Natashas Tanzschuhe
 


Eine Erzählung

Text: Lexa Roséan
Übersetzung: Elke Koepping



Ich weiß, dass Natasha am Lungenkrebs stirbt. Ich weiß das, weil, als ich ihr Genesungswünsche durch eine der Russinnen schicken wollte, diese zu mir sagte Zu spät. Das mit der Genesung musst du jetzt für dich selbst erledigen. Sie ist schon auf dem Weg. Gestern ist es ein Jahr her, dass ich aufgehört habe zu rauchen. Vor einem Jahr trug Natasha all diese dramatisch langen Schals, weil sie ihr wunderschönes blondes Haar durch die Chemo verloren hatte. Dann wuchsen ihre Haare nach und sie färbte sie knallrot. Es war so etwas wie ein Wettbewerb zwischen ihr und mir herauszufinden, wer die Haare feuriger rot bekam.

Es scheint nur einen Monat her zu sein, dass sie und Samuel die Tanzfläche aufmischten. Natashas roter und Samuels silberweißer Schopf, vor Verzücken ineinander aufgehend, miteinander verwoben und herumwirbelnd in ihrer leidenschaftlichen, liebenden und lachenden Umarmung. Manchmal ernst. Manchmal albern. Immer in Verbindung. Immer um das nackte Leben tanzend. Ich versuche mich in der Erinnerung an sie auf der Tanzfläche und stelle mir dazu frenetische Musik vor. Eine Candombe mit dem sexy Gynäkologen, den all die Frauen liebten. Der, der seinen Arztberuf aufgab, um Tangos zu singen. Jawohl, Castillo singt:

Siga el baile, siga el baile
de la tierra en que nací;
la comparsa de los negros
al compás del tamboril.

Siga el baile, siga el baile
con ardiente frenesí;
un rumor de corazones
encendió el ritmo febril.

Ven a bailar,
te llevaré en las alas
de mi loca fantasía,
quiero olvidar
con besos nuestras penas,
torbellino de alegría.
Setzt den Tanz fort, setzt den Tanz fort
(geboren) aus der Erde, die mich gebar;
der comparsa1 der Schwarzen
und dem Rhythmus des Tamborils2.

Tanzt weiter, tanzt weiter,
in leidenschaftlicher Raserei;
ein Flüstern der Herzen
entzündet den fiebrigen Rhythmus.

Komm, tanz,
ich nehm' dich auf die Schwingen
meiner verrückten Fantasie,
ich möchte vergessen machen
unsere Schmerzen mit Küssen,
in einem Wirbelwind der Lebensfreude.

1 Tanzende/marschierende/feiernde Menschengruppe beim Karneval.
2 Kleine Trommel, die bei solchen Gelegenheiten verwendet wird.



Natasha nimmt jetzt sehr viel Morphium. Die Tage des Tanzens sind für sie vorüber.


Foto: Jennifer Bratt

Ich weiß das, weil da Montagnacht zwölf Paar Schuhe am Rande der Tanzfläche aufgereiht waren. Ein schwarz-weiß kariertes Paar fiel mir ins Auge. So schön. Ich dachte, Die möcht' ich kaufen. Ich meine, ich tanze kaum noch die Frauenschritte und es wäre wohl schwerlich möglich, mit diesen Absätzen zu führen. Aber sie waren so exquisit, ich dachte, die muss ich haben. Dann bemerkte ich all die anderen Schuhe. Comme Il Faut, Neo Tango, Flabella und vielleicht Susana Artesanal. Wer würde so viele unterschiedliche Marken verkaufen, fragte ich mich. Eine der Russinnen flüsterte mir zu Das sind Natashas Schuhe. Sie gibt sie weg.

Ich fühlte wie sich ein Riss in meinem Herzen auftat.
Ja, klar, erklärt natürlich, warum sie alle in Größe 40 waren.
Die perfekte Schuhgröße. Ich hatte immer 38.

"M", meine Mentorin und meine erste große Liebe, die immer bei Minsky's tanzte, erzählte mir, meine Füße seien zu klein für eine richtige Tänzerin. Das war ein ziemlicher Schlag, als ich also 26 Jahre alt war, brachte ich meine Füße per Willenskraft dazu, um eine halbe Größe zu wachsen, so dass mir die 38 ½ passte. Montagnacht hatte ich nicht genug Beharrlichkeit, um zwei ganze Größen zu schaffen. Das nächste Mal als ich vorbeikam, waren diese schwarz-weißen weg. Ich tanzte mit Tatiana. Traumhaft zu halten. Fliege immer mit ihr in meinen Armen. Ich glaube, sie und Alla sind meine beiden Lieblinge unter den Russinnen. Später tanze ich mit Molly; wunderschön, melancholisch, spinnwebfein in meinen Armen.

Es sind nur noch drei Paar von Natashas Schuhen übrig. Bald werden alle weg sein, genau wie Natasha.

Um sie gebührend zu verabschieden, kratze ich eine Nachricht an Natasha auf die Rückseite eines Tango-Flyers. Ich falte ihn sorgfältig und gebe ihn einer der Russinnen mit.

Hola la Peli Roja,
ich hoffe, Du hast ein letztes Paar Schuhe für Dich zurückbehalten um sie mitzunehmen. Ich zähle auf dich, wenn es darum geht, die beste Milonga aller Zeiten auf der anderen Seite zu finden. Wir sehen uns, wenn ich auch drüben bin. Heb mir einen Tanz auf.
Un beso und gute Reise!
- La Bruja


Viele unserer Leser kennen Lexa bisher nur in ihrer Erscheinung als Astrologin und Hexe mit ihrer monatlichen Kolumne "Tango Sterne", die bereits seit der Nullnummer von tangokultur.info im März 2005 regelmäßig erscheint. Dass sie jedoch auch schon Meriten als Autorin gesammelt hat, zeigt ihre Biographie. Der englische Originaltext findet sich neben anderen interessanten Reflexionen zu Politik, Tango und Privatem in Lexas literarischem Blog, der auch die Möglichkeit zu direkten Leserkommentaren bietet.. Mehr...

Dort findet sich als erster Eintrag übrigens auch ein Kommentar zum Libanon-Konflikt. Dies korrespondiert thematisch mit dem Beitrag von Debora Gutman zum Thema Krisen-Tango in Israel in unserer aktuellen Magazin-Ausgabe. Zum Artikel...

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Ausgabe September 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)