Sekt oder Selters
Von Swantje-Britt Koerner
Foto: Torsten Moebis

Wie lange ist man ein Einsteiger, wie lange ein fortgeschrittener
Anfänger? Ein, zwei oder drei Jahre? Wenn man jeden Abend tanzt -
eifrig, ehrgeizig, bei mittlerer oder außerordentlicher Begabung -
wann ist man reif für das Tangoabitur, das Tangostudium, wer erteilt
einem die Noten, wer gibt einem die Zertifikate? Warum erhält man
nicht bei glänzender Qualifikation oder bestmöglicher Führung nach
einer gewissen Zeit kostenlosen Eintritt zu sämtlichen Ballhäusern
der Stadt, bekommt Sekt frei Haus, hört schon im Foyer das Raunen,
das drinnen durch den Saal geht? Warum ist SIE nicht fortlaufend überbucht,
steckt ihr Terminkalender nicht voller fester Verabredungen für Montag
bis Sonntag. Warum wird ER nicht fieberhaft erwartet und erhält pro
Abend fünf Offerten für Sex im Anschluss an den Tanz?
Natürlich: Der Tango hat seine eigenen Regeln, streng und ungeschrieben,
und er erhält sich durch diese. Der Tango bleibt ein ernstes Spiel,
und außerhalb der Milonga gibt es größere Wagnisse, Lebensrisiken.
Vielleicht verzeihen es deshalb die meisten Tänzer ihrem Tango, wenn
er sie nicht gleich in den siebenten Himmel trägt; oder sagen wir
es so: Man ist immer ein wenig im siebenten Himmel im Tango. Der Tango
hat demokratische Momente und solche, bei denen ein ,Fair Play' stattfindet.
Welche SIE zurückbleibt in ihren Bemühungen fortzuschreiten, nach
einem halben Jahr noch immer auf der Stelle tritt, die Signale vom
IHM nicht versteht oder verstehen will, wird SIE irgendwann nicht
mehr betanzt oder nur noch schlecht betanzt. Durchaus, es gibt solche
eigensinnigen oder entwicklungslahmen Tänzerinnen, die es weder selbst
wirklich genießen, Tango zu tanzen, noch es ihren Partner genießen
lassen. Damit aber SIE nicht stehen gelassen wird, damit die Eleganz
des Tanzes und die Atmosphäre des Salons keine Blessuren erleidet,
tanzt ER mit ihr drei aufeinanderfolgende Tänze, also ein Set, im
Tangolatein eine Tanda. Erst dann darf ER sich verabschieden - danke!
- auf dem Absatz kehrt machen und muss nie wieder zu ihr zurückfinden.
Man sieht, es regelt sich so manches wie von selbst, und für Neulinge
gibt es nichts Aufregenderes und zugleich Angenehmeres, wenn alles
einem geheimen System unterliegt, das nur ein Ziel zu kennen scheint
- immer weiter fortzuschreiten. Keiner muss ein Handbuch lesen ...
,Was trage ich in der Milonga?', ,Wer fordert wen auf?', ,Wie verstecke
ich mich am besten?' (notfalls auf der Toilette), man muss nur schauen,
schauen, schauen und sobald und oft als möglich tanzen. Die Basics
gibt es im aller ersten Workshop oder den Unterrichtsstunden für absolute
Einsteiger. Mit Gummisohlen kommt man keinen Meter weit, und in der
Regel fordern die Männer die Frauen auf, indem sie auf sie zugehen,
leise mit dem Kopf nicken und sie mit einem freundlichen Satz ermuntern;
dumm wäre es, wenn SIE aus Furcht vor Fehlern ablehnte, oder weil
ihr der Typ nicht attraktiv genug erscheint.
Merke: ein Typ, dessen Haare oder Hosenträger einem nicht gefallen,
kann einen umarmen, dass man nie wieder ausgelassen werden möchte.
Anfänger-Frauen lasst euch sagen: Ihr tanzt alle wie junge Göttinnen,
wenn der Richtige kommt, aber den Richtigen muss man erst mal aus
allen Milongas der Stadt heraustanzen, das kann dauern ... und die
Tänzer, mit denen man partout nicht mag oder mit denen es einfach
nicht klappt, weil sie meinen, ihre Partnerin hätte ein Schaltbrett
im Rücken, lässt SIE dann stehen - aber bitte erst nach den obligatorischen
drei Tänzen.
Der Tango bietet auch Nischen. Gerade der Tango. Das bezaubert die
Anfänger noch ungemein, ahnen sie doch, welcher Kosmos an Variationen
und Eigenkreationen da auf sie wartet. Ja, der Tango ruft geradezu
nach den Kreativen, die ihn weitertreiben, umgestalten, auf ihre Weise
interpretieren. Wer im Tango keinen eigenen Stil, seinen Stil, findet
und zeigt, fällt nicht weiter auf und bleibt einer, der Tango tanzt
wie andere Foxtrott - im Unterschied zum wahren Tanguero.
Noch mal die Ausgangsfrage: Ab wann ist man kein Einsteiger mehr?
Zum Beispiel, wenn SIE ihr erstes Paar Tangohacken so abgenutzt hat,
dass es sich nicht mehr aufrauen lässt, keinen rechten Halt mehr gibt,
SIE es wegschmeißen oder als Erinnerungsstück an die Wand hängen möchte.
Wenn es soweit ist, ist SIE in jedem Falle ,weiter', ein Wort, das
beim Tanz generell taugt, weil nicht nur die Zeit, sondern auch das
Paar über so manchen Boden weiter fortschreitet bis an die Schwelle
der ,Fortgeschrittenen', die im Tango noch lange kein Synonym für
,Könner' oder ,Profis' sind. ,Profis', so habe ich zur Zeit den Eindruck,
sind ohnehin nur die Lehrer und nicht mal jeder Lehrer ist einer.
So schreiten Er und SIE weiter fort und fort, durchpflügen Mittelstufen
- mittlerweile hat SIE einen eigenen Schrank für ihre Tangoschuhe,
hält ER Ausschau nach Spezialkursen und Schrittwerkstätten, SIE träumt
von einem Trip nach Buenos Aires und einem neuen, festen Partner,
mit dem sie sich entwickeln kann. Und da ist es wie mit der Liebe:
Wenn SIE sich ihrem Schicksal nicht in den Weg stellt, erhält SIE
vielleicht ein oder zweimal die Chance auf das ganz große Glück. Solange
dieses ausbleibt, machen SIE und ER brav die Basisarbeit, widmen sich
der Technik und trinken Selters. Man ist ja schon ein wenig wie im
siebenten Himmel.
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Ausgabe September 2005