Noctámbulos - Nachtgestalten
 


María Martha Pichel in der Galerie RaumTraum am Oberbaum

Text: Kerstin Tomiak
Bilder von: María Martha Pichel


"Parejatan"

Angesichts dieser Bilder möchte man nie wieder Tango tanzen. Nie mehr einen Salon betreten. Diese fremde und einsame Welt meiden. Und gleichzeitig das Gegenteil: sofort eintauchen in das Halbdunkel eines Salons. In die Welt, die María Martha Pichel zeigt, die an den Wänden der Galerie RaumTraum am Oberbaum in Berlin-Kreuzberg hängt. Und zwischen Fluchtimpuls und Anziehung besteht nicht einmal ein Widerspruch.

María Martha Pichel wurde in Buenos Aires geboren. Insoweit ist es verständlich, dass der Tango eines ihrer Themen ist. Noch verständlicher ist es, dass sie außerhalb ihrer Heimat gern auf das Thema "Tango" festgelegt wird. Was soll ein argentinischer Künstler auch anderes malen als Tango? María Martha Pichel malt auch anderes. Ihr nächstes Thema ist Fußball. Passend zur Weltmeisterschaft nächstes Jahr? Ja, aber auch aus Interesse für Körper in Bewegung. Überhaupt tanze sie zwar Tango, aber besonders positiv sehe sie den Tango nicht.

Das ist auf den Tangobildern zu sehen. Der Name der Ausstellung "Noctámbulos - Nachtgestalten" schlägt schon einen Bogen, weckt eine Assoziation zu dem vielleicht berühmtesten Bild der Moderne: Edward Hoppers "Nighthawks". Tatsächlich sind Hoppers Themen auch die María Martha Pichels. Vereinsamte Menschen. 

Menschen, die sich nicht anschauen, zwischen denen es keine Kommunikation gibt. Auch wenn sie tanzen. Gerade, wenn sie tanzen. Da ist nicht nur: 'keine Kommunikation'. Da ist bewusstes Vermeiden von Kommunikation. Man hat sich nichts zu sagen auf diesen Bildern, mehr: man will sich nichts zu sagen haben. Man tanzt nur.

In den Armen eines Tanzpartners blicken Pichels Figuren über Schultern hinweg ins Nirgendwo, suchen vielleicht bereits nach einem anderen Tanzpartner. Wer tatsächlich jemand anderen anschaut - werbend, suchend, fragend - erhält in Pichels Bildern keinen Blick zurück. Und wer sich auf einen anderen konzentriert, führt entweder vor oder scheitert am gleichgültigen Blick des Gegenübers. Es ist ein Hexentanz der Eitelkeiten, der Illusionen und der Selbstverliebtheit, den María Martha Pichel da vorführt. Das erinnert, gerade in seiner Farbigkeit und der gesamten Gestaltung, an einen weiteren großen - diesmal deutschen - Maler: an Otto Dix.

Ja, sagt María Martha, sie sei von Dix und dem deutschen Expressionismus beeinflusst. Tatsächlich finden sich Dix' Salons und Restaurants, seine schwitzenden, schreienden (und meist unerträglich fetten) Männer hier ebenso, wie die vulgären und die kühl zurückweisenden Damen. Hauptthema: Einsamkeit des Menschen. Und das Aufbegehren dagegen. María Martha Pichel trifft einen Punkt. Als Betrachter will man nichts weiter, als nie wieder etwas mit dieser Tangowelt, die sie brutal und unbarmherzig und großartig zeigt, zu tun haben. Und gleichzeitig sofort wieder in sie eintauchen. Leben suchen in einer Minute Tanz.

Was man auf jeden Fall tun sollte: Diese Ausstellung ansehen. Und unbedingt ein Bild mitnehmen. Und sei es nur das kleine Ausstellungsposter, wenn man sich mehr nicht leisten kann. Kostenpunkt: 2 Euro.

María Martha Pichel: Noctámbulos - Nachtgestalten.
Ausstellung in der Galerie RaumTraum am Oberbaum
Köpenicker Straße 5, 10997 Berlin
(am U-Bahnhof Schlesisches Tor)
geöffnet Di - Sa 15-19 Uhr

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Ausgabe November 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)