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Lass diesen Kelch an mir...
Text: Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis
Die Typenartigkeit mancher Tangoliebenden scheint
ein Führenden-Phänomen zu sein. Die verbotenen oder zumindest
heiklen Typen der lokalen Szene sind Männer, und SIE, die Neue,
lernt sie leider sehr schnell kennen. Die alten Häsinnen der
Milonga haben den Typen schon ein paar Körbe gegeben, und sollten
sie mal wieder mit dem Kopf von ihnen benickt werden, blicken sie
ostentativ durch sie hindurch. Nach einer Weile bleiben diesen Männern
nur noch die Dompteusen oder Sklavinnen, die sich von ihrer Art berühren
lassen, oder die gutgläubigen Nuevas.
Wenn SIE Pech hat, hat sie den Ruf, der einem Typen vorauseilt, noch
nicht vernommen, und weiß nicht, wie er aussieht. Ahnungslos gerät
sie in seine Fänge, denn auf eines ist ER geeicht: auf die noch
unbekannte SIE, die sich neuerdings am Rande der Tanzfläche niederlässt
und angespannt nach ihrem ersten, besten Tänzer Ausschau hält.
Begierig wird er sie anschmecken und testen ... SIE könnte doch was
sein! Und falls sie sich nicht wehrt, lässt ER sie nicht mehr aus.
Die ausgeprägten Typen tragen Namen. Da gibt es ,die fliegende
Weide', einen älteren Mann, der mit seiner stattlichen Größe alles
ausreißt und umkippt, was noch nicht in seiner Achse bleibt. Es
gibt ,den Kelch', von dem man hofft, dass er an einem vorübergeht.
Oops, schon wird SIE über die Tanzfläche bugsiert. Der ,Kelch'
ist ein fortgeschrittener, mittelgroßer Tänzer. Er liebt die
rhythmusbetonte Milonga und nervt SIE mit Empfehlungen, sprich: er
korrigiert, er übt mit ihr. Für SIE wird es so oder so zu
einer Blamage, selbst, wenn sie sich geschickt anstellen sollte,
denn sie ist nicht Tanzen gegangen, um vor aller Augen beübt zu
werden. Bei eigener Körperlust und Musikalität könnte sie seine
vorwärtstreibenden, effekthaschenden Figuren mitgehen, aber nur,
wenn er sie sicher führte. Das aber kann er nicht. Oder: SIE hat
ein robustes Naturell und dreht den Spieß um. "Ich stand damals
noch am Anfang und sagte ihm sofort, er solle die Klappe halten",
erzählt eine SIE. "Man muss ihn psychologisch führen, dann geht
es gut." Wie ,der Kelch' mit bürgerlichem Namen heißt, ist
von minderer Bedeutung (er hat einen, er stellt sich auch mit diesem
vor). Entscheidend ist, dass sich in der Szene der Typenname vor den
Eigennamen setzt und diesen dominiert.
Neben den Tänzern mit Label gibt es ein Becken an typenfähigen Tänzern,
die vielleicht noch werden, was sie im Kern bereits sind. Beispiel:
SIE ist Einsteigerin, und es ist ihre Jungfrauen-Milonga. SIE sitzt
und wartet, zart und hübsch. ER kommt, fragt, ob sie mit ihm tanzen
wolle, SIE sagt, gerne, aber sie sei noch Anfängerin, er solle
nicht zu viel erwarten, ER sagt, dann solle sie mal sitzen bleiben.
Nennen wir ihn ,den Neider' (und das ist noch freundlich), denn
er gönnt ihr nicht mal ein Set seiner - nebenbei - recht
mediokren Tänze. Typenfähig sind der noch ungetaufte
,Aristokrat', der mit höfischem Ausdruck Mittanzende umschifft
und sie wie Fußvolk aussehen lässt und der designierte ,Frauenversteher',
der seiner Partnerin unterwürfig in den Schoß kriecht. Namentlich
vorgemerkt sind ,der Animator', der IHR nach ihrer desaströsen
Erfahrung mit dem ,Kelch' beschwingt den Kopf verdreht und sie
zu einer Kunstfertigkeit antreibt, die sie nicht von sich erwartet hätte;
und ,der Genießer', der erspürt, was SIE kann oder noch nicht
und der ihr sagt, dass sie das prima hinbekommt - wofür sie ihn
liebt, und weswegen sie immer wieder mit ihm will.
Liegt es daran, dass sich Männer über Frauen nur unter
ihresgleichen oder gar nicht unterhalten - oder daran, dass sich
Frauen unentwegt über alles unterhalten, was sich über die Tanzfläche
bewegt und peinlicherweise den Zeigefinger dabei ausstrecken:
"Guck mal der da ..."? In jedem Falle scheinen weibliche
Einsteiger wie auch Fortgeschrittene vor dem Phänomen der
Typenbildung besser gefeit, und deshalb atme ich erleichtert auf,
denn wo kämen wir da hin, wenn wir in Kategorien gesteckt würden,
und man uns ,die Plappernde', ,die Prüde' oder am Ende noch
,das Trampel' nennte; zugegeben, meine Damen: wir können
verzeihen, notfalls auch dem ,Kelch' ... und uns, meine Herren,
wird bitteschön verziehen!
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Ausgabe
Oktober 2005
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