.

Montag, 30.05. – Nagoya

Ach ja, das Hilton... Wie schnell man sich an diesen Luxus gewöhnt: Es ist schon nett, wenn man morgens die Tageszeitung unter der Zimmertür findet. Ein opulentes Frühstücksbuffet in der 28. Etage ist auch nicht zu verachten, und der Aufenthalt in Schwimmbad und Whirlpool in der neunten Etage entspannen dann doch den gestressten Musikantenkörper. Gut so, denn es herrscht mal wieder drückende Schwüle, die uns in den beiden Shows, die heute auf dem Programm stehen, immer mal wieder unkonzentrierte Fehler(chen) machen lässt. Die zum Glück untergehen, denn die Resonanz ist enorm: Beim Abgehen schütteln wir diesmal sogar Hände der Fans! Andy Warhols 15 Minuten Ruhm
hier in Nagoya haben wir sie, sogar 24 Stunden lang. Nach der zweiten Show dann ein übliches Ritual: Obwohl wir schon längst im Auto sitzen, müssen wir die Abfahrt von Annas Taxi abwarten, erst dann dürfen wir starten. Naja, man will sich nicht beschweren, denke ich, als ich zu klassischer Musik ins Sprudelbad im Hilton steige...


Dienstag, 31.05.
Nagoya – Osaka

Wieder geht es im Shinkansen zur nächsten Stadt: Osaka erweist sich im Gegensatz zu Nagoya als gesichtslose, hektische und hässliche Großstadt, die den Vergleich mit Tokyo nicht zu scheuen braucht
oder besser gesagt gerade scheuen sollte. Schon die kurze Fahrt vom Bahnhof zum Club (wieder ein Blue Note Café) deprimiert, doch die mittlerweile verwöhnte Band ist erst so richtig enttäuscht, als sie zu ihrem Obdach gefahren wird: Winzige Zimmer mit scheußlichem Ausblick! Was für ein Rückschritt!... (Fotos 21 + 22) Dafür gelingen die Konzerte wunderbar, wovon die Fotos 23 + 24 beredtes Zeugnis abliefern. Und wenn man erst einmal die röhrende Minibar ausgeschaltet hat, lässt sich auch in unserem Hotelzimmer ganz passabel schlafen.

 

Mittwoch, 01.06. – Osaka – Fukuoka

Der Reise- und Konzertstress steigert sich unaufhörlich: Nach "Zugfahrt + am nächsten Tag zwei Konzerte" und "Zugfahrt + am gleichen Tag zwei Konzerte" kommt heute - richtig! - "FLUG + am gleichen Tag zwei Konzerte". (Foto 25) Mittlerweile sind wir aber dermaßen weichgekocht, dass selbst den Flug-Angsthasen Bettina und Julian alles egal ist – auch die kleine Propellermaschine, die da so wenig vertrauenserweckend am Rand der Rollbahn auf uns wartet. Der Flug ist sogar sehr angenehm, und nach der Landung folgt eh die übliche Routine: Abholung im Blue Note-Bus, Einchecken im Hotel, Probe und dann zwei Konzerte. Das immer noch Unglaublichste ist ja, dass wir in den Clubs spielen, in denen wenige Tage zuvor noch Chick Coreas Electric Band und andere Götter des Jazz auftraten! (Foto 26) Das ist alles definitiv zu viel, um es zu verarbeiten. Ach ja: Hotel wieder sehr schön. Zwei tolle Konzerte. Gut geschlafen.

Donnerstag, 02.06. – Fukuoka – Hiroshima

Die Fahrt mit dem Shinkansen (knapp zwei Stunden) könnte so entspannt sein – wenn wir nicht wüssten, was in Hiroshima heute auf uns wartet: Das letzte und zugleich grösste Konzert vor 1800 Zuschauern! Schon die bislang "üblichen" 300 bis 400 hatten uns nervös genug gemacht, doch hier und heute werden wir in eine andere Liga aufsteigen. Entsprechend aufwändig ist dann auch der Soundcheck, sodass davor nur noch Zeit für eine kurze touristische Fahrt durch Hiroshima bleibt. Doch dieser Kürze zum Trotz bewegt uns der Besuch des Friedensparks mit der so genannten Atombombenkuppel sehr. Am Abend werden wir das Stück "Tsuru" ("Kranich", für die gefalteten Papiervögel, die den Friedenspark schmücken) vor einem ganz anderen Hintergrund spielen.

In der Konzerthalle selbst ist dann der Backstage-Bereich größer als mancher Auftrittsort von amortal in Berlin. Und als wir den Saal selbst betreten, wird uns schwindelig. Hier gibt es nur eins: Sich autistisch auf Noten und Musik zu konzentrieren und die Dimensionen des Zuschauerraums komplett auszublenden! Am skurrilsten sind die Minuten vor dem Konzert: Wir sitzen hinter einem schweren eisernen Vorhang auf der Bühne, alles wirkt wie eine Probensituation, doch hinter dem Vorhang warten 1800 Menschen auf den Beginn des Konzerts! Als der Vorhang sich dann hebt, ist immer noch alles wie immer, doch als der erste Applaus wie weit entferntes, lautes Meeresrauschen klingt, wird uns bewusst, wo wir sind. Aber es ist ein tolles Gefühl, und schon nach wenigen Stücken können wir es genießen.

Danach fahren wir in ein wunderbares, weil einfaches Restaurant und essen die Hiroshima-Spezialität: Okonomi-yaki, eine Art Pfannkuchen mit Meeresfrüchten und Gemüse. Köstlich, aber nachdem diese Anspannung von uns abgefallen ist, schmeckt ohnehin alles zehnmal besser und intensiver. Wir feiern glücklich mit dem gesamten Team, alle sind zufrieden (Fotos 27 + 28). Erst gegen ein Uhr nachts checken wir in unser Hotel ein und fallen todmüde ins Bett.

Freitag, 03.06. – Hiroshima – Kyoto

Der heutige Abschied von der Truppe ist traurig: Zwei Wochen haben wir nun so intensiv miteinander verbracht, da wird man schon wehmütig. Besonders der Abschied von Anna und von Yoko fällt uns schwer. Doch zum Glück geht es für uns ja noch weiter: In Kyoto werden wir drei weitere Konzerte geben, diesmal amortal solo. Die Routine des Ablaufs haben wir ja nun, doch bei der Probe merken wir, dass wir unsere Solostücke ja länger nicht mehr gespielt haben. Erstaunlicher Weise laufen sie aber besser denn je, vielleicht, weil wir als Ensemble nun so gut eingespielt sind. Die Dimension des heutigen Konzertes ist natürlich wesentlich kleiner, aber immerhin kommen gut hundert Besucher, und die Stimmung ist unglaublich! Nach dem Konzert geben wir Autogramme und lassen uns mit Fans fotografieren – das haben wir so noch nie erlebt! Ein wunderbares Essen krönt diesen Tag.


Samstag, 04.06. – Kyoto

Nach dem Ausschlafen (wir hatten schon vergessen, wie das geht) besichtigen wir Kyoto und empfinden sie als die schönste aller Städte, die wir in den zwei Wochen gesehen haben. Insbesondere die Chion-in-Tempelanlage beeindruckt uns enorm. Am Nachmittag spielen wir zunächst in einem winzigen Jazzclub, der mit knapp zwanzig Zuhörern schon aus allen Nähten platzt; der nächste Club, teilt uns unser Gastgeber Takeshi mit, sei leider noch wesentlich kleiner. Wir wundern uns, wie das denn gehen soll – doch es geht! Wir stehen mitten zwischen den Besuchern, müssen unsere Hälse recken, um einander sehen zu können und geben doch ein tolles Konzert. In einem Restaurant mit deutschen Sprüchen an den Wänden (!!) beschließen wir den Abend, bevor es am Sonntag zurück nach Berlin geht.


Mehr Informationen über die Band: www.amortal.de

Amortal treten vom 03.-28. August 2005 in der Ufa-Fabrik auf, zusammen mit dem Kabarettisten Martin Quilitz in dem Tango-Kabarett-Programm
"Sind wir nicht alle ein bisschen Tango?" "Der Kabarettist Martin Quilitz und das Berliner Tangoensemble amortal fördern auf der Suche nach den 'wahren' Wurzeln des Tango höchst amüsante Enthüllungen zu Tage". (Auszug aus dem Programmheft)

Nähere Informationen zu dieser Veranstaltung bei tangoberlin.de unter: http://www.tangoberlin.de/besTermine.html

Die Grande Dame des japanischen Tango, Anna Saeki, wird im September wieder in Berlin auftreten: im Tränenpalast und im Rahmen des Asien-Pazifik-Film-Festivals, u. a. als Showact bei der Gala-Eröffnung. tangokultur.info wird rechtzeitig über die Termine informieren!!

Infos zu Anna Saeki: www.annasaeki.com

Ausgabe Juli 2005

 

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