Bauch an Bauch geht auch!
 


Michael Rühl und Judita Zapatero - ein Abgleich unter Tangoinsidern

Text: Swantje-Britt Koerner


Ort: Berlin, Prenzlauer Berg; Restaurant Pasternak

ZWEI, die den TANGO und seine Entwicklung gut kennen und oft nach Buenos Aires gereist sind und reisen, unterhalten sich über ihr Lieblingsthema: den TANGO. Über Stilformen, Milongueroverhalten in Buenos Aires und das dortige Geschäft mit den Touristen.


Die ZWEI sind:

Foto: Golbarg

Michael Rühl, Tango-Urgestein, Veranstalter des Tangofestivals Berlin, Veranstalter und DJ der Samstagsmilonga im Ballhaus Rixdorf und Tangolehrer im Estudio Sudamérica. 

Er tanzt seit den 80ern Tango und hat eine gigantische Tango-Schallplattensammlung, darunter Schellack-Schätzchen von 1908.
Judita Zapatero ist in Spanien ausgebildete Tänzerin. Sie lebte und arbeitete 10 Jahre als Flamencotänzerin in Andalusien und absolvierte nationale und internationale Tourneen, unter anderem mit der Tanzcompagnie Flamencos en route.

Sie kam 1990 zum Tango, lernte in Berlin Michael Rühl kennen und bildete ihre Technik in Buenos Aires zusammen mit ihrem Partner Enrique Grahl Junior weiter aus.

Pressefoto Enrique y Judita

Swantje-Britt Koerner (SBK) ist Teilnehmerin und Chronistin dieses Gespräches.


Warum es den Tango gibt

Judita:
Um es mal ein bisschen vereinfacht zu sagen: Der Tango ist von Männern erfunden, um ne Frau zu verführen.

SBK:
Freut mich sehr, das zu hören.

Michael:
Könnte durchaus sein, wäre nicht abwegig...

Judita:
Es gibt natürlich manchmal Typen, die kommen nur zum Tango, um ne Frau kennen zu lernen, funktioniert natürlich nicht.

Michael:
Sehr tragisch, ja.


Wie der Tango getanzt wurde und wird

SBK:
Sagte nicht mal jemand: "Bauch an Bauch geht auch"?

Judita (lacht):
Ja, und dahinter steht dann, in Klammern, 'Tango Salón'.

Michael (denkt nach):
Wenn man einen nimmt, der gerne Nudeln gegessen hat, entsteht diese Form.

Judita:
Michael, was verstehst du unter 'Tango Canyengue'? 

Michael:
Tango Canyengue oder auch Tango Orillero gilt als die ursprüngliche Form, die vor dem Tango Salón existierte. Heute lebt kaum noch einer, der ihn in seiner Ursprungsart erlernt hat, deshalb wirst du unterschiedliche Definitionen für ihn finden. In der Musik ist er bestimmt eine synkopische, rhythmische Form, tänzerisch eine, die damals, als die ersten Salóns den Tango aufnahmen, garantiert verboten war. Ich würde sagen, im Canyengue ist der Einfluss der afrikanischen Kultur im Tango zu sehen. Wenn man ihn von der Bewegung im Tanzen her denkt, hat er bestimmt etwas damit zu tun, was man damals eine 'quebrada' nannte.

*(el quebrada = der Bruch, die Achse des Partners wird kurzzeitig 'gebrochen')

Judita:
Es gibt Leute, die anbieten, Tango Orillero zu unterrichten. Neulich hat einer mit mir einen Schritt gemacht, wo er mich so weggeschmissen hat. Dann hab ich gefragt: "Was machste denn jetzt?", und da hat er gesagt: "Das ist Tango Orillero!"

Michael (seufzt...):
Guck mal, das kann ja jemand sein, der viel Fantasie hat, und deshalb ein paar schöne Schritte erfunden hat, warum sollte man die nicht auch lernen? Ob das jetzt Tango Orillero ist, weiß ich nicht, ob das Tango Orillero sein muss, ist mir völlig egal. Entweder der Schritt gefällt mir, dann lerne ich den, oder auch nicht, aber Tango Orillero zu unterrichten, ist Schwachsinn. Wer will wirklich von sich behaupten, dass er Tango Orillero noch kann?

Michael Rühl und Paulina von Bakel, Archiv Rühl

Judita:
Okay, halten wir fest: diese Schritte und Figuren - sacada, media luna, ocho, firulete, cunita... -, die heute den Tango Salón bereichern, kommen vom Tango Orillero und waren früher im Tango Salón verboten. Tango Salón war nur Gehen. 

Michael nickt.


Wie man sich in der Milonga verhielt und noch verhält

Michael:
Also, früher in Buenos Aires, kamst du in einen Laden rein, und die meisten Disc-Jockeys waren zwischen 50 und 60 Jahre alt und hatten so ungefähr eine Kiste mit 100 Langspielplatten. Und man hat gespielt: Tango. Dann gab's ne Pause. Dann einen Vals. Dann gab's ne Pause. Dann ne Milonga. Dann gab's ne Pause. Und dann gab's mal irgendwas anderes, und zwar Tropical. Es wurde gemischt, auch Swing oder Foxtrott. Im Salón Argentina kamst du rein: In einer Ecke saßen nur Frauen, total aufgedonnert, in einer Ecke Pärchen, in einer Männer, und an der Bar standen Männer mit Zigarette und Whiskeyglas, tiefe raue Stimme - man merkte, das waren die Bohèmes, die nahmen den Tango zwar schon ernst und hielten eine bestimmte Etikette ein, aber da waren viele, die sich man nur für eine Nacht kennen gelernt haben. Das Amüsement war wichtig. Viele Männer wollten einfach ne Frau kennen lernen, das ist ja hier in Berlin auch so.

Michaels Handy klingelt. Er nimmt das Gespräch an.

Judita (zu SBK):
Michael unterscheidet zwischen den Milongas im Zentrum, da, wo die Männer und Frauen getrennt hingingen und es mehr Anmache gab, und den Salóns außen in den Randbezirken, wo es eleganter zuging, wo eher die Ehepaare hingegangen sind. Da, wo die Ehepaare hingingen, konntest du gar nicht alleine hingehen, machte gar keinen Sinn. Dieser Unterschied besteht heute noch, meine ich.

Michael beendet sein Telefonat.

SBK:
Und das Licht? Schummrig?

Michael:
Also, die Tanzfläche hat 10x10 Meter. Männer und Frauen einander gegenüber. Da darfst du es nicht ganz dunkel machen. Wie willst du jemanden zuzwinkern, wenn es dunkel ist? Das klappt gar nicht, also darf das Licht nicht schummrig sein.

SBK (grimmig):
Ob und wie die Dame auf ein Zwinkern reagiert, ist Tänzern wie dem Kelch oder dem Terminator egal.

Michael: 
Der Terminator wird in Argentinien keine Frau finden. Keine Frau würde mit ihm tanzen.

SBK (insistiert):
Also, hier in Berlin ist das möglich, aktuell vergangenen Samstag bei deiner Milonga, Michael.

Judita:
Ich hab auch mal einen lebensgefährlichen Schlag von dem Typen bekommen. Im Zentrum von Buenos Aires gibt es Milongas, wo es manchmal ganz wild zugeht. Dann greift jemand zum Mikro und sagt: "Hey, respektiert doch mal die Tanzrichtung, passt mal auf, heute geht's ja wohl zu ruppig zu." Und dann applaudieren alle.

Michael (zu Judita):
Also du, wenn ich das sehe, weiß ich ganz genau, was ich da mache, aber ich hab's nicht gesehen, zu mir ist auch keiner gekommen. Wenn man zu mir kommt, kläre ich die Sache sofort. Ich hab schon Leute rausgeschmissen.


Wie der Tango in Buenos Aires zum Geschäft wurde

Judita:
Wie siehst du das, Michael? In Buenos Aires gibt es heute mehr Lehrer als Schüler. Jeder unterrichtet inzwischen Tango, oder?

Michael:
Ich war das letzte Mal 2000 dort, ich kann dir also nur den Unterschied zwischen 2000 und 87 aufzeigen, als ich das erste Mal da war... ab etwa 96/97 tauchten in den Salóns jüngere Leute auf, die gut tanzten. Erst waren es Leute, die noch nicht begriffen hatten, das es um räumlich reduziertes und inniges Tanzen ging anstelle des exzessiven und großräumigen - heute haben sie es begriffen. Und es tauchten immer mehr Touristen auf. Vor dieser Zeit bist du noch hingefahren, konntest vielleicht überhaupt nicht tanzen, und wenn du mal ne Voracht getanzt hast, haben dir die Leute, die Einheimischen, applaudiert. Das passiert dir heute, meine ich, nicht. Heute sind die Leute eher genervt von den vielen Touristen. Früher waren sie geehrt, weil ihre eigene Jugend so nicht tanzen wollte.

Judita:
Ich war 1992 zum ersten Mal in Buenos Aires, also später als du. Damals war kein Geschäft zu machen in der Milonga. Ich bin froh, dass ich diesen Unterschied noch erlebt habe. Heute kommst du in eine Milonga im Zentrum und siehst erst mal drei Schuhständer. Daneben gibt es einen, der verkauft dir seine Tangobücher, ein anderer Schmuck, der dritte Tangoschilder. Du läufst durch diesen Eingangsbereich und dahinter, in der Milonga, gibt es Leute, die wollen dir ihren Unterricht verkaufen, oder sie laden dich ein, in ihren Tangohotels zu übernachten ... es ist ein Markt geworden!

Michael:
Absolut.

Judita:
Der Tango ist einfach eine Umarmung und eine Suche nach dem anderen Geschlecht, auch Anmache, klar, aber dieses ganze Geschäft drum herum, ist, finde ich, das, was die Spannung unglaublich anhebt.


PR-Material Enrique y Judita

Michael:
Das Geschäft hatte aber auch schon begonnen, als ich die ersten Male hinfuhr. Es begann unter den Lehrern. Die fingen an, um die, sagen wir, 20 Touristen zu buhlen, die es in der Stadt gab, auch bei mir, nach dem Motto 'Da ist der Michael aus Deutschland, der sammelt Platten...'. Es war aber eher ein regionales und kein internationales Geschäft. Heute kommen Leute aus Japan, USA und Europa, und man verkauft ihnen jeden Scheiß, so wie man hier am Brandenburger Tor noch Mützen von der ostdeutschen Armee kriegen kann. Damals haben die Leute in den Milongas Geschäfte gemacht mit Strumpfhosen. Du konntest Kaugummis kaufen, Kondome - unter der Hand, nicht so offensichtlich - oder Haargel...

Judita:
... lauter so kleine Utensilien...

Michael:
... ja, und Alkohol. Heute wird nicht mehr der Salón oder der Argentinier bedient, denn der wird sich bestimmt keine Tangoschilder mit Carlos Gardel kaufen. Und ich bitte euch: Was ist ein Tango-Hostel? Entweder es ist ein Hostel, oder es ist kein Hostel. Was ist ein Flamenco-Hostel oder ein Russisch-Folklore-Hostel? Das ist doch völliger Quatsch.


Judita erreicht man über diese Website.

Vom 02. bis zum 05. Juni 2006 findet in Medienpartnerschaft mit tangokultur.info das Internationale Tangofestival Berlin statt. Die Festivalleitung präsentiert namhafte Stars des Tango Argentino, Live-Musik und Showtanz auf Weltklasse-Niveau, Workshops sowie ein unterhaltsames Rahmenprogramm. Zur Festival-Homepage und
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Ausgabe Juni 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)