Che Bandoneón
 


María de Buenos Aires an der Komischen Oper Berlin

Text: Frank Lubnow
Fotos: Astrid Weiske


Der Bewegungschor

Bei ihrem Siegeszug auf den Bühnen der Welt ist die Musik Astor Piazzollas in der gesellschaftlich obersten Etage angekommen: den Staatstheatern. Wenn sich nun die Komische Oper Berlin dem Hauptwerk des Komponisten annimmt, der ,María de Buenos Aires', ist das eine posthume Genugtuung für den Mann, der um seiner musikalischen Überzeugung willen so viel Prügel, Misserfolg und im Fall der genannten Kammeroper den finanziellen Bankrott hat wegstecken müssen.

Warum das 1968 entstandene Werk damals von der Presse gefeiert wurde, beim Publikum aber komplett durchfiel, erscheint auf den ersten Blick wenig verwunderlich: Das Libretto Horacio Ferrers enthält keine bühnenwirksame Handlung und ist von abenteuerlich-metaphorischer Poesie, als hätten sich Hieronymus Bosch und Max Ernst zur Erschaffung einer Weltuntergangs- und Wiedergeburtsphantasmagorie zusammen getan. Wo kommt man sonst so völlig ohne Umschweife vom Mieder über die selten gespielte Stradivari und die Arie der Psychoanalytiker zum Chor der Nudelknetmaschinen?

Was ist die ,María'? Eine Veranschaulichung des fortwährenden Kreislaufs aus Werden und Vergehen mit all den Leidenschaften, Kämpfen, Tränen, der Erlösung dazwischen und schließlich neuem Kampf; um das Leben selbst geht es, die Welt in Buenos Aires, Buenos Aires in der Welt, den Tango; María ist Symbolfigur für all das.

Regisseurin Katja Cellnik versucht gar nicht erst, die Wortgewalt der Dichtung in dem 3-Personen-Stück zu bändigen oder gar zu illustrieren. Mit dem Kunstgriff eines ,Bewegungschores' veranschaulicht sie Befindlichkeiten hinter dem Text.


Per Arne Glorvigen

Die Akteure dieses ,Chores', die mit Bandoneón-Attrappen ausgestattet sind, die für diese Produktion in Carlsfeld, dem einstigen Standort der nicht mehr existierenden Bandoneón-Fabrik von Alfred Arnold, hergestellt wurden, sind aus einer großen Zahl von Bewerbern ausgesuchte Laien. Cellnik wollte einen Querschnitt durch unsere Gesellschaft abbilden und hat beim Casting außerdem Wert auf Brüche in der Vita der Protagonisten gelegt. So lassen dann die Choristen, die sich selbst darstellen, ihre Instrumente schnaufen und atmen, wild rennen sie mit ihnen gegen die Wände, hämmern auf ihnen herum (Piazzollas Furor fährt ihnen in die Glieder), fesseln sich damit und tun das alles mit solcher Emphase, dass man zuweilen Sorge um Leib und Leben der Akteure bekommt; die Schein-Instrumente erweisen sich nebenbei als erstaunlich stabil. Solches Bemühen ist rührend, doch selbst bei höchst motivierten Laiendarstellern ist das eingeschränkte Bewegungsrepertoire irgendwann erschöpft, Schematisches und Leer-Lauf sind während der 90-minütigen Vorstellung nicht zu vermeiden. Wie dieses durchaus spannende Konzept wohl mit Theaterprofis gewirkt hätte?

Rätselhaft bleibt der Auftritt des Tanzduos Stravaganza. Im Vorfeld wies die Regisseurin explizit darauf hin, dass das Stück nichts mit dem Tango als Tanz zu tun hätte. Dennoch (oder deswegen?) platzierte sie mit dem Paar einen sorgfältig dekonstruierten Bühnentango, der aber wie ein Fremdkörper wirkte und zu Beginn des letzten Drittels für Längen sorgte.


Julia Zenko (María) und Daniel Bonilla Torres (Duende)

Konsequent ist der von Bühnenbildner Bernd Damovsky geschaffene Raum: ein leerer, weißer Kubus ohne weitere Requisite nimmt das Geschehen in sich auf; dieses könnte demnach überall stattfinden. Eine konkretere Lokalisierung würde die Idee des universellen Welttheaters wohl auch hintergehen und dem Text in seiner singulären Buntheit aussichtslose Konkurrenz machen.

In einem Probenvideo, das während der Matinee zu dieser Produktion zwei Wochen zuvor auf der selben Bühne gezeigt wurde, verband sich die starke Schwarz/Weiß-Kontrastierung von Marías Kleidung mit dem weißen Bühnenkubus zu einer Einheit. Lediglich Kopf und Gliedmaßen agierten. In diesem unwillkürlich gespenstisch überhöhtem Szenario erschien die Figur als eine Projektion des Lebens noch realistischer.

Auch die Musik Piazzollas in ihrem bekannten Idiom aus polyphonen Verschränkungen, rhythmischen Hartnäckigkeiten und kantablen Melodien in vertrauter Harmonik, bekommt vor dieser ,carte blanche' Raum zur Entfaltung. Seine Orchestrierung atmet den vornehmlich französischen Geist der 70er Jahre, zuweilen wähnt man sich bei Rivette oder Rohmer.

In Julia Zenko findet die Titelpartie eine Idealbesetzung. Zenkos rau-sonore Stimme mit dem lateinamerikanisch dunklen Timbre und ihr Darstellungsvermögen geben der Passion Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit. Als Zenko sich am Ende des Abends auf dem Rücken des Geistes für eine neue Runde des Martyriums wiedergeboren sieht, blickt man in ihr versteinertes Gesicht - und wird daran selbst fassungslos.

Der Cantor, gesungen von Matthias Klein, begleitet das Geschehen als guter Geist und gütiger Widersacher Duendes mit weichem Bariton. Sein schöner Gesang könnte mit mehr Beweglichkeit eine stimmige Ergänzung erfahren.

Daniel Bonilla Torres ist der virtuose ,Anchorman' des Abends. Als Duende treibt er rezitierend und spielend, mit Verve, sarkastischem Witz, Brutalität, das Schicksalsrad voran, gleichsam als Schöpfer des Werkes. Beinahe könnte man vergessen, dass er im Grunde nicht singt: Mit ihm leuchtet die Poesie Ferrers in allen Farben und Tonlagen und offenbart ihre melodische Kraft.


Das Tanzduo Stravaganza

Bestens disponiert zeigte sich das Orchester unter der Leitung des norwegischen Bandoneónisten Per Arne Glorvigen. Große klangliche Transparenz, das Ein- und Ausatmen (Bandoneón!) der Musik in großen Bögen, hervorragende Orchestersolisten und schließlich das unvergleichliche Spiel von Glorvigen selbst auf seinem Instrument, bescherten der Inszenierung ein tragfähiges wie schillerndes musikalisches Fundament. Die dynamische Feinabstimmung zwischen Sängern und Orchester mit der zeitweilig wohl notwendigen elektrischen Verstärkung wird sicherlich im Laufe der kommenden Aufführungen optimiert werden können.

Wer sich für diesen kurzen Abend ohne Erwartungshaltung und Vorurteil in die Oper begibt, wird bewegt nach Hause gehen.

Die Aufführungstermine im Februar und März 2007:
03.02., 06.02., 11.02., 13.02., 24.02., 04.03. und 09.03.2007
um jeweils 19 Uhr
Kartentelefon: (030) 47997400

Zur Homepage der Fotografin Astrid Weiske geht es hier: Link...

Maria de Buenos Aires Vol.1

Maria de Buenos Aires Vol. 1

Maria de Buenos Aires Vol. 2

Maria de Buenos Aires Vol. 2

Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info 

 

Ausgabe Februar 2006

 


Email:
willkommen@tangokultur.info

Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)