Kolumne: Tango-Newbies (6)
 

Früchte des Zorns

 

Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis

Also, eure Arme so, dass sie den meisten Kontakt miteinander haben. Gehen ist alles. Du musst gehen können. Die Füße zusammen, wenn ihr voreinander seid. Die Dame immer elegant! Tango ist ein Schmalspurtanz. DU! Nicht so weit auseinander. Stell dir vor, du bringst die Knie beieinander. Hüfte runter! Und nicht eindrehen, wenn du ins Kreuz gehst. Nein, nicht die Füße so deutlich aneinander ziehen, das ist ja wie beim Militär, Gewicht immer nur auf einem Bein, das andere schwingt mit. Fuß dicht am Boden. 

Schulter runter, Angst raus. Locker in der Hüfte. L O C K E R!!! Gleich eng zu tanzen, bringt nichts, du musst erst mal in deiner Achse sein. Wenn du dir angewöhnst, dich anzulehnen, fällst du später um. 

Tango ist ein Machotanz. Jetzt machen wir erst mal die Basse. Darauf baut alles auf. Schreibt man mit zwei ,s'. Die Frau muss nicht führen, sondern fühlen. Nagel sie fest. Du muss sie begleiten, ihr nachgehen, sie stoppen, im letzten Moment drehst du ab. Die Dame tut jetzt mal so, als ob sie am Automaten steht und sich ein Kaugummi zieht. Wir, die Männer, beobachten sie. Es gibt Lehrer, die sagen, SIE sollte führen lernen, dann versteht SIE, was ER macht, aber das sehen WIR nicht so. 

Ah, das habe ich nicht gesehen, wir sind noch gar nicht so weit. Das haben wir noch nicht gemacht. Pike und Colgadas kommen erst im übernächsten Kurs dran. Wann beginnt der Kurs? Ach so, hier hab ich's ja: im nächsten Jahr! Bis dahin üben wir ohne Musik. Stehen, Gewichtsverlagerung. Ganz langsam. Das muss keiner sehen. Hey, DU! Langsam, langsam. Genieß es, selbst, wenn ER dich da reintreibt, das sind deine Partien. Und an dich: Du holst die Dame aufrecht ab, sie soll auch wieder aufrecht vor dir auskommen. Und noch mal an die Dame: Nicht einknicken. Du bist die Königin. Blick zu seiner linken Schulter. Schläfe an Schläfe geht auch, da wollen wir mal nicht so sein. Richtig rumfassen! In Buenos Aires würden wir das jetzt ... 

Ich gebe jetzt  mal ein Kissen zwischen euch. Bitte nicht fallen lassen. Und Gegenenergie. Aus der Mitte heraus, Aufrichtung. Was bringt es, Figuren zu machen, wenn man das Körpergefühl noch nicht hat? Ich bin sehr für langsam. Stehen, Gewichtsverlagerung, Einleitung der Bewegung, Gehen, spirale Körperverdrehung. Zentrumsarbeit. Das ist das Konzept. Ja, Yoga machen wir auch. DU! HALT! Ich greif jetzt mal von hinten um dich rum. Stell dir vor, du hängst an einem Faden. Jemand zieht dich von oben. Du wächst aus deiner Mitte . Den Schritt projektieren ... ja ... ja ... noch nicht ... nicht nach hinten kippen ... jetzt erst absetzen und das andere Bein eng ran, ran, ran ... wo hast du das denn gelernt? Seit wann lassen wir das Bein denn so rumschwingen? Du verreißt die ganze Figur, merkst du das? Merkst du es selbst? Also bitte: Wenn du Ballett gemacht hast, musst du noch lange kein Tango tanzen können. Tango ist anders. Beim Tango darf die Frau springen! 

Hey, ist zu schwierig? Ach, Hauptsache es macht Spaß. Wenn du das noch nicht kannst, egal. Machst du Pilates? Guck, so, musst du machen. einen .... äh ... wie sagt man  ... Kreuzschritt, ah ja, Kreuzschritt äh ... is nicht schlimm, machen wir noch viele, viele und du kapierst. Ne, du hast nich verstanden, ne? Ja, macht nix, aber ich werd dir das noch viele, viele Mal sagen. Wir bilden uns weiter. Wir fahren im Winter nach Buenos Aires. Da ist bei denen Sommer.

Habt ihr das verstanden, wie das geht? Bitte. Noch mal von vorn. Musik! Hey, halt! Du wirst mal ganz gut, deine Haltung ist gut. Deine Schritte sind zu klein. Nee, das geht ja schon ganz gut. Doch!

 

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Ausgabe Januar 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)