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Umarmungen
Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis

Wenn ich nun, Ende November, an Weihnachten
denke, bin ich natürlich völlig deprimiert und bekomme keinen graden
Satz mehr ins Fenster meiner Datei - übellaunig denke ich dann, dass
meine Schreibgeräte früher mal Stift und Papier hießen und letzteres
sich anfassen, zerknüllen und aufessen ließ.
Weihnachten bringt Mahlzeiten, die ich mir nie selbst zumutete, wenn
nicht gerade Weihnachten wäre; bringt Plätzchen, damit selbst dann
noch Weihnachten ist, wenn der Zahnarzt Mitte Februar am
Kostenvoranschlag für die Füllungen sitzt. Bringt eine lange,
trostlose Zugfahrt, weil die Familie meint, eine alleinstehende Frau hätte
keinen eigenen Haushalt und ihre Küche wäre ein minderer Ort für
festliche Begegnungen. Bringt Fragen wie 'Na, wie ist es denn dieses
Jahr bei dir gelaufen?', 'Gibt es endlich einen Mann in deinem Leben?';
diesen vorzugreifen oder in deren Beantwortung hineinzuschnellen, ermöglicht
zwar eine gewisse Steuerung des Gespräches, aber - und dagegen ist
fast nichts zu tun: Weihnachten bringt immer irgendeine bucklige
Verwandtschaft und bei mir: Onkel W.
Onkel W. nehme ich es nicht ab, dass er mich an sich drückt, weil ihn
das herzliebe Jesulein zu menschlicher Güte anhält. Onkel W. will -
und danach lechzt er schon seit Monaten - seine labbrigen Lippen auf
meine drücken und mir einen verwandtschaftlich Kuss geben, und meine
Mutter, die das genauso abscheulich findet wie ich, meint, wenn sie es
seit 40 Jahren erduldet, sollte ich mich nicht anstellen. Früher ist
Onkel W.'s Riesenpranke öfter auf meinem Hintern zu Ruhe gekommen -
aber im Zeichen der Liebe galt es auch das klaglos zu ertragen. Warum
eigentlich? Warum muss sich der Mensch quälen, weil ER ans Kreuz
genagelt wurde? Hat nicht ER selbst sämtliche Schlechtigkeiten auf sich
genommen, damit wir Nachgeborenen es umso leichter haben?
Während ich ratlos die Zeitungsstapel auf dem Boden meines
Arbeitszimmers umkreise, dabei in Ochos gerate und dem zauberhaften Tänzer
nachsinne, der mir in die letzte Unterrichtsstunde vor Weihnachten
vermittelt wurde - (Ich: Ich gehe von selbst ins Kreuz. Du führst
mich da gar nicht hinein, oder? Er: Ja, du gehst fast von alleine. Wir
wollen beide immer ganz nah voreinander sein, oder?) -, fallen mir
Picassos Umarmungen ein; zärtlich zwischen Mutter und Kind, wollüstig
in der 'Suite Vollard', dieser großartigen Radierfolge, in der sich der
Minotaurus mit dem Weib verbindet, monströs im Kampf der Geschlechter,
unverhüllt geschlechtlich. Und plötzlich habe ich die Lösung für
dieses unsägliche Fest, das uns allen bevorsteht: Ich werde es neu
ritualisieren. Ich werde den Tango einführen.
In meine Reisetasche kommen die neuen Tanzschuhe. Den Menschen, die mich
erwarten, brenne ich die Tangofiles auf CD's, denen ich im Laufe des
Jahres gefolgt bin (strafbar, ich weiß!). Gleich morgen rufe ich meine
Mutter an und sage ihr, dass ich weder Bücher noch Strümpfe möchte.
Ich will Geld - so viel wie geht! - damit ich die Tangokurse und
-reisen des kommenden Jahres bezahlen kann; die Strümpfe suche ich mir
selbst aus. Und dann wird ein Stundenplan erstellt: Einmal am Tag gibt
es offene Klasse in meinem alten Jugendzimmer, es komme, wer mag; am
Nachmittag Práctica und abends Tanz - und ansonsten lasse ich mich
nur zum Essen blicken! Sollen sie sich doch wehren! Die Englein werden
sich ihre süßen Schalmaiensänge für andere Zeiten aufheben müssen.
Ja, dieses Jahr habe ich kaum ausreichend verdient, mein Name ist noch
immer Schall und Rauch, morgens wache ich auf, das Bett ist leer und
keine putzmuntere Kinderschar stiebt lärmend durch die Wohnung. Das
bunte, aufregende, alles ermöglichende Leben spielt sich vorwiegend in
meinem Kopf ab ... und doch habe ich mir eines der schönsten
Geschenke gemacht. Ich bin auf den Tango gekommen. Ich habe unzählige Männer
soweit kennen lernen dürfen, wie es einer spontan süchtigen Tanguera
Nueva Not tut, und hin und wieder dachte ich, verliebt zu sein oder
begehrt zu werden. Der Höhepunkt dieses Jahres aber war, die Qualität
der Umarmung kennen zu lernen und ihren Wechsel, el cambio de abrazo.
Darüber geht nichts. Die Art, in der wir uns umarmen, sagt alles über
die Nähe, die wir zueinander haben können und herstellen wollen, über
unsere verquälten Begierden, über die lähmenden Ängste und
insbesondere über diese ungeheure Sehnsucht, einen Anderen dafür zu
gewinnen uns als das fantastischste Geschöpf der Welt zu sehen.
Die Umarmung, die der Tango bietet, gehört mit zum Schönsten, was ich
seither kenne. Als ich im Sommer eine Woche am Stück sechs Stunden am
Tag mit einem festen Partner tanzte, litt ich hernach unter
Phantomschmerz. Es war mir, als wäre mein Gegenüber immer noch da.
Unwillkürlich wanderten meine Arme mehrmals am Tag um eine gefühlte
Person vor mir herum. Bekümmert suchte ich die Nähe von Freunden und
umarmte sie inständiger und ausgiebiger als sonst, wobei mir bewusst
wurde, wie ich es tat und was mir dabei zurückgegeben wurde. Nun, wo
ich die Umarmung besser kenne, möchte ich nicht mehr jeden einen guten
Freund nennen; die meisten Menschen, die ich kenne, sind doch nur
Bekannte. Unsere Hüften fliehen, doch unsere Oberkörper und Köpfe -
Schläfe an Schläfe, Aug in Aug oder gar mit Blick am anderen vorbei
- bleiben einander zugewandt.
Oft gibt die Umarmung Hinweise auf die Art, in der ein Paar auch außerhalb
des Salons kommunizieren würde. Wenn ER unaufhörlich mit seiner
rechten Schulter zuckt, weil SIE vor ihm eindrehen soll. Warum wird sie
sich zu ihren Schritten überreden lassen, warum wird sie sich seiner
Schwäche zuliebe, nicht aus der Mitte seines Körpers agieren zu können,
rüberrütteln lassen? Weil sie ihn nicht ändern wird und sie diesen
Tanz nicht stoppen will. Basta! SIE aber legt ihre Hand auf seinen
rechten Oberarm und drückt ihn von sich weg. Manchmal, wenn es ihr an
Halt fehlt, umklammert sie ihn wie den Griff eines Motorrads. Die Stelle
an seinem rechten Oberarm schmerzt. Ab und an gelingt eine Umarmung tatsächlich:
ER geht auf sie zu und bestimmt somit die Nähe, die er zu ihr sucht.
SIE versteht ihn und stellt sich mit der ihr vorgegebenen Nähe in
seinen Armen ein. Sie tanzen und irgendwann, wenn sie nebeneinander sind
und Schulter an Schulter vorwärtsgehen, führt sie ihren Arm um ihn und
lässt ihre Hand auf seiner linken Schulter ruhen. Eine Phrase später
tanzen sie womöglich offen gegenüber. Beide haben es genossen, wie
sich ihr Arm zuvor von seinen Schultern löste und ihre Hand, während
sie hinunterglitt, sachte über seinen Rücken strich.
Onkel W. wird es schwer haben mit mir dieses Jahr. Er bekommt ein
anderes Weihnachten, als das, was er uns seit viel zu langer Zeit
zumutet. Wenn er seine Pranke auf meinen Hintern legt, ziehe ich sie ihm
dort weg und lege sie auf meinen Rücken unterhalb des Schulterblatts.
"Seht", werde ich den Verwandten in meinem Jugendzimmer sagen,
"so ist das geschummelt, er will eigentlich was anderes, seine Hand
verrät ihn. Hier muss sie hin, wenn sie mir Stabilität geben
will." Vielleicht werden sie lachen, schlimmstenfalls wird meine
Mutter Onkel W. Entschädigung anbieten, indem sie hernach freiwillig
mit ihm tanzt. So alle Stricke reißen und keiner mitmacht, verschwinde
ich nach dem Essen in den nächsten Tanzschuppen der Stadt und lasse
mich dort von fremden Menschen umarmen.
Ich drehe ein paar Ochos um meine Zeitungsstapel. Mittlerweile freue ich
mich fast aufs Fest.
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Ausgabe Dezember 2005
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