Carlos Libedinsky, Mastermind von Narcotango im Interview
Interview
und Übersetzung: Elke Koepping
Fotos: Astrid Weiske

Was verbindest Du eigentlich mit dem Namen "Narcotango"?
Carlos
Libedinsky Tango tanzen macht süchtig.
Wenn Du mit dem Tanzen anfängst, ist es so, als würdest Du anfangen,
Drogen zu nehmen. Nur dass der Tango gesünder ist...
Es gibt ein Stück namens "Trance Tango" auf Eurem Album,
das ihr heute Abend nicht gespielt habt. Gibt es eine Verbindung
zwischen dem Bandnamen und dem Titel, was eine bestimmte Stimmung
angeht o. ä.?
Carlos Libedinsky Ja, vor
allem, wenn man spät nachts tanzt, wenn wenige Leute auf der Milonga
übrigbleiben und Du das Gefühl hast, mit Deinem Partner allein zu
sein. Es fängt an, sich wie eine Meditation für zwei Personen anzufühlen,
es wird sehr spirituell und gleichzeitig sehr erotisch.
| Beim Tango fühle
ich mich wie in Trance, wenn Du als Paar wirklich miteinander in
Kontakt stehst und die Musik Deinen Körper aufrecht hält. Du
vergisst alles andere um Dich herum. |

|
Tanzt
Du selbst Tango? Du scheinst
ziemlich viel über den Tanz zu wissen!
Carlos Libedinsky Ja, ich
bin ein Aficionado, kein Profi-Tänzer. Ich tanze gerne und brauche
den Tanz auch.
Du hast einen Rockmusik-Hintergrund, wann kam denn da der Tango ins
Spiel?
Carlos Libedinsky Ich
habe mit 30 mit dem Tango angefangen. Zunächst habe ich ihn nur bei
Treffen mit Freunden gespielt, es war etwas Neues, das ich zu meiner
musikalischen Erfahrung hinzugefügt habe. Nicht neu im wörtlichen
Sinne, sie war schon in mir drin, diese Tango-Geschichte. Mein Vater
liebte den Tango, aber ich fühlte mich bis zu meinem 30. Geburtstag
nicht zu dieser Musik hingezogen. Ich habe dann angefangen,
traditionelle Tangos zu spielen, ein paar Jahre später habe ich ein
paar Tangos komponiert und Texte dazu geschrieben und dann auch
angefangen zu singen. Meine erste Tango-CD kam 2001 raus "Aldea
Global", darauf habe ich auch schon zwei Elektronik-Mixes
eingespielt. 2000 hatte ich angefangen, mit dieser Art von Musik zu
experimentieren. Da war ein Gefühl wie beim Tango tanzen, wenn ich
elektronische Musik wie von Massive Attack auf
"Mezzanine" z. B. hörte. Ich hatte das Gefühl, dass es da
eine Verbindung gab, die ich musikalisch herstellen wollte. Ich habe
über diese Musik nachgedacht als eine Musik zum Tanzen.
 |
Du scheinst
ohnehin die Annäherung an die Elektronik-Musik eher vom Tango
aus zu verfolgen. Mir sind in diesem Zusammenhang zwei Dinge
aufgefallen: zum einen die starke Betonung der Bandoneón-Melodie
in den meisten Stücken und zum anderen ein sehr starkes
Percussion-Moment. |
Carlos
Libedinsky Das liegt daran, wie die Musik in sich zu
funktionieren anfängt, wenn ich mit dem Komponieren beginne. Ich
denke sie immer als Gesamtkonzept, ich hatte vorher keine konkreten
Vorstellungen, welche Art von Sound der Song haben sollte. Es gibt
immer einen bestimmten kleinen Ausgangsmoment, der mich interessiert,
ein Rhythmus, eine Melodie, Harmonie oder eine Elektronik-Produktion,
dann fange ich an, die Musik darauf aufzubauen, arbeite an der
Komposition und der Aufnahme. Das Bandonéon ist für mich tatsächlich
sehr wichtig. Ich denke und fühle die Melodien vom Standpunkt des
Bandoneóns aus. Dann arrangiere ich um die Melodie herum. Die Melodie
ist sehr wichtig für mich. Ich glaube, ich nähere mich tatsächlich
eher vom Tango an die elektronische Musik an als anders herum.
Als Du mit "Narcotango" angefangen hast, hast Du zuerst
die Kompositionen vervollständigt und dann Musiker eingeladen oder
gab es erst eine Band und ihr habt dann zusammen an der Musik
gearbeitet?
Carlos Libedinsky Ich
habe erst zwei Jahre allein in meinem Studio an der Komposition
gearbeitet, am Mixing und experimentiert, habe dann ein paar Demos
aufgenommen und sie ein paar Tänzer-Freunden gegeben. In meinem
Studio in Buenos Aires habe ich einen großen Patio, in den ich dann
Freunde zum Tanzen einlade. Normalerweise vor einer Milonga sonntags,
die La Glorieta heißt oder wenn La Glorieta dann für
die Nacht die Pforten schloss und wir noch auf ein paar Pizzas und
Bier gingen. Ich bin dann ins Studio gegangen, habe die Maschinen
angeschmissen und dann haben wir zu den Demos getanzt. Das war
ziemlich aufregend für mich und sehr motivierend. Ich konnte sehen,
dass die Musik das selbe in anderen Tänzern auslöste, was ich gefühlt
habe, als ich sie komponierte.
Dann habe ich die Musiker angerufen und bin mit ihnen ins Studio
gegangen. Wir haben erst angefangen, als Band zusammen zu spielen, als
die CD schon zwei Monate auf dem Markt war, das war im Dezember 2003.
Das nächste Album wird ganz anders sein, weil wir die Musik schon
lange vor der Aufnahme zusammen gespielt haben. Sie wird lebendiger
sein.
Seid ihr als Band auf der Tour in gewisser Weise zusammen
gewachsen?
Carlos Libedinsky Ich
denke schon. Der Sound ist reifer geworden, nachdem wir zwei Jahre
zusammen gespielt haben. Das hat uns Mittel an die Hand gegeben, um
den Sound genau nach unseren Wünschen zu gestalten.
Haben die anderen Musiker diesmal auch zum Narcotango-Sound
beigetragen?
Carlos Libedinsky Auf
jeden Fall, sie wissen ja mehr über ihre Instrumente als ich und sie
haben ein Gefühl dafür, wie sie die Ideen umsetzen können, die ich
habe. Das erste Album war schon eher ein ziemliches
Einpersonen-Projekt.
Magst Du eigentlich andere Elektrotango-Projekte?
| Carlos
Libedinsky Eigentlich nicht, hängt von meiner Stimmung
ab. Ich warte noch auf andere tanzbare Projekte, da gibt es
nicht so viele, die diese Tango-Stimmung besitzen. Ich würde es
mir wünschen, zu modernerer Musik tanzen zu können. |

|
Welche
Tango-Musik inspiriert Dich denn am meisten?
Carlos Libedinsky Pugliese und Di Sarli. Ich
liebe es, zu ihrer Musik zu tanzen, das sind meine Lieblings-Tandas.
Ich verpasse sie nie, selbst wenn ich gerade was trinken gegangen bin.
Was sind denn Deine nächsten Pläne, Deine Visionen fürs kommende
Jahr?
Wir werden eine große Tournee machen, der Fokus liegt eindeutig auf
der Show. Nach Deutschland geben wir 3 Konzerte in Portugal, dann in
Athen und zuletzt noch in Paris. Wir sind darüber sehr aufgeregt. Zurück
in Buenos Aires werden wir dann die CD einspielen, die nächsten März
erscheinen soll, im Moment befinden wir uns in der Preproduction
Phase. Wir haben also den (argentinischen) Sommer für die Aufnahmen
und die Abmischung.
Ich hätte gerne eine große Show in Buenos Aires in einem Theater
oder so, vielleicht für 3 Monate, die alle diese Dinge beinhaltet,
die eine große Tango-Show hat, Tänzer, Performer, Video etc.
Dann will ich ein Live-Album einspielen. Es gab eine Menge
Weiterentwicklungen seit den Studio-Aufnahmen der 1. CD und den
Live-Versionen der Songs. Nicht besser oder schlechter, sie sind jetzt
einfach anders. Dann möchte ich noch eine DVD machen und es gibt im nächsten
Jahr wieder eine Tournee, im Moment sind wir in Verhandlungen mit
Japan, Australien, wieder Europa, einigen lateinamerikanischen Ländern
wie Kolumbien und Bolivien. Wir werden wieder eine Menge reisen und
freuen uns schon mächtig drauf.
Das Gespräch wurde am
01.10.2005 in Kassel geführt.
Elke
Koepping war beim Narcotango-Konzert in Kassel dabei und berichtet
darüber: Mehr...
Weitere Tour-Termine im Oktober 2005:
05.10. Bonn
06.10. Berlin, Kulturbrauerei (i.A. AfterShowParty mit DJ-Team
TangoFusion Club)
08.10. Leipzig, Kulturbundhaus
09.10. Nürnberg, Humboldt-Säle
12.10. Hamburg, Mandarin Kasino (i.A. AfterShowParty mit DJ-Team
TangoFusion Club)
14.10. Hannover, Faust 60er Jahre Halle (i.A. AfterShowParty mit
DJ-Team TangoFusion Club)
15.10. Stuttgart mit Pablo Veron, Tangohalle
16.10. München, Metropolis (i.A. AfterShowParty mit DJ-Team
TangoFusion Club)
http://www.carloslibedinsky.com
http://www.narcotango.com
Weitere Tango-Fotos der Fotografin Astrid Weiske
findet man unter: www.tango-foto.de
Die Rezension der aktuellen CD von Narcotango in der September-Ausgabe
von tangokultur.info ist in unserem Archiv
zu finden.
Zum Electrotango-Artikel in unserer Juli-Ausgabe, ebenfalls im Archiv.
Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel
schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe Oktober 2005