| |
Milva Bernardi und Maximiliano Gluzman
Text:
Christian Tobler
Foto: Dora Ortuño
Als notorischer Estilo-Milonguero-Tänzer ohne jegliche Aussicht auf
Genesung hatte ich mit meiner Lebensgefährtin letzten Sommer an der Zürcher
Tangowoche fast ausschließlich Kurse bei einem jungen Lehrerpaar
gebucht, welches in Europa damals vollkommen unbekannt war: Milva
Bernardi und Maximiliano Gluzman.
Schon am ersten Unterrichtstag zeigte sich, dass diese einigermaßen
ratlos getroffene Entscheidung goldrichtig war, denn die zwei Porteños
vertreten eine neue Generation von Estilo-Milonguero-Tänzern. Ihre
Haltung schlägt eine Brücke zwischen zwei Gegensätzen, die längst fällig
war und uns ungemein behagt. Sie gehen mit dem Erbe der Época de Oro in
jeder Hinsicht respektvoll um, aber sie erstarren dabei nicht in
Ehrfurcht, was tänzerisch sehr hemmen kann. Beide sind sich bewusst,
dass Museumsbetrieb über kurz oder lang das Ende des Tango Argentino
bedeutet und handeln - umsichtig. Sie gehen mit dem Fundus des
authentischen Stils kreativ um. Dabei erfinden sie nichts neu, betreiben
keinerlei Bühnen-Akrobatik und verzichten auf Firlefanz für Touristen
und Gringos. Sie beleben ein Stück tänzerischer Vielfalt, das in den
Goldenen 40ern selbstverständlich war: Sein statt Schein im Kontext tänzerischer
Individualität.
Didaktisch gingen Milva und Maxi bei der Zürcher Tangowoche
hervorragend mit der Verkopftheit von uns Mitteleuropäern um. Sie boten
Eselsbrücken an, die es uns ermöglichten, uns schrittweise
heranzutasten und so allmählich loszulassen. Das bescherte meiner
Partnerin und mir rasch Erfolgserlebnisse. Bei schlechter Technik oder
unmusikalischer Interpretation ließen diese Lehrer allerdings keine
Ausreden gelten. Dann ging es ans Eingemachte. Wenn an oder im Paar was
nicht stimmte oder es an Fundament fehlte, wurde während der Kurse
immer wieder daran geschliffen. Ein Stück Privatlektion während des
regulären Unterrichts. Für meine Partnerin und mich war die
unbarmherzige Konsequenz dieser konstruktiven Kritik, stets in
motivierende Einladungen gekleidet, Gold wert. Sie haben uns immer
wieder an unsere Grenzen herangeführt und allmählich darüber hinaus
wachsen lassen. Wir mussten hart an uns arbeiten und heftig schwitzen
- auch geistig. Ich hatte mehrmals das Gefühl, ich sei tänzerisch
die größte Flasche auf der nördlichen Hemisphäre. Zweimal hatte ich
eine Mordswut auf den ganzen Zirkus und badete auch mal kurz in
Selbstmitleid. Ich denke, so viel Turbulenz gehört dazu, wenn TänzerInnen
einen Workshop mit Perspektive buchen, statt ein Kürslein zum
Zeitvertreib zu konsumieren.
In der zweiten Festival-Hälfte war ein Kurs von Milva und Maxi für
Niveau vier ausgeschrieben: Rhythmusvariationen im Tango Milonguero.
Mehr Informationen, eine Kursbeschreibung etwa, gab es nicht. Niveau
vier definierte das Programm so: für Könner ab acht Jahren
kontinuierlicher, intensiver Tanzerfahrung. Das Thema lockte uns
ungemein. Aber Könner sind wir noch lange nicht. Also verzichteten wir
schweren Herzens.
Beim Verlassen des Kurslokals sahen wir, wer an diesem für uns
unerreichbaren Kurs teilnahm. Am nächsten Tag fragten wir Milva und
Maxi natürlich nach dem tänzerischen Niveau der Schüler. Die beiden
waren einigermaßen ratlos. Sie meinten, die Tänzer hätten ein
respektables Niveau, seien aber keine Profis nach argentinischen Maßstäben.
Sie hatten die Lernziele des Workshops bereits entsprechend
herabgesetzt. Ich zwinkerte meiner Lebensgefährtin zu und sie grinste
verschmitzt zurück. Es versteht sich von selbst, dass wir Milva und
Maxi sofort fragten, ob wir im Kurs kein Hindernis für andere Paare wären.
Sie lachten uns aus. Damit hatten wir einen weiteren Kurs gebucht. Und
der hatte es in sich.
'Contra Piano' bedeutet, drei Schritte auf vier Beats zu tanzen, diese
zu verteilen - metrisch und ohne Pause. Im ersten Moment glaubt man ständig,
aus dem Takt zu geraten. Aber schnell stellt sich dabei ein fast
schlafwandlerisches Gefühl beschwingten Schwebens ein, das vor allem
die Folgenden verzückt, die sich dem Erlebnis hinzugeben vermögen,
statt dem Takt hinterher zu hinken. Denn auch das will gelernt sein.
Caminar - Gehen in Reinkultur, das ist Contra Piano. In Buenos Aires
gibt es unter den Zeitzeugen der Época de Oro nur noch drei ältere
Herren, alle längst jenseits der 80, die das Contra-Piano-Tanzen noch
beherrschen. Zusammen mit diesen Könnern rekonstruierten Milva und Maxi
diese fast schon verschollene Schritttechnik der goldenen 40er Jahre.
Anschließend entwickelten die zwei dafür ein mehrstufiges didaktisches
Gerüst, welches die Erarbeitung von Contra Piano erleichtert und
beschleunigt.
Dieser Workshop war, wie soll ich sagen, verda... anspruchsvoll. Und
trotzdem ein Riesenspaß, nachdem wir es mal schafften, einen ganzen
Tango Contra Piano zu tanzen. Und wenn etwas misslang, gab es immer viel
zu lachen. Besonders über meine unzähligen Fehltritte - zum Glück
trage ich nicht Schuhgröße 46. Am Ende des Festivals war fast so was
wie Freundschaft entstanden. Man ging zusammen essen. Der Abschied fiel
schwer. Es wurden Adressen ausgetauscht und Pläne für eine Reise nach
Buenos Aires gewälzt.
Uns hat der Fokus auf dieses eine Lehrerpaar reich beschenkt. Wir haben
in wenigen Tagen einen gewaltigen Entwicklungssprung gemacht. Schade,
dass beide in Argentinien einen Brotberuf, Familie haben - zumindest für
Europa. Wenn wir das Sagen hätten, würden wir die zwei klonen - der
Einfachheit halber gleich mehrfach. Sagt nichts - das verstößt
bestimmt gegen die Genfer Menschenrechtskonvention. War ja auch nur so
eine spontane Idee. Aufgrund unseres intensiven Kontakts und eines glücklichen
Zufalls haben die beiden zum Glück kürzlich angefragt, ob wir im
Januar 2006 ein Workshop-Wochenende mit ihnen veranstalten möchten.
Klar haben wir zugesagt! Zürich ist ja längst die heimliche Metropole
des Estilo Milonguero in Europa, in der Bühnen-Tango jedes Jahr weniger
gefragt ist. Das verpflichtet irgendwie, fanden wir...
Milva Bernardi + Maximiliano Gluzman in Europa:
Italien
29. Dez. 2005 - 23. Jan. 2006: Roma - Napoli - Pisa
weitere Info über: milvaymaxi@yahoo.com
Schweiz
24. Jan. - 06. Feb. 2006: Zürich
weiter Info: www.argentango.ch ·
+41 765 382 820
Zürich muss nicht teuer sein: Unterkunftsmöglichkeiten in allen
Preislagen hier.
Interessierten Veranstaltern in anderen Städten und Ländern wird der
Kontakt zu Milva und Maxi gerne vermittelt: monika@argentango.ch
Mehr Infos zum Tango in der Schweiz: ständige
Termine | besondere
Termine | Tangoschulen
| Tangoinfo.ch
Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel
schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe Januar 2006
|