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Text: Günter Handloegten
Foto: Hinrich Schultze
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Der Mann stammt aus besseren Kreisen. In seiner trendigen
Camouflage-Hose, hellen Turnschuhen und dem olivgrünen Baseball-Cap
sieht Peter Idczak von Knappstein nicht aus wie 63. Alle hier in diesem
Viertel nennen ihn "Taxi-Peter". Wenn ihm in seiner kleinen
50-Quadratmeterwohnung am Zirkusweg die Decke auf den Kopf fällt,
treibt es ihn nach draußen.
An diesem milden Frühlingsabend durchquert der Sohn Karl Heinrich
Knappsteins, des langjährigen deutschen Botschafters in Washington, die
Halle des ehemaligen Hafenkrankenhauses. Er grüßt knapp nach rechts,
wo auf einer Sitzgruppe "El Gordo" (der Dicke) wie eine
Kirsche auf der Sahnetorte thront - ein rundlicher Mann in schmuddeliger
gestreifter Jogginghose, der alle Vorkommnisse in dieser
Senioren-Wohnanlage am Elbpark an die Geschäftsleitung der städtischen
Wohnungsbaugesellschaft weitergibt, was ihm den schönen Spitznamen
"Blockwart" eingetragen hat. Er sei eben ein aktiver Mieter,
lobt ihn dafür der Geschäftsführer.
Der Mann überquert den Zirkusweg, geht nach links in die Hopfenstraße.
Wer nicht schon Depressionen habe, flucht er vor sich hin, der bekomme
hier welche. Er ist gerade mal wieder in einen der vielen Hundehaufen
getreten, die hier neben unzähligen Glassplittern wie Tretminen lauern.
Nun muss sich der arme Mann notdürftig mit einem Papiertaschentuch die
Schuhe putzen, bevor er weiter geht, vorbei an den bröckelnden Fassaden
der alten sechsstöckigen Mietshäuser.
Er hört plötzlich ein Klopfgeräusch, wendet seinen Blick nach rechts
unten, schaut in ein tief ausgeschnittenes Decolletée und in große,
dunkle Augen. Sie gehören zu Alice, einer der sechs Huren aus Südamerika,
die im Souterrain auf einem Hocker stehen, um sich ihrer Kundschaft
besser präsentieren zu können. "Ich mache diesen Job nur,"
sagt Alice wenig später einem deutschen Herrn, "weil ich meine
Tochter unterstützen möchte, die in Caracas Jura studiert."
Zweihundert Meter weiter lehnen sich nur spärlich bekleidete Frauen im
Obergeschoss aus den Fenstern. Neben dem Aufgang zu diesem Etablissement
hängt ein Schild: "Dieses Haus wird videoüberwacht". Das
findet der Mann sehr interessant. Hoch oben in diesem schäbigen Altbau
residiert die ehemalige Hamburger Senatorin und jetzige
Bundesvorsitzende der Grünen, Krista Sager, mit ihrem Lebensgefährten
Manfred Ertel, einem Spiegel-Redakteur, in einer komfortablen Wohnung,
die der Hauseigentümer einst als "Penthouse mit Elbblick"
offeriert hatte.
Von wegen Elbblick. Vor den Augen der Politikerin entstehen gigantische
Wohnblöcke, ein Bürokomplex mit Arbeitsplätzen für Werbefachleute
und eine Luxusherberge mit dem Namen "Riverside Hotel". Die
riesige Baustelle befindet sich auf dem Gelände der früheren
Bavaria-Brauerei. Das bürgerliche Hamburg pirscht sich heran an die früheren
Reviere der Matrosen und Hafenarbeiter.
Der Mann erreicht die Davidstraße. Vor ihm auf der anderen Straßenseite
der Eingang zur weithin bekannten Puffmeile Herbertstraße, links
daneben das unscheinbare Restaurant "Cuneo" - ein Fress-Schuppen für die höhere
Journalistenklasse. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann verspeist hier gern
mal eine Nudel und kann dabei gelegentlich auf seinen Spiegel-Kollegen
Stefan Aust oder den ehemaligen Stern-Chef Werner Funk treffen, wegen
seiner rüden Methoden auch "Kim il Funk" genannt. Zu vorgerückter
Stunde kann es schon mal passieren, dass der Spiegel-Chef mit
langbeinigen jungen Damen Fangen spielt.
Peter Idzak von Knappstein passiert einige Keller-Spelunken, die
"Taverna Hellas" und die Drogenberatungsstelle "Stay
Alive", vor der ein paar Junkies mit ihren Hunden hocken. Nur noch
ein paar Schritte, und er erreicht die Kastanienallee. Hier schlägt das
eigentliche Herz von St. Pauli. Während über die nur einen Steinwurf
entfernte Reeperbahn jährlich 30 Millionen Touristen stapfen und auf
den Showbühnen und in den Peep-Shows die Tänzerinnen regelmäßig
durch frische ersetzt werden, sitzen hier die Originale und kämpfen um
ihre größtmögliche Selbstbestimmung.
Wie die blonde Deutsch-Bulgarin Angie, die unmittelbar neben der
Weinstube "Traubenzauber" ein Bierkellerlokal betreibt. Der
Mann geht die Stufen hinunter und bestellt sich ein Bier. An der Wand
entdeckt er Fresken des wohl berühmtesten Hamburger Künstlers Horst
Janssen. Die Tiermotive tragen eindeutig seine Handschrift.
"Janssen hat hier als Student immer gepinselt", sagt Angie,
"weil er nur so seine Zechen bezahlen konnte." Am liebsten würde
die aparte Wirtin die Malereien überstreichen. Das dürfe sie aber
nicht, weil die Wand unter Denkmalschutz stehe. "Jetzt kommen ab
und zu mal ein paar Museumsleute rein, die sich das angucken und nur
wenig verzehren." Angie möchte aber gern ein richtiges Szenelokal
haben.
Ihr Vorgänger Peter Leber war in diesem Punkt cleverer. Als er den Ton
angab, hieß das Lokal "Flamingo-Bar". Janssen hatte wunderschöne
Flamingos auf die Fenster gezaubert. Als der Maler berühmt wurde, baute
Leber die Fenster kurzerhand aus, verkaufte sie - und konnte sich vom Erlös ein schönes Häuschen
in Spanien leisten.
Wieder draußen vor der Tür erblickt der Mann neben einem Hauseingang
an der Kastanienallee ein Schild mit der Aufschrift:
"Alkoholverzehr polizeilich verboten! Bitte gehen Sie weiter!"
Er geht weiter und wirft einen Blick in das Schaufenster von Heinemann,
dem Spezialisten für Künstler- und Musikerbekleidung. Offeriert werden
hier heute ein Smoking für sage und schreibe nur 4,99 Euro und eine
"Kaffeefahrt durchs Delirium".
Der Mann erreicht eine weitere Kellerkneipe: "Susis
Laubfrosch". Drinnen wartet schon ein hoch betagter Militärexperte
auf ihn. Es ist der ehemalige deutsche Militärattachée in Ankara, Herr
von Reuter, mit dem ihn eine ganz besondere Geschichte verbindet.
"Das war schrecklich damals", sagt Herr von Reuter, "ich
konnte es aber leider nicht verhindern." Das Schreckliche passierte
vor mehr als 30 Jahren. Peter M. Idczak von Knappstein war damals
Marineattachée in der deutschen Botschaft in Ankara, Herr von Reuter
sein Chef. Da passierte ein furchtbares Unglück. Wolfgang-Joachim von
Hassel, der 26-jährige Sohn des deutschen Verteidigungsministers Kai
Uwe von Hassel, stürzte in den USA als Testpilot mit einem Starfighter
ab und verlor sein Leben. In seinem Nachlass entdeckte man einen Stapel
Liebesbriefe, die Peter M. Idczak von Knappstein kompromittierten, denn
er hatte ein Verhältnis mit ihm.
Heute, sagt er, wäre das kein Problem. "Selbst wenn ich
Wolfgang-Joachim heiraten würde." Damals aber wurde er nach Bonn
zitiert. In einem Sitzungsraum des Außenministeriums lagen vor ihm auf
dem Tisch die Liebesbriefe, die er Wolfgang-Joachim geschrieben hatte.
Dahinter saßen sein Vater, deutscher Botschafter in Washington,
Bundesaußenminister Heinrich von Brentano und Minister Kai Uwe von
Hassel. Sein Vater siezte ihn plötzlich. "Sind Sie
homosexuell?" fragte er mit schneidender Stimme. "Ich wurde
suspendiert, bekam noch zwei Jahre mein Gehalt und musste mich danach
etwa 20 Jahre lang als Restaurantbetreiber und später als Taxifahrer
durchs Leben schlagen."
Wieder auf der Straße, macht Peter M. Idczak von Knappstein einen
Abstecher zur Reeperbahn über die Esso-Tankstelle. Das ist aber keine
normale Tankstelle. Über diese Zapfanlage sind schon Fernsehreportagen
gedreht worden. Freitags und sonnabends scheint hier mehr Bier als
Benzin durch die Hähne zu fließen.
Er begrüßt Hans. Der Clochard sitzt wie so oft auf einem der
Steinpoller neben der Tankstelle, ein Bein über das andere geschlagen.
Ein Bier hat er in der Hand, eines neben sich auf dem Boden. Am nächsten
Morgen wird die überaus menschenfreundliche Italienerin Daniella in dem
Stehcafe gegenüber sagen: "Schade um diesen Mann. Dabei ist er
doch so intelligent." Daniella schmiert Brötchen für die Arbeiter
der Großbaustellen um die Ecke. Manchmal geht sie hinaus und bringt
Hans einen Becher Kaffee. Nur Geld will sie ihm nicht mehr geben. Es
missfällt ihr, dass er es gleich in Bier umsetzt.
Peter passiert die ehemalige "Amigo-Bar" - eine Baustelle. Der Besitzer der
Kondomerie, einer Anlaufstelle für Fans ausgefallener Verhüterlis,
gestaltet sie gerade um. Er will dort in Kürze eine Gepäckaufbewahrung
für St.Pauli-Touristen eröffnen.
Auf der Reeperbahn prallt der Mann fast mit Gert Kleimann zusammen,
einem gepflegten älteren Herrn, der früher mal in Dangast am Jadebusen
gewohnt hat und am Gymnasium in Varel als Kunsterzieher tätig war.
Kleimann hat seinen schwarzen Ledermantel lässig über die Schulter
geschlagen und erzählt von dem verstorbenen deutschen Maler Franz
Radziwill, wegen seiner eigenwilligen Farbtechniken heute eine Berühmtheit:
"Mit ihm habe ich immer Tagestouren durch die Wilhelmshavener
Pornokinos unternommen." Heute ist der Kunsterzieher näher dran an
der Porno-Szene; er hat sich eine kleine Wohnung vis-a-vis vom neuen
Eros-Center an der Reeperbahn genommen. Dort will er seinen Lebensabend
verbringen.
Peter Idczak von Knappstein läuft wieder Slalom. Auf dem Bürgersteig
der Kastanienallee umkurvt er Scherben und Hundehaufen, reckt seinen
Kopf plötzlich nach oben. Denn er hört aus dem ehemaligen Postamtsgebäude
Bandonium-Klänge - einst das Klavier für die kleinen Leute
in Argentinien. Er öffnet die Tür, der Treppenaufgang ist mit
Teppichen belegt. Geht in eine kleine Bar, wo ihn der Tanzpädagoge
Rudolf freundlich begrüßt. In dem Saal rechts von der Bar nimmt er an
einem Tisch Platz, an dem der 54-jährige Helmut - genannt auch "Andorra-Helmut" - und dessen blonde Freundin Britta sitzen,
eine ehemalige Porno-Darstellerin. Der dritte freie Stuhl gehört zu
ihrem Freund Lawrence, ein hochgewachsener und Tango tanzender Burmese,
der wie immer freitags mit wechselnden Partnerinnen leidenschaftlich auf
dem Schwingparkett seine Runden dreht.
"Andorra-Helmut" ist heute bestens gelaunt. Er hat nämlich
gerade einen unangenehmen Termin hinter sich gebracht. Mit seinem
kleinen Schnauzer "Dusty" war er beim Tierpsychologen, weil
der in seinem großräumigen Bungalow in einem vornehmen Hamburger
Elbvorort regelmäßig auf seinen Teppich uriniert.
"Wer gegen mich ist, der hat Probleme", pflegt der
millionenschwere Erbe eines Industrieunternehmens aus dem Hannoverschen
Alfeld zu sagen. "Andorra-Helmut" begibt sich gern mal in die
Abgründe des Kiezes. Er hatte das Glück, dass sich seine Schwester vor
Jahren abgöttisch in einen Schwarzen verliebte. Sie wurde aus dem
Familienverbund verstoßen. Helmut konnte allein das gewaltige Erbe
antreten, das er aus Steuergründen nach Andorra verschob. In den Pyrenäen
hat er auch seine Vorliebe für opulente Oldtimer entdeckt, die allein
einen Wert in zweistelliger Millionenhöhe repräsentieren.
Oft plagt ihn die Langeweile in seinem wuchtigen Bungalow zwischen den
wuchtigen Ledersofas, Bildern aus dem Supermarkt und dem klobigen
Jugendstilschrank, den sein Großvater einst auf der Hannover Messe für
teures Geld erworben hatte. "Andorra-Helmut" ist stolz darauf,
noch nie in seinem Leben gearbeitet und nie einen Cent Steuern gezahlt
zu haben.
Das findet unser Mann erschreckend langweilig. Er geht am Tango-Shop
vorbei die Treppe hinunter auf die Straße. Kurz vor seiner Wohnanlage
macht er noch einen Schwenk nach rechts ins Restaurant "Haus
5", das sich in den ehemaligen Pathologieräumen des früheren
Hafenkrankenhauses befindet. Ein reiner Integrationsbetrieb, den der
Senat großzügig unterstützt hat. Hier kochen, kellnern und kassieren
nur Behinderte. Heute Abend ist Vernissage. Der Fotograf Hinrich
Schultze, Illustrator dieses Artikels, zeigt dort seine Werke. Thema
seiner Ausstellung: "Oktoberfest in München."
Erstmals veröffentlicht im Magazin "Berliner
Journalisten", Nr. 3, Herbst 2006, 3. Jahrgang. www.berliner-journalisten.com.
Günter Handloegten, geboren 1945, war fast 30
Jahre Redakteur beim Stern in Hamburg. Nach einem Hirnschlag im
Jahr 2002 ist er gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen. Das
hält ihn jedoch nicht von seinem täglichen Kiez-Ausflug
ab.
Seine (Reportage-)Erzählung hat uns wegen der unprätentiösen
Leichtigkeit beeindruckt, mit der der Tango hier im
Rotlichtviertel Hamburgs seinen Platz zwischen Pennern und Huren
findet. Auf einzigartige Weise stellt sich unserer Ansicht nach
assoziativ eine Verbindung zu den historischen Wurzeln des Tango
in den Hafenvierteln von Buenos Aires her, weshalb wir den Artikel
unseren Lesern nicht vorenthalten wollten.
Noch bis zum 15. Oktober übrigens können junge Journalisten bis
28 Jahre am "Journalistenpreis für Junge Journalisten"
teilnehmen, der vom Medienmagazin "Berliner
Journalisten" in Zusammenarbeit mit der Wall AG
ausgelobt wurde. Thema der einzureichenden Reportage soll sein
"Wie ich Hamburg sehe". Mehr Informationen gibt es hier...
Gemeinsam mit Henning Venske schrieb er mehrere Bücher, unter
anderem "Feine Gesellschaft. Ihre Bank. Unser Geld.
Nachrichten aus dem Bankensumpf" (1987), "Klüngel, Filz
und Korruption" (1993), "Dreckiger Sumpf II. Wilhelms
wahnsinnige Erben" (1996). Zusammen mit Klaus Ahrens
veröffentlichte er "Echtes Geld für falsche Kunst"
(1992). Alle Bücher sind bei unserem Verkaufs-Partner Amazon
erhältlich. Im Verlag Moderne Zeiten erscheint im Herbst der
neueste Krimi aus der Autorenschmiede Venske/Handloegten,
"Termiten - eine Sitten- und Kriminalgroteske".
Hier geht's zur Website des Fotografen Hinrich
Schultze...
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Ausgabe Oktober 2006
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