Macht Tango jung?
 


Text: Jochen Hille
Foto: Torsten Moebis



Die schlechte Nachricht zuerst: Tangotänzer und -tänzerinnen haben viele Gemeinsamkeiten mit Vampiren. Sie scheuen das grelle Tageslicht, lieben hohe Hallen, Kerzen, altmodische Kleidung, würdevolles Umherschreiten und vermeiden Knoblauch. Und ebenso wie die Blutsauger mögen sie es nicht, wenn sie am Tag geweckt werden und reagieren äußerst ungehalten, wenn man dann auch noch versucht, ihnen angespitzte Holzpflöcke ins Herz zu stoßen. Aber leider hapert es, im Gegensatz zu den Vampiren, noch ein bisschen mit dem Fliegen und der Unsterblichkeit.

Dem Tango mag eine verjüngende Wirkung zugeschrieben werden und bestimmt lassen sich dafür medizinische Gründe zusammenwringen - ich denke da an so kluge Sprüche wie "der Mensch ist so alt wie seine Gelenke". (Nebenbei fordere ich alle tangotanzenden Gelenkexperten auf, endlich Mut zu beweisen und offen über dieses Tabuthema zu sprechen.) Aber auch das ändert natürlich nichts daran, dass der Zahn der Zeit an uns nagt und uns unwiderruflich runterspült. Dabei schert er sich herzlich wenig darum, ob wir Tango tanzen, freistehende Immobilien erwerben oder was wir sonst so treiben. Auch die Zeitreisen, die wir mit dem Tango in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts - für viele von uns eine Zeit vor ihrer Geburt - unternehmen, hat keinerlei Auswirkungen auf unser Alter. Das ist vielleicht auch besser so, da wir ansonsten mit den üblichen Paradoxien zu kämpfen hätten, die in allen Filmen über Zeitreisen breitgetreten werden.

An den harten Fakten lässt sich also auch mit dem Tango wenig drehen - es sei denn, den oben erwähnten Gelenkologen fällt noch was Triftiges ein. Aber mal im Ernst, wer - abgesehen von einigen gesellschaftliche Randgruppen wie Fokus-Lesern und den Bauarbeitern bei den Fraggles - interessiert sich heute noch ernsthaft für Fakten? Fakten sind out und das seit über 2500 Jahren. Schließlich beschwerte sich bereits Buddha darüber, dass immer wenn er mit dem Thema ,Illusionscharakter der Wirklichkeit' anfing, die anwesenden Brahmanen gelangweilt anfingen, ihr Horoskop in den Sternen oder den Gebrauchtelefantenteil in ihrer Tageszeitung zu lesen.

Wenden wir uns also den relevanten Aspekten wie der gefühlten und gesehenen Jugend zu! Und damit kommen wir zur guten Nachricht: Das Licht beim Tango ist wirklich so schmeichelhaft und wir sehen so wesentlich jünger aus als wir wirklich sind. Auch die Vorstellung, wie ein Teenager auszugehen und das Lampenfieber vor dem ersten Tanz mit der Angebeteten, lassen uns die grauen Haare schnell vergessen. Und vergleichen wir einmal, was andere Leute in unserer Altersklasse so treiben - meistens sitzen die zu Hause und gucken Fernsehen. Mehr Spannung und Leben als der Tatort ist im Regelfall nicht drin. Wahre Höhepunkte sind schon das gelehrte Gequatsche über "ausgesprochen interessante" Ausstellungen. Aber mit vollem Leben hat das soviel zu tun wie selbiges mit einer Steuererklärung oder alternativ einem Hartz-IV-Antrag. Der Tango ist dagegen eine Schule der Sinnlichkeit, der uns körperlich fit und geistig wach hält. Das strahlt aus und vermittelt - trotz aller schweren, reifen Melodramatik - den Tanzenden etwas Junges und Lebendiges. Ich fühle mich jedenfalls beim Tanzen ausgesprochen jung!

Schlussfolgernd möchte ich bemerken, dass ich in dieser und den letzten Ausgaben von tangokultur.info, unter zur Hilfenahme verschiedener, für eine differenzierte Darstellung unumgehbarer "wenns" und "abers" zweifelsohne bewiesen habe, dass Tango jung, schön und reich macht. Der hässlichen Fratze des Kapitalismus, der Überalterung der Gesellschaft und der düsterdrohenden Rentenversorgungslücke kann nur die Macht des Tango entgegengesetzt werden. Frei nach dem Rezept vom Königsberger Klops soll unser Handeln so gestaltet sein, dass es die Grundlage für ein allgemeingültiges Gesetz sein könnte. Daraus folgt die zwingende Maxime für Tangotänzer und Tangotänzerinnen: Fallt pünktlich wie die Heuschrecken über die Tanzlokale her und knabbert die letzten Blätter der bereits erwähnten Zimmerpflanzen ab.

Nur so lässt sich die Welt retten!

Zum Artikel "Macht Tango reich?" von Jochen Hille: mehr...

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Ausgabe September 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)