Kolumne: Tango-Newbies (5)
 

Umarmungen

Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis



Wenn ich nun, Ende November, an Weihnachten denke, bin ich natürlich völlig deprimiert und bekomme keinen graden Satz mehr ins Fenster meiner Datei - übellaunig denke ich dann, dass meine Schreibgeräte früher mal Stift und Papier hießen und letzteres sich anfassen, zerknüllen und aufessen ließ.

Weihnachten bringt Mahlzeiten, die ich mir nie selbst zumutete, wenn nicht gerade Weihnachten wäre; bringt Plätzchen, damit selbst dann noch Weihnachten ist, wenn der Zahnarzt Mitte Februar am Kostenvoranschlag für die Füllungen sitzt. Bringt eine lange, trostlose Zugfahrt, weil die Familie meint, eine alleinstehende Frau hätte keinen eigenen Haushalt und ihre Küche wäre ein minderer Ort für festliche Begegnungen. Bringt Fragen wie 'Na, wie ist es denn dieses Jahr bei dir gelaufen?', 'Gibt es endlich einen Mann in deinem Leben?'; diesen vorzugreifen oder in deren Beantwortung hineinzuschnellen, ermöglicht zwar eine gewisse Steuerung des Gespräches, aber - und dagegen ist fast nichts zu tun: Weihnachten bringt immer irgendeine bucklige Verwandtschaft und bei mir: Onkel W.

Onkel W. nehme ich es nicht ab, dass er mich an sich drückt, weil ihn das herzliebe Jesulein zu menschlicher Güte anhält. Onkel W. will - und danach lechzt er schon seit Monaten - seine labbrigen Lippen auf meine drücken und mir einen verwandtschaftlich Kuss geben, und meine Mutter, die das genauso abscheulich findet wie ich, meint, wenn sie es seit 40 Jahren erduldet, sollte ich mich nicht anstellen. Früher ist Onkel W.'s Riesenpranke öfter auf meinem Hintern zu Ruhe gekommen - aber im Zeichen der Liebe galt es auch das klaglos zu ertragen. Warum eigentlich? Warum muss sich der Mensch quälen, weil ER ans Kreuz genagelt wurde? Hat nicht ER selbst sämtliche Schlechtigkeiten auf sich genommen, damit wir Nachgeborenen es umso leichter haben?

Während ich ratlos die Zeitungsstapel auf dem Boden meines Arbeitszimmers umkreise, dabei in Ochos gerate und dem zauberhaften Tänzer nachsinne, der mir in die letzte Unterrichtsstunde vor Weihnachten vermittelt wurde - (Ich: Ich gehe von selbst ins Kreuz. Du führst mich da gar nicht hinein, oder? Er: Ja, du gehst fast von alleine. Wir wollen beide immer ganz nah voreinander sein, oder?) -, fallen mir Picassos Umarmungen ein; zärtlich zwischen Mutter und Kind, wollüstig in der 'Suite Vollard', dieser großartigen Radierfolge, in der sich der Minotaurus mit dem Weib verbindet, monströs im Kampf der Geschlechter, unverhüllt geschlechtlich. Und plötzlich habe ich die Lösung für dieses unsägliche Fest, das uns allen bevorsteht: Ich werde es neu ritualisieren. Ich werde den Tango einführen.

In meine Reisetasche kommen die neuen Tanzschuhe. Den Menschen, die mich erwarten, brenne ich die Tangofiles auf CD's, denen ich im Laufe des Jahres gefolgt bin (strafbar, ich weiß!). Gleich morgen rufe ich meine Mutter an und sage ihr, dass ich weder Bücher noch Strümpfe möchte. Ich will Geld - so viel wie geht! - damit ich die Tangokurse und -reisen des kommenden Jahres bezahlen kann; die Strümpfe suche ich mir selbst aus. Und dann wird ein Stundenplan erstellt: Einmal am Tag gibt es offene Klasse in meinem alten Jugendzimmer, es komme, wer mag; am Nachmittag Práctica und abends Tanz - und ansonsten lasse ich mich nur zum Essen blicken! Sollen sie sich doch wehren! Die Englein werden sich ihre süßen Schalmaiensänge für andere Zeiten aufheben müssen.

Ja, dieses Jahr habe ich kaum ausreichend verdient, mein Name ist noch immer Schall und Rauch, morgens wache ich auf, das Bett ist leer und keine putzmuntere Kinderschar stiebt lärmend durch die Wohnung. Das bunte, aufregende, alles ermöglichende Leben spielt sich vorwiegend in meinem Kopf ab ...  und doch habe ich mir eines der schönsten Geschenke gemacht. Ich bin auf den Tango gekommen. Ich habe unzählige Männer soweit kennen lernen dürfen, wie es einer spontan süchtigen Tanguera Nueva Not tut, und hin und wieder dachte ich, verliebt zu sein oder begehrt zu werden. Der Höhepunkt dieses Jahres aber war, die Qualität der Umarmung kennen zu lernen und ihren Wechsel, el cambio de abrazo. Darüber geht nichts. Die Art, in der wir uns umarmen, sagt alles über die Nähe, die wir zueinander haben können und herstellen wollen, über unsere verquälten Begierden, über die lähmenden Ängste und insbesondere über diese ungeheure Sehnsucht, einen Anderen dafür zu gewinnen uns als das fantastischste Geschöpf der Welt zu sehen.

Die Umarmung, die der Tango bietet, gehört mit zum Schönsten, was ich seither kenne. Als ich im Sommer eine Woche am Stück sechs Stunden am Tag mit einem festen Partner tanzte, litt ich hernach unter Phantomschmerz. Es war mir, als wäre mein Gegenüber immer noch da. Unwillkürlich wanderten meine Arme mehrmals am Tag um eine gefühlte Person vor mir herum. Bekümmert suchte ich die Nähe von Freunden und umarmte sie inständiger und ausgiebiger als sonst, wobei mir bewusst wurde, wie ich es tat und was mir dabei zurückgegeben wurde. Nun, wo ich die Umarmung besser kenne, möchte ich nicht mehr jeden einen guten Freund nennen; die meisten Menschen, die ich kenne, sind doch nur Bekannte. Unsere Hüften fliehen, doch unsere Oberkörper und Köpfe - Schläfe an Schläfe, Aug in Aug oder gar mit Blick am anderen vorbei - bleiben einander zugewandt.

Oft gibt die Umarmung Hinweise auf die Art, in der ein Paar auch außerhalb des Salons kommunizieren würde. Wenn ER unaufhörlich mit seiner rechten Schulter zuckt, weil SIE vor ihm eindrehen soll. Warum wird sie sich zu ihren Schritten überreden lassen, warum wird sie sich seiner Schwäche zuliebe, nicht aus der Mitte seines Körpers agieren zu können, rüberrütteln lassen? Weil sie ihn nicht ändern wird und sie diesen Tanz nicht stoppen will. Basta! SIE aber legt ihre Hand auf seinen rechten Oberarm und drückt ihn von sich weg. Manchmal, wenn es ihr an Halt fehlt, umklammert sie ihn wie den Griff eines Motorrads. Die Stelle an seinem rechten Oberarm schmerzt. Ab und an gelingt eine Umarmung tatsächlich: ER geht auf sie zu und bestimmt somit die Nähe, die er zu ihr sucht. SIE versteht ihn und stellt sich mit der ihr vorgegebenen Nähe in seinen Armen ein. Sie tanzen und irgendwann, wenn sie nebeneinander sind und Schulter an Schulter vorwärtsgehen, führt sie ihren Arm um ihn und lässt ihre Hand auf seiner linken Schulter ruhen. Eine Phrase später tanzen sie womöglich offen gegenüber. Beide haben es genossen, wie sich ihr Arm zuvor von seinen Schultern löste und ihre Hand, während sie hinunterglitt, sachte über seinen Rücken strich.

Onkel W. wird es schwer haben mit mir dieses Jahr. Er bekommt ein anderes Weihnachten, als das, was er uns seit viel zu langer Zeit zumutet. Wenn er seine Pranke auf meinen Hintern legt, ziehe ich sie ihm dort weg und lege sie auf meinen Rücken unterhalb des Schulterblatts. "Seht", werde ich den Verwandten in meinem Jugendzimmer sagen, "so ist das geschummelt, er will eigentlich was anderes, seine Hand verrät ihn. Hier muss sie hin, wenn sie mir Stabilität geben will." Vielleicht werden sie lachen, schlimmstenfalls wird meine Mutter Onkel W. Entschädigung anbieten, indem sie hernach freiwillig mit ihm tanzt. So alle Stricke reißen und keiner mitmacht, verschwinde ich nach dem Essen in den nächsten Tanzschuppen der Stadt und lasse mich dort von fremden Menschen umarmen.

Ich drehe ein paar Ochos um meine Zeitungsstapel. Mittlerweile freue ich mich fast aufs Fest.


 

 

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Ausgabe Dezember 2005

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)