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Cristóbal Repetto live in Berlin
Text:
Elke Koepping
Foto: Torsten Moebis
Was der argentinische Produzent Gustavo Santaolalla musikalisch auch
anfasst: es wird zu Gold, ganz wie beim legendären König Midas.
Weltweit bekannt seine Entdeckung Juanes, eher tangoweltweit, aber auch
unter Clubgängern bekannt der Bajofondo Tango Club. Seine jüngste
Entdeckung heißt Cristóbal Repetto und eine Entdeckung für Tangofans
ist er wahrlich. Repetto war im Sommer im Rahmen der Konzerttournee von
Bajofondo in Deutschland und Österreich für einen kurzen Gastauftritt
bereits live zu bestaunen, im Januar nun erschien auch in Europa sein
Debut-Album, daran schliesst sich im März 2006 eine Konzerttournee an.
Aus diesem Grund veranstaltete die Deutsche Grammophon (Universal)
Anfang Oktober ein Promo-Konzert mit Repetto im Berliner Jazzclub
Quasimodo, quasi als Appetithäppchen.
Offensichtlich, Herr Repetto wird professionell vermarktet, so lässt
jeder einzelne PR-Text keinen Zweifel daran, dass man im Management auf
den Nostalgie-Zug aufzuspringen gedenkt, da fallen Namen wie "Gardel"
in einem Atemzug mit dem Repettos, und um auch das junge Publikum zu
erwischen, denn er ist selbst mit seinen 26 Jahren noch erstaunlich
jung, wird er als "jugendlicher Individualist", als Hippie
unter den Tangosängern gefeiert, und ihm "dieses gewissen
Etwas" attestiert, "das viele rebellische Rocker
anziehend" mache. Schluck. Da vergeht einem direkt die Lust, ins
Konzert zu gehen... Es kommt noch besser: die Geschichte seiner
Entdeckung im kleinen Provinzstädtchen Maipú bringt Tränen der Rührung
in die Augen des noch ungläubigen Lesers. Nicht nur, dass er am 9. Juli
geboren ist, dem Nationalfeiertag in Argentinien, nein, schon immer
liebte er die Folklore seines Landes, begann als Sechzehnjähriger zu
singen und belegte bereits ein Jahr später, 1996, den 3. Platz bei
einem Tangowettbewerb seiner Stadt, in dessen Jury immerhin Eladia Blásquez,
Guillermo Fernandez und Adriana Varela vertreten waren. Prompt wurde ihm
durch Zufall auch noch die Ehre zuteil, im selben Jahr mit Mariano Mores
auf einer Bühne zu stehen - langhaarig und in roten Turnschuhen, ganz
selbstvergessen über der Ehre, die ihm da zuteil wurde.
1998 geht Repetto nach Buenos Aires, um Musik und Journalismus zu
studieren, gerade achtzehnjährig. Er nimmt Unterricht in Komposition
und Gesang und verschafft sich innerhalb kürzester Zeit einen
respektablen Ruf als Tangosänger in den Traditionslokalen der Stadt.
Daniel Melingo nimmt ihn unter seine Fittiche, die Karriere Repettos
scheint durch nichts mehr aufzuhalten. Nach einem Auftritt im
Kabelfernsehen nimmt Gustavo Santaolalla Kontakt zu ihm auf und bittet
ihn um Mitwirkung beim Bajofondo-Album. Und schon befindet sich Cristóbal
Repetto rund um den Globus reisend wieder. Traumhaft. Das scheint alles
"too good to be true".
Erstaunlich unprätentiös, allen PR-Bemühungen zum Trotz, die sein
Bauernburschen-Image recht platt zu zementieren suchen, tritt dieser
irgendwie in der globalen Tangoszene viel zu schnell bekannt gewordene Sänger
am 1. Oktober in besagtem Berliner Jazzclub schüchtern auf die Bühne
und verkörpert ganz leibhaftig all das, was die Pressetexte uns glauben
zu machen suchen: Natürlichkeit, eine Art beinahe kindlich zu nennende
Naivität, einen hohen Grad an musikalischer Professionalität und mit
einer Stimme, die vermittels einer Zeitmaschine direkt aus den goldenen
Zwanzigern zu uns herübergereist zu sein scheint. Ein für heutige Verhältnisse
außergewöhnlicher Tenor mit außergewöhnlich viel Ausdruckskraft.
Wohltuend die Tatsache, dass er ganz bewusst stilistisch nicht in die
Gardel-Kerbe haut, da gibt es keinen perfekt sitzenden Anzug und auch
keine zurückgegelten Haare oder sonstige Nostalgie-Accessoires. Auch
macht er durch die Auswahl der Stücke, unter denen sich keines von
Gardel befindet, deutlich, dass er vermeiden will, in diese Schublade
gesteckt zu werden.
Cristóbal Repetto ist noch sehr jung, ein im landläufigen Sinne nicht
unbedingt schöner, aber interessant aussehender Mann, mit einem kleinen
Bauchansatz, der an Babyspeck erinnert, eher unscheinbar denn ein
Frauenschwarm-Typ. In unbewussten Momenten stolpert er auch schon mal
ungeschickt über Stuhlbeine und benimmt sich insgesamt so, als stünde
er mit den Gegebenheiten der dinglichen Welt ständig auf Kriegsfuss.
Solange, bis er das Mikrofon in die Hand nimmt und zu singen beginnt.
Mit seinen großen dunklen Kulleraugen und den fragend hochgezogenen
Augenbrauen sieht er dabei den ganzen Abend ein wenig aus wie ein
verschrecktes Häschen - die ausgebeulte Hose, die an ihm viel zu groß
wirkt, ein fahrig um den Hals geknotetes Tuch, das sein Monogramm trägt
und ein Jackett, das zwar durchaus passabel aussieht, aber wie auf
Wunsch an der linken Ecke einen rührenden kleinen Fleck aufweist, alles
passt so gut zu seinem Image, dass es beinahe inszeniert erscheint. Wäre
da nicht dieser intensive junge Mensch, der dies alles vollkommen
authentisch verkörpert.
Der Abend beginnt und endet mit dem wunderbaren Javier Casalla, der
heutzutage der einzige Mensch in Argentinien zu sein scheint, der auf
der ungewöhnlichen Cornet-Violine (Strohgeige) spielen kann. Kein
Wunder, das Instrument wirkt sehr eigen - man kann es in etwa als
Kreuzung zwischen Grammophon und Violine beschreiben -, doch sein
Sound harmoniert ungewöhnlich gut mit der Stimme Repettos. Auch Casalla
war bereits mit Bajofondo im Sommer auf Tournee und ist auf deren Alben
als Musiker vertreten. Im zweiten Stück "Se va la vida" tritt
die Strohgeige in einen unvergleichlichen Dialog mit der schmelzenden
Stimme Repettos, der die Wörter eher lässig dahin nuschelt denn
besonders betont. Beide Musiker demonstrieren hier ihre außerordentliche
Spielfreude: es scheint, als übernähmen die Instrumente (so es zulässig
ist, die Stimme als ein Instrument zu beschreiben) voneinander die
Melodie.
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Javier Casalla bei den Bajofondo-Konzerten in
Berlin Foto: Tom Gonsior
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Zu "Se va la vida", das auch das 17. und letzte Stück sein
wird, tritt auch das außergewöhnliche Gitarrentrio auf die Bühne, das
Repetto bereits bei der Einspielung seines Debut-Albums unterstützte:
Daniel Yaría, Javier Amoretti und Martín Creixell. Zwar bin ich im
ersten Augenblick versucht zu unterstellen, sie seien nach Aussehen und
Kleidungsstil ausgesucht worden, um dem Image Repettos zu entsprechen,
denn alle drei sehen eher aus wie Rockmusiker mit halblangen Haaren
(bzw. Glatze) und Second-Hand-Klamotten, doch ihre Fähigkeiten auf der
Gitarre stehen außer Zweifel, ebenso wie ihr harmonisches
Zusammenspiel.
"Cantando", das leichtfüßig daherkommende dritte Stück des
Abends, widmet Cristóbal Repetto seinen beiden Großmüttern, und
wieder will man seinen Ohren kaum trauen, doch die Einfachheit und
Offenheit, mit der er diese unglaublichen Sätze über die Rampe bringt,
überzeugt und auch Nicht-Hispanier spüren, dass er jedes Wort genau so
meint, wie er es sagt. Dabei sollte man beileibe nicht dem Irrglauben
verfallen, dieser Mann sei einfach dümmlich oder naiv - beim Interview
am nächsten Tag wird deutlich, dass Cristóbal Repetto nicht nur auf
einfache Weise besonnen und zugleich intelligent das sagt, was er ausdrücken
will, sondern dass jeder Satz auch noch wie reinste Poesie wirkt, wie
die Übersetzerin Claudia versichert. Außerdem scheint er auch noch
eine gehörige Portion Sinn für Humor zu besitzen. Es ist schier
unglaublich, aber man muss wohl tatsächlich davon ausgehen, dass dieser
Mensch kein PR-Produkt, sondern ein ungewöhnliches Ausnahmetalent ist.
Zurück zum Konzert: Mit größter Präzision und Klarheit setzt Repetto
seine Töne, und jede einzelne Note von Stück 4 "Por un cariño"
(Für ein Liebstes) tropft dem Zuhörer ins Unterbewusste, wo es
irgendwo tief im Bauch nachhallt. Stück 5, "Allá en el Bajo"
(Draußen in der Gosse), ist eine Art aufgeregter Sprechgesang, bei dem
sein ganzer Körper mitzubeben scheint. Dieser Mann lebt die Musik. Ein
Meister ist er vor allem, was die gehauchten, verschwommenen Töne
angeht, von Zartheit im mühelosen Wechsel mit großer Klangfülle. Wenn
er singt "Wie ich Dich vermisse", nimmt man jedes einzelne
Wort für bare Münze. Zu den vier Zugaben schließlich, nach 17 Titeln
des regulären Programms, umklammert er sein auf die Bühne
mitgebrachtes Weinglas wie die lange verloren geglaubte Liebste.
"La que murió en Paris", zweites Stück auf seinem
Debut-Album, sowie das erste bekanntere Stück ("La Flor dem
Illusion") unter der Fülle vergessener Tangos, die er zu neuem
Leben erweckt, beschließen das Konzert. Der kräftig gespielte Vals
legt eine ordentliche Geschwindigkeit vor, und sicher nicht zum ersten
Mal an diesem Abend zuckt es den Tänzern dank der rhythmisch versierten
Gitarristen wie irre in den Füßen. Standing Ovations und frenetischer
Jubel sind der Dank dafür.
Der Besuch der Konzerttournee von Cristóbal Repetto ist für jeden
Liebhaber klassischer Tangos ein absolutes Muss. Die Verbindung ländlicher
Folklore mit der städtischen Tradition des Tango gelingt dem Sänger
wie auch seinen Musikern auf außerordentlich zeitgemäße Weise. Bezüglich
des Debut-Albums sind wir in der Redaktion allerdings geteilter Meinung.
Fest steht, dass es lange nicht in der Lage ist, die Ausdruckskraft
einzufangen, die Repetto auf der Bühne besitzt. Die statuarisch
wirkende Abmischung wird dem Live-Auftritt nie und nimmer gerecht.
Zur CD-Rezension
von Jörg Buntenbach
Zum Interview
mit Cristóbal Repetto in der Dezember-Ausgabe.
Zum Artikel über Repettos Auftritt bei den Bajofondo-Konzerten
im Sommer.
Tourdaten Deutschland:
16.03. Berlin, Maschinenhaus der Kulturbrauerei
17.03. Frankfurt/Main, Brotfabrik
18.03. Bonn, Harmonie
19.03. Heidelberg, Karlstorbahnhof
20.03. München, Orange House
21.03. Leipzig, Haus Leipzig
22.03. Hamburg, Stage Club
23.03. Oldenburg, Neues Gymnasium
Zur offiziellen Website
von Cristóbal Repetto (der Link funktioniert z. Zt. nicht).
Mehr
Informationen auf der Website des deutschen Tourmanagements.
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Ausgabe März 2006
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