Tanghetto im Kesselhaus...
 


...und irgendwie blieb die Stimmung aus


Text und Fotos: Torsten Moebis

Ein wenig schien das Tanghetto-Konzert in Berlin nur wenige Tage vor dem Gotan-Project-Konzert unter zu gehen. Spärlich füllte sich das Kesselhaus mit ca. 200 Elektrotango-Begeisterten, bis sich gegen 21.30 Uhr endlich die um Max Masri (Synthesizer und Programming) sowie Diego S. Velásquez (Gitarre) in 2001 geformte Sechsertruppe auf die Bühne schwang. Mit "El Boulevard" eröffneten sie den Abend und gaben zugleich das vorherrschende Feeling für den Abend vor. Ein breiter poppiger Soundteppich mit ebenso prägnanten Drums breitete sich in der Halle aus. Die Zuschauer blieben zunächst etwas scheu auf Abstand. Dies änderte sich auch nach dem zweiten – etwas ruhigeren "Al final todos se van" und dem dritten Stück "Viajero Inmovíl" vom neuen Album, das demnächst erhältlich sein wird – kaum. Es bedurfte der mehrmaligen Ermunterung zum Tanz durch Max Masri und Diego Velasquéz, bevor sich überhaupt Tänzer dazu animiert fühlten, ihr Tanzbein zu schwingen.

Während die Stücke auf der heimischen CD-Anlage noch ein gewisses Tangogefühl produzieren können, hatte ich bei dem Konzert eher den Eindruck, ich sei auf einem Pop- oder New Wave-Konzert. Dass Tanghetto ein Faible für die Musik jener Zeit haben, beweisen sie nicht nur durch ihre Adaptionen von "Blue Monday" (New Order) und "Enjoy the silence" (Depeche Mode), die sie an diesem Abend vortrugen und die wirklich in Mark und Bein gingen, erst recht, wenn man damit groß geworden ist. Nein, musikalisch scheinen sie auch – im Gegensatz zu Gotan Project oder Narcotango – eher aus jener Ecke zu kommen und integrieren nachträglich dann Elemente des Tangos in ihre Kompositionen. 
Die Konzeptionen ihrer Stücke laden auch nicht unbedingt zum Verweilen ein, sondern treiben und lassen dem armen Tanguero bzw. der Tanguera kaum eine Verschnaufpause innerhalb der Stücke. Insofern war es ganz gut, dass man sich zwischendurch einfach auf die kunstvollen Film- und Videosequenzen auf der Großbildleinwand, die heutzutage wohl einen Standard darstellt, einlassen konnte.

Dass sich Tanghetto dabei sehr mit ihrer Heimat und den politischen Geschehnissen beschäftigen, zeigte der Track "Tango Crisis", der einmal mehr verdeutlichen sollte, wie der wirtschaftliche Zusammenbruch ein ganzes Volk in Wut, aber auch in Lethargie stürzen kann. An dieser Stelle des Abends wirkte die Musik und die Videoinszenierung für mich am authentischsten und "argentinischsten", was die sogenannte 'Seele des Tango' angeht.

Das Konzert verging ansonsten eher ohne besondere musikalische oder sonstige Höhepunkte. So nebenbei wurde dann doch hier und da getanzt bis, ja bis dann plötzlich das letzte Stück "Alexanderplatz Tango", neben den historischen Wiedererkennungseffekten auf der Leinwand, auch noch die Zuschauer etwas aus dem Einheitsrhythmus und den New Order-Depeche-Mode-Sounds herausholte. Fazit: Alles in allem ein nettes, aber kein herausragendes Tangokonzert, auch wenn es sich vordergründig um die Kategorie Elektrotango handelte. Es war aus meiner Sicht eher ein Pop-Wave-Elektronic-Abend mit Tangoelementen, die jedoch im Gesamtsound und der Lautstärke untergingen.


Diego Velasquéz (Gitarre)



Aufgrund des musikalischen Blässe sprang auf das zugegeben etwas reservierte und teilweise enttäuschte Publikum auch nie richtig der Funke über. Manche bemängelten im Gespräch danach den fehlenden Einsatzwillen der Musiker und einige beschwerten sich sogar, dass Federico Velasquéz am Bandoneon zu oft etwas im Mund hatte und am Kauen war. Auf mich persönlich wirkten zwei Situationen etwas grotesk bzw. skurril: Die erste Szene betraf Max Masri, der in seinem schwarzen Anzug und einer großen Sonnenbrille den ganzen Abend an seinem Synthesizer wie auf einem Thron hockte und reichlich cool wirkte (oder wirken wollte), als er nach der ersten Zugabe etwas unbeholfen, aber dafür umso gerader seinen Arm zum Gruße hob... (In Deutschland und zudem in Berlin eine mehr als groteske Geste.)

Die zweite Szene betraf Gitarrist Diego Velasquéz, der kurz vor und nach dem Ende des Konzertes auch noch eigene Fotos von der Bühne aus vom Publikum aufnahm. Mancher Zuschauer kam sich da vielleicht wie im falschen Film vor oder dachte, er wäre auf einer Familienfeier. Vielleicht waren die "Tanghettos" bei ihrem letzten Konzert ihrer Europa-Tournee schon in Gedanken in ihrer Heimat. Mehr Engagement und etwas mehr Professionalität hätten sich die Berliner eventuell doch gewünscht, die verwöhnt sind von herausragenden Live-Konzerten anderer Elektrotango-Formationen in den vergangenen beiden Jahren.

Weitere Informationen zu Tanghetto sind auf ihrer Webseite erhältlich.

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Ausgabe März 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)