Kolumne: Tango-Newbies (3)
 
Lass diesen Kelch an mir...

Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis


Die Typenartigkeit mancher Tangoliebenden scheint ein Führenden-Phänomen zu sein. Die verbotenen oder zumindest heiklen Typen der lokalen Szene sind Männer, und SIE, die Neue, lernt sie leider sehr schnell kennen. Die alten Häsinnen der Milonga haben den Typen schon ein paar Körbe gegeben, und sollten sie mal wieder mit dem Kopf von ihnen benickt werden, blicken sie ostentativ durch sie hindurch. Nach einer Weile bleiben diesen Männern nur noch die Dompteusen oder Sklavinnen, die sich von ihrer Art berühren lassen, oder die gutgläubigen Nuevas.

Wenn SIE Pech hat, hat sie den Ruf, der einem Typen vorauseilt, noch nicht vernommen, und weiß nicht, wie er aussieht. Ahnungslos gerät sie in seine Fänge, denn auf eines ist ER geeicht: auf die noch unbekannte SIE, die sich neuerdings am Rande der Tanzfläche niederlässt und angespannt nach ihrem ersten, besten Tänzer Ausschau hält. Begierig wird er sie anschmecken und testen ... SIE könnte doch was sein! Und falls sie sich nicht wehrt, lässt ER sie nicht mehr aus.

Die ausgeprägten Typen tragen Namen. Da gibt es ,die fliegende Weide', einen älteren Mann, der mit seiner stattlichen Größe alles ausreißt und umkippt, was noch nicht in seiner Achse bleibt. Es gibt ,den Kelch', von dem man hofft, dass er an einem vorübergeht. Oops, schon wird SIE über die Tanzfläche bugsiert. Der ,Kelch' ist ein fortgeschrittener, mittelgroßer Tänzer. Er liebt die rhythmusbetonte Milonga und nervt SIE mit Empfehlungen, sprich: er korrigiert, er übt mit ihr. Für SIE wird es so oder so zu einer Blamage, selbst, wenn sie sich geschickt anstellen sollte, denn sie ist nicht Tanzen gegangen, um vor aller Augen beübt zu werden. Bei eigener Körperlust und Musikalität könnte sie seine vorwärtstreibenden, effekthaschenden Figuren mitgehen, aber nur, wenn er sie sicher führte. Das aber kann er nicht. Oder: SIE hat ein robustes Naturell und dreht den Spieß um. "Ich stand damals noch am Anfang und sagte ihm sofort, er solle die Klappe halten", erzählt eine SIE. "Man muss ihn psychologisch führen, dann geht es gut." Wie ,der Kelch' mit bürgerlichem Namen heißt, ist von minderer Bedeutung (er hat einen, er stellt sich auch mit diesem vor). Entscheidend ist, dass sich in der Szene der Typenname vor den Eigennamen setzt und diesen dominiert.

Neben den Tänzern mit Label gibt es ein Becken an typenfähigen Tänzern, die vielleicht noch werden, was sie im Kern bereits sind. Beispiel: SIE ist Einsteigerin, und es ist ihre Jungfrauen-Milonga. SIE sitzt und wartet, zart und hübsch. ER kommt, fragt, ob sie mit ihm tanzen wolle, SIE sagt, gerne, aber sie sei noch Anfängerin, er solle nicht zu viel erwarten, ER sagt, dann solle sie mal sitzen bleiben. Nennen wir ihn ,den Neider' (und das ist noch freundlich), denn er gönnt ihr nicht mal ein Set seiner - nebenbei - recht mediokren Tänze. Typenfähig sind der noch ungetaufte ,Aristokrat', der mit höfischem Ausdruck Mittanzende umschifft und sie wie Fußvolk aussehen lässt und der designierte ,Frauenversteher', der seiner Partnerin unterwürfig in den Schoß kriecht. Namentlich vorgemerkt sind ,der Animator', der IHR nach ihrer desaströsen Erfahrung mit dem ,Kelch' beschwingt den Kopf verdreht und sie zu einer Kunstfertigkeit antreibt, die sie nicht von sich erwartet hätte; und ,der Genießer', der erspürt, was SIE kann oder noch nicht und der ihr sagt, dass sie das prima hinbekommt - wofür sie ihn liebt, und weswegen sie immer wieder mit ihm will.

Liegt es daran, dass sich Männer über Frauen nur unter ihresgleichen oder gar nicht unterhalten - oder daran, dass sich Frauen unentwegt über alles unterhalten, was sich über die Tanzfläche bewegt und peinlicherweise den Zeigefinger dabei ausstrecken: "Guck mal der da ..."? In jedem Falle scheinen weibliche Einsteiger wie auch Fortgeschrittene vor dem Phänomen der Typenbildung besser gefeit, und deshalb atme ich erleichtert auf, denn wo kämen wir da hin, wenn wir in Kategorien gesteckt würden, und man uns ,die Plappernde', ,die Prüde' oder am Ende noch ,das Trampel' nennte; zugegeben, meine Damen: wir können verzeihen, notfalls auch dem ,Kelch' ... und uns, meine Herren, wird bitteschön verziehen!

 

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Ausgabe Oktober 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)