Narkotische Klänge
 


Narcotango live in Kassel

Text: Elke Koepping
Fotos: Astrid Weiske

Erinnert sich noch jemand an das Buch "Öde Orte" von Jürgen Roth und Rayk Wieland? Kassel war bereits im ersten Band vertreten. Ich darf diese schnöde Wahrheit ungeschönt und doch gelassen aussprechen, denn ich komme aus der Gegend. Nicht aus Kassel, nein, noch viel schlimmer, aus dem Kasseler Hinterland. Kassel verströmte für mich als Kind und auch noch als Jugendliche immer den Hauch der Groß- und Weltstadt im Vergleich zu dem 4.000-Seelen-Ort, in dem ich aufgewachsen bin.

Jetzt, im Direktanflug via Autobahn aus Berlin, neugierig darauf, die zweite Show im Rahmen der Narcotango-Tour durch Deutschland zu erleben, trifft der Eintritt in die Stratosphäre von Kassel nicht nur mich, sondern auch die mich begleitende Fotografin Astrid Weiske wie ein Schock. Wer Kassel nicht kennt: die historische Innenstadt wurde im 2. Weltkrieg nahezu vollkommen zerstört und im Zuge der besonders menschenfreundlichen Wiederaufbau-Pläne am Reißbrett im Betongussverfahren wieder aufgebaut. Das Ergebnis: gigantische Highways statt Straßen, riesige graue Betonklötze im Stadtinneren und so gut wie keine Fußgänger. Gegen Kassel ist die Dresdner Fußgängerzone eine Augenweide.

Erschwerend kommt hinzu, dass die nordhessische Metropole so gut wie immer grau und nebelverhangen ist - jedenfalls immer, wenn ich da bin. Nicht unschuldig die Tatsache, dass sie sich im Tal zwischen den unter Autofahrern berüchtigten "Kassler Bergen" befindet. Man male sich also vor dem inneren Auge eine graue Betonstadt bei grauem Nieselregen aus, dem ersten richtig ätzenden Herbsttag in diesem Jahr. Das ist schlimmer als "Halloween III" und "Nightmare on Elm Street" zusammen genommen.

Bei Ankunft in der "Kulturfabrik Salzmann", die an sich den regionalen Ruf genießt, eine Trutzburg alternativer Kultur im Jammertal geschlossener Konzertveranstaltungsorte zu sein (immerhin machte vor Jahren schon nicht nur das legendäre Musiktheater dicht, sondern unlängst auch das Outpost in Göttingen, das noch im Einzugsbereich lag), der nächste Tiefschlag: ein Tourmanager, der so aussieht, als würde ihm gleich vor unterdrückter Wut die Schädeldecke abheben, erklärt, die vom Veranstaltungsort zur Verfügung gestellte Musikanlage sei am Nachmittag mehr oder weniger explodiert, der Beginn des Soundchecks und damit des Konzertes sei ungewiss, da der technische Ersatz erst soeben installiert worden sei. 


Um ihn herum: frustrierte und aufgrund der tatenlosen Wartezeit übernervöse argentinische Musiker, die 90 Minuten vor dem eigentlichem Konzertbeginn die Arbeit mehr als schläfriger Tontechniker mit Argusaugen verfolgen.

Gut, denken wir uns, machen wir das Interview nach der Show, ist auch nicht schlecht. Gehen wir halt noch irgendwo in ein Lokal und futtern Energiereserven für die Nacht an. Denkste. Die sogenannte "Kultur"fabrik hat nicht mal ein Café. Die Straßen in Kassel sind am Samstagabend, gegen 18.00 Uhr, menschenleer - wir sind nicht sicher, ob uns nicht ein Riss im Raumgefüge mal eben unbemerkt in eine dystopische Albtraum-Fantasie geschleudert hat, so absurd wirkt die Gegend um das Hallenbad Ost. Ein Licht in der Dunkelheit: die legendäre Trinkhalle in 50er-Jahre-Optik, Freizeittreff lebenshungriger Kasselaner Mitte 50. Immerhin, ein IKEA-Metalltisch-und-stuhl-Ensemble ist unter die Markise gequetscht, so dass unser Abendessen nicht nur sitzend, sondern gar trockenen Fußes eingenommen werden kann. Die freundliche Frittiererin gestattet Astrid sogar das Aufladen ihres Blitzakkus an der Wurstgrill-eigenen Steckdose.

Gegen 20.00 Uhr bietet sich in der Kulturfabrik zwar der erfreuliche Anblick einer summenden brummenden Fangemeinde, die sich für Kasseler Verhältnisse zahlreich eingefunden hat und im Foyer mit Bahnhofshallen-Charme recht chirpy an Getränken nippt, die ein einsamer und genervter Kellner auf Mini-Tabletten aus dem Veranstaltungssaal heranschleppen muss, doch der Soundcheck hat nach wie vor nicht einmal angefangen. Wir warten also auf Godot. Immerhin, bei aller Tristesse, in Kassel gibt es eine rege kleine Tangoszene, die sich hier nahezu vollständig mit etwa 100 Personen versammelt einfindet.

Eine halbe Stunde nach geplantem Konzertbeginn öffnen sich die Türen zum Saal, der den heruntergekommenen Charme regionaler Punk-Konzerte verströmt. Doch welch seltsames Gebaren: innerhalb kürzester Zeit schnappen sich alle diese Menschen Barhocker, die sie in einem Halbkreis drapieren, der einen weitest möglich entfernten Bogen um die Bühne beschreibt und bleiben mit ihren Hintern für den Rest des Konzertes fest mit selbigen verschweißt. Ist dies ein kasseltypisches Ritual zum Freihalten der Tanzfläche? Rätsel über Rätsel und vor allem die denkbar schlechtesten Bedingungen für die Musiker, die nach einem fulminanten Tour-Auftakt in Düsseldorf vor 300 Leuten am Abend zuvor angesichts der Pannen in Kassel recht angespannt wirken. 

Carlos Libedinsky entschuldigt sich für den verspäteten Beginn und verspricht, die Band werde dem Publikum als Ausgleich dafür die "beste Show ihres Lebens" liefern und man solle sich doch schon mit dem ersten Song zum Tanzen animiert fühlen.

Die Aufforderung prallt an einer Mauer des Schweigens ab und das Loch vor der Bühne gähnt die Musiker noch recht lange an. Soundkorrekturen vor, während und nach dem ersten Song "Esta Noche", der auf der im März 2006 erscheinenden neuen CD vertreten sein wird, ein insgesamt eher breiiger Sound, sowie Boxenbrummen und gelegentliches -knallen sind die Hürden, die neben der Unterkühltheit des nordhessischen Gemütes zu überwinden sind. Auch das zweite Stück "Vi Luz Y Subi" schafft es nicht, doch beim dritten "Otra Luna" tanzt ein wenig verschämt und selbstvergessen endlich ein Pärchen in der hintersten Ecke des Raumes - fern des gähnenden Leerraum-Monsters vor der Bühne. Es gibt noch Hoffnung, die Tangotänzer hält es bei dieser Musik einfach nicht auf ihren Sitzen, ich kann's ihnen auch wirklich nicht verdenken.

Die drei eher ruhigen, loungigen Stücke vom Anfang werden durch die Narcotango-eigene, knallende Candombe-Version des Carlos-Gardel-Klassikers "Mi Buenos Aires Querido" abgelöst und endlich reißt es eine kleine Menge an Menschen auf die Eck-Tanzfläche. Dennoch staunt der Laie und die Fachfrau wundert sich: warum drängen die sich alle in dieser Mini-Ecke, die rechts von der Bühne gelegen schwer einsehbar ist? Warum tanzen sie nicht direkt in diesem rätselhaft leeren Tanzflächen-Kreis vor der Bühne? Zu höflich? Wollen sie den Musikern den freien Blick in die Landschaft nicht verstellen? Libedinsky müht sich redlich, das Publikum zum Mitklatschen zu animieren und erreicht einen ersten zögerlichen Erfolg. Doch nach der wilden Candombe versetzt das ebenfalls neue und trance-artige Stück "El Aire en mis manos" das Publikum leider wieder in den Winterschlaf. Es ist ein Graus, kaum zum Ansehen. Die Musiker tun mir entsetzlich leid und fast fürchte ich, sie packen ihre Instrumente ein und fahren kommentarlos zurück in ihr Hotel. Ihre Ruhe ist bemerkenswert.

Und plötzlich geschieht das Wunder: bei der Ansage des 8. Stückes (!!) bittet Frontman Libedinsky das versammelte Auditorium, doch etwas näher zur Bühne zu rücken. Die Musiker stimmen "Que Onda" an, das gegenüber den etwas getrageneren Stücken der aktuellen CD einen recht groovigen Beat aufweist. Beinahe als hätte man auf diese Aufforderung gewartet, explodiert mit einem Male der Saal: Frauen kreischen, Männer weinen, Kinder laufen durcheinander und alles tanzt und hottet und winkt als ging's auf zum jüngsten Gericht. (OK, OK, es waren keine Kinder anwesend, das ist wirklich nur eine ganz leichte Übertreibung....) Versteh' jetzt einer die Nordhessen...

Wie dem auch sei, gelöst und heiter nimmt das Konzert nun auch auf der Bühne seinen Lauf und gegen Ende hin herrscht beinahe karnevaleske Stimmung im Saal, ganz ohne Alkohol und schlechte Witze, es reicht die narkotisierende Wirkung der Droge Musik.

Das letzte, ebenfalls neue, folkloristisch angehauchte Stück "Aqui Nomas", das neben dem Rhythmus der Milonga inspiriert ist von der Huayno-Tradition im Norden Argentiniens, versammelt alle Musiker singend und klatschend an der Rampe. Im Gänsemarsch bewegen sie sich singend und klatschend durch das ebenfalls singende und klatschend Publikum gen Ausgang, dessen Begeisterung keine Grenzen mehr zu kennen scheint und treten zur Zugabe auch ebenso wieder auf. Und nun gerät die Partystimmung an ihren absoluten Siedepunkt: für die Zugabe setzt sich Carlos Libedinsky ans E-Piano und bittet den Tontechniker um mehr Bässe für die Loops - wummernde Techno-Beats erklingen mit "Rescate" (dem einzigen derart technoiden Stück der neuen CD). Der Song schießt alle Versammelten in einer funkensprühenden Rakete gemeinsam auf den Mars und ohne zweite und dritte Zugabe wird die Band nicht wieder von der Bühne gelassen. "Que Onda" groovt zum zweiten Mal aus den Boxen und ich werde von einem fremden Menschen in eine verrückte Tanzrunde gerissen, aus der wir lachend und japsend hervorgehen.

Für die restlichen Konzerte der Deutschland-Tournee bleibt übrigens zu hoffen, dass die Musiker vor weiteren technischen Schwierigkeiten verschont bleiben. Als besonderer Tip sei noch das Stuttgarter Konzert den Fans ans Herz gelegt, denn hier wird Pablo Veron die Musiker tänzerisch begleiten. Gerade an Berlin, wo die Band am 06.10. auftreten wird und bei dem im Anschluss an das Konzert noch zur Party mit dem Münchner TangoFusionClub-Team geladen wird (wie übrigens auch in Hamburg, Hannover und München, siehe unten), hat Carlos Libedinsky übrigens noch ganz wunderbare Erinnerungen, wie er mit leuchtenden Augen im Interview-Termin erzählt. Im Jahr 2001 zog er dort drei Wochen lang nur mit einer Klampfe bewaffnet durch die Milongas und stellte seine Songs vor (so auch in Köln, Bremen und Nijmegen!). Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere noch daran?

Eines sei übrigens noch verraten: mein ganz persönlicher Höhepunkt des Abends fand lange nach dem Konzert statt. Im Gehen begriffen, nachdem das Interview erfolgreich beendet und alle Fotos im Kasten waren, suchte ich im Saal auf der dort noch tobenden Milonga meine sieben Sachen zusammen, als sich klammheimlich Carlos Libedinsky von hinten an mich heranschlich und mich zum Tanze bat. So das eine oder andere Privileg bietet der Job als Journalistin ja dann doch... Was soll ich sagen: der Mann ist ein wunderbarer Tänzer. Ich schwor mir zwar, die linke Wange, die beim Schwof an seiner rechten lehnte, nie wieder zu waschen, bin dem Schwur aber schon am nächsten Morgen wieder untreu geworden, was soll's - Astrid hat diesen historischen Moment zum Glück dokumentiert.

Zum Interview mit Carlos Libedinsky: Mehr...

Weitere Tourtermine im Oktober:

05.10. Bonn, Harmonie (Frongasse 28-30), Beginn 20.00 Uhr
06.10. Berlin, Palais der Kulturbrauerei* 
(Schönhauser Allee 37), Beginn 20.00 Uhr
08.10. Leipzig, Kulturbundhaus (Elsterstr. 35), Beginn 22.00 Uhr
09.10. Nürnberg, Humboldt-Säle ( Humboldtstraße 114-118), 
Beginn 20.00 Uhr
12.10. Hamburg, Mandarin Kasino* (Reeperbahn 1),
Beginn 21.30 Uhr
14.10. Hannover, Faust 60er Jahre Halle* 
(Zur Bettfedernfabrik 3), Beginn 20.00 Uhr
15.10. Stuttgart, Tangohalle (Innerer Nordbahnhof 1), 
Beginn 21.30 Uhr; mit Pablo Veron und Tänzern
16.10. München, Metropolis* (Grafinger Straße 6), Beginn 20.00 Uhr

*Aftershowparty: "Electrotango and other latin electronic flavoured beats", mit dem DJ-Team vom TangoFusionClub aus München, das auch bei den Aftershowpartys von Gotan-Project und Bajofondo aufgelegt hat.


http://www.carloslibedinsky.com 

http://www.narcotango.com.ar 

Weitere Tango-Fotos der Fotografin Astrid Weiske
findet man unter: www.tango-foto.de

Die Rezension der aktuellen CD von Narcotango in der September-Ausgabe von tangokultur.info ist in unserem Archiv zu finden.

Zum Elektrotango-Artikel in unserer Juli-Ausgabe, ebenfalls im Archiv.

Die CD "Narcotango" gibt es bei unserem Partner Danza y Movimiento:

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Ausgabe Oktober 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)