| |
Gotan Project im Interview
|
 |
Text und Fotos: beats international
Anfang Februar kommen Gotan Project für zwei Termine nach Deutschland.
Das nachfolgende Interview bietet für Hardcore-Fans der Formation
einige Detailinformationen zum neuen Album "Lunático", die
interessante Einblicke in den Entstehungsprozess geben.
Warum liegen zwischen "La Revancha Del Tango" und "Lunático"
fast sechs Jahre Pause?
CHRISTOPH H. MÜLLER Das
Ding ist, da gab es keine Pause. Das klingt nur so. Das erste Album ist
2001 raus gekommen. Nachher waren wir zwei Jahre auf Tournee. Als wir
von der Tournee zurück waren, haben wir Remixe gemacht, wir haben an
Filmmusik gearbeitet. Wir waren nicht wirklich faul, wir haben nicht
wirklich auf der faulen Haut gelegen, überhaupt nicht. Das neue Album
haben wir erst Anfang 2004 angefangen. Und es im Prinzip beendet, kurz
vor Weihnachten letzten Jahres. Insgesamt hat es eigentlich nur
anderthalb Jahre gedauert, was trotzdem relativ lang ist. Es gibt Leute,
die nehmen ein Album in zwei Wochen im Studio auf. Aber unser
Arbeitsprozess ist ein bisschen komplexer. Wir haben angefangen, zuerst
ein Tango-Quartett aufzunehmen. Mit Basic-Riffs, die wir dann benutzt
haben, um unsere Songs zu komponieren. Wir haben 14 Songs komponiert,
die wir dann von den Musikern spielen lassen. Dann unsere Stücke neu
bearbeitet. Dann sind wir nach Argentinien geflogen und haben die
Streicher eingespielt und die Rapper aufgenommen. Haben dann das
Material wieder zurück nach Paris gebracht und es dort weiter
bearbeitet. Du siehst, das ist ein ziemlich langer Prozess. Manchmal
lassen wir das Material auch ein bisschen liegen. Jeder von uns hat ja
noch andere Projekte, an denen wir arbeiten. Lassen wir das Material
liegen, arbeiten an was anderem und kommen wieder darauf zurück,
bekommen einen besseren Überblick, wenn wir eine kleine Pause gemacht
haben. Wir wollten uns wirklich Zeit nehmen, um ein gutes Album zu
machen.
Was sind das für andere Projekte, an denen jeder von euch neben dem
Gotan Project arbeitet?
PHILIPPE COHEN SOLAL I
wrote an album, it’s a songwriting album, that I recorded in
Nashville, Tennessee at the end of 2004 … I love roots-music. The
Gotan Project is inspired by roots-music and the folk music from
Argentina. My solo project is something more inspired by the American
roots.
Ich habe ein Album geschrieben, das ich Ende 2004 in Nashville,
Tennessee aufgenommen habe und in Kürze abmischen werde. Es ist eine
Arbeit mit Country-Musikern, Blue Grass Musikern. Ein komplett
akustisches Album ohne jede Elektronik. Einige der Songs entstanden während
der Tour mit Gotan Project, wenn ich mit meiner Gitarre im Hotel war.
Andere Songs habe ich später geschrieben. Wir sprachen ja bereits über
Musik, der gegenüber manche Menschen Vorurteile haben. Country gehört
auf jeden Fall dazu. Heute vielleicht nicht mehr so sehr, nachdem alle
Johnny Cash wieder entdeckt haben. Dennoch haben viele noch Probleme mit
Country. Natürlich gibt es da einen furchtbaren Mainstream oder etwa
die christliche Country. Aber abseits dessen existieren fantastische
Platten und Musiker. Ich liebe so etwas. Das Gotan Project ist durch
Roots-Musik und die argentinische Volksmusik beeinflusst, während mein
Nebenprojekt durch die amerikanische Roots-Musik inspiriert ist.
EDUARDO MAKAROFF Well, I
released a tango label called Ma Nana … Ma Nana, the tango of tomorrow
because Ma Nana means demain, tomorrow.
Ich habe ein Tangolabel gegründet, es heißt Ma Nana. Ich produziere
dort einige Tango-Künstler aus Argentinien, die in Paris leben, zum
Beispiel das Album von Juan Carlos Cáceres, der ja Gast auch auf
unserem Album "Lunatico" ist. Außerdem habe ich eine Sammlung
von Songs aus der Feder von Gustavo Beytelmann produziert, der ebenfalls
bereits mit dem Gotan Project gearbeitet hat. Das ist meine jüngste
Arbeit auf dem Man Nana Tango-Label, die bald auch in Deutschland und
anderen europäischen Ländern erscheinen wird. Man Nana, der Tango von
morgen. Denn Ma Nana bedeutet morgen.
CHRISTOPH H. MÜLLER Ich
habe zwei Nebenprojekte. Das eine heißt Radio Kijada. Das mache ich mit
einem peruanischen Perkussionisten zusammen. Da geht es um
afro-peruanische Musik, eine ziemlich unbekannte Musik von der Küste
Perus, wirklich sehr afro-perkussiv. Super Musik! Und dann habe ich noch
ein Solo-Projekt unter dem Namen Roy-Dub. Da weiß ich noch nicht genau,
wo es wirklich langgeht. Ich habe letztes Jahr eine 12-inch raus
gebracht und gerade zwei neue Stücke fertig gemacht, zwei Covers von
Jazz Standards, "Afro Blue" und "A Night In
Tunesia". Das sollte in den nächsten zwei, drei Monaten auch auf
Vinyl raus kommen.
Ein paar Worte zu den Gästen des Albums. Calexico sind dabei. Kam
der Kontakt durch Deine Arbeit mit Country-Musikern in Nashville,
Philippe?
PHILIPPE COHEN SOLAL
Calexico are living in Tuscon, Arizona. But it’s true because I’m a
big fan of Alternative Country music … It’s a way to bring our sound
somewhere else, also.
Calexico kommen aus Tuscon, Arizona. Aber es stimmt schon. Da ich ein
großer Fan alternativer Country Music bin, schlug ich Christoph und
Eduardo vor, für "La Revancha Del Tango" einen Remix von
Calexico fertigen zu lassen. Wir trafen uns, sie remixten eines unserer
Stücke und baten uns, einen ihrer Songs zu remixen. Unsere
Zusammenarbeit begann also über Remixe. Dabei entdeckten wir die
Gemeinsamkeiten unserer jeweiligen Musik. Für den Opener unseres neuen
Albums, "Amor Porteno" lag es daher nahe, mit Calexico zu
arbeiten. Sie steuerten die Gitarren, den Bass, das Schlagzeug bei.
Unsere Sounds passen einfach gut zusammen. Zugleich bietet es uns die Möglichkeit,
das Gotan Project und den Tango bekannter zu machen, etwa in den Wüstenlandschaften
Arizonas, die denen der Pampa in Argentinien übrigens nicht unähnlich
sind. Die Gauchos sind ja das Pendant zu den Cowboys. Das bringt auch
frischen Wind in unsere Musik. Unser erstes Album orientierte sich eher
am Dancefloor und den Bedürfnissen der DJs. Das neue Album ist anders
und weniger elektronisch bzw. die Elektronik ist subtiler. Beim Gotan
Project spielen wir gerne mit Fusionen, vermischen verschiedene Klänge
und Elemente, um einen vollen Klang zu erzielen. Das gilt nicht nur für
den Track mit Calexico, sondern auch für Stücke wie "Paris,
Texas". Für uns eine Möglichkeit, neue Hörer für unsere Musik
zu finden.
Welche Gäste außer Calexico finden sich auf "Lunatico"
und was steuern sie bei?
CHRISTOPH H. MÜLLER Wir
haben Juan Carlos Cáceres. Tango-Kompononist, Sänger und Künstler auf
dem Label Ma Nana. Juan Carlos Cáceres spielt Tango Negro, wie er das
selbst nennt. Er ist auch Musikologe. Er hat die ganzen afrikanischen
Wurzeln wieder in den Tango gebracht, mit Perkussion. Und er verteidigt
diese These, sozusagen. Deswegen war er die richtige Person, um den Text
von Eduardo zu interpretieren. Bei "Notas" geht es um die
Geburt des Tangos und seine Wurzeln. Wo kommt er her? Worum geht es beim
Tango?
Ein anderes Featuring sind die Rapper, das Kollektiv Koxmoz. Das sind
zwei MCs aus Buenos Aires, Apolo Novax und Chilip Parker. Ich muss dazu
sagen, dass Hip Hop in Argentinien wirklich Underground ist. Es war gar
nicht so einfach, Rapper zu finden. Wir wollten Rapper haben für dieses
Stück. Ich glaube, es war ein Freund von Eduardo, der ihm mehr oder
weniger über Internet Stücke von Hip Hoppern aus Argentinien per MP3
geschickt hat. Wir haben sie uns angehört, so eine Art virtuelles
Casting. Die Stimmen von Koxmoz gefielen uns am besten. Wir haben sie
kontaktiert. Die waren wirklich super interessiert und haben dann auch
einen tollen Text geschrieben, einen richtigen Tango-Rap-Text.
Weitere Gäste?
CHRISTOPH H. MÜLLER Ein
weiteres Featuring ist Jimi Santos in dem Song "Domingo". Im
Song "Domingo" wollten wir alle diese Wörter der
argentinischen Sprache, die afrikanischen Ursprung haben, sprechen. Dafür
suchten wir einen Afro-Argentinier. Jimi Santos ist ein Black Man from
Argentina mit einer super Stimme. Und der hat dann all diese Worte
interpretiert. Ein weiteres Featuring ist ein Roboter. Unser
Sprach-Synthesizer, der einen Text aus dem 19. Jahrhundert mit
argentinischem Spanisch rezitiert im Stück "La Viguela".
Was ist das für ein Roboter im Song "La Viguela"?
CHRISTOPH H. MÜLLER Wir
haben von Kontrast gesprochen. Das, glaube ich, ist vielleicht der
extremste Kontrast auf dem Album, vor allem auch zeitlich. Das ist ein
literarischer Text aus Argentinien von Martin Fiero. Er stammt aus dem
19. Jahrhundert und ist in Reimen geschrieben. Ich habe dann so einen
Sprach-Synthesizer gefunden, der auch Spanisch sprechen kann. Mit
gewissen Tricks haben wir es dann geschafft, dass er argentinisches
Spanisch spricht. Danach haben wir ihn durch einen Vocoder geschickt.
Dazu hat unsere Sängerin Backing Vocals zum Vocoder gesungen. Das ist
ein bisschen extrem.
Welche Idee steht hinter dem Albumtitel "Lunático"?
PHILIPPE COHEN SOLAL
"Lunático" is also the name of the horse of Carlos Gardel …
Each song has its own identity or personality. That’s why we thought
it would be a poetic way to title our album.
"Lunático" hieß das Pferd von Carlos Gardel, dem vielleicht
berühmtesten Senior des Tangos. Er liebte Pferderennen und besaß
mehrere Pferde. Eines der erfolgreichsten hieß "Lunático".
"Lunático" bedeutet aber auch "Stimmungen, die mit dem
Mond wechseln". Genau darum geht es auch auf diesem Album, dessen
Stimmungen mehrfach wechseln. Auch wenn wir dieselben Menschen geblieben
sind, mit einem neuen Album, ist es diesmal doch anders. Jedes Stück trägt
eine andere Stimmung. Wir möchten unsere Hörer mitnehmen auf eine
Reise. Wir reisen ja selber sehr gerne. Es geht um urbane Stimmungen,
etwa von Buenos Aires oder um Wüstenlandschaften mit
Folkmusik-Elementen aus Argentinien. Jeder Song hat seine eigene Identität
und Persönlichkeit. Es erschien uns daher ganz poetisch, das Album so
zu nennen.
Wird es Remixe geben zu "Lunático"? Wer wären eure
Kandidaten?
PHILIPPE COHEN SOLAL For
the new album we’re gonna release first the original tracks on vinyl.
We have already some people working on remixes … some of the producers
that I love in electronic dance music in England or even in different
countries, maybe the remix will come from Japan, from Brazil, from
underground producers mostly.
Das neue Album wird zunächst mit den Originalstücken auf Vinyl
erscheinen. Es arbeiten aber auch bereits einige Leute an Remixen. Wer
das ist, bleibt aber noch ein Geheimnis solange wir die Ergebnisse nicht
gehört haben. Beim Gotan Project geht es weniger um Remixe, die aus
Marketinggründen für den Dancefloor gefertigt werden. Uns geht es um
Kontraste, die musikalisch oder künstlerisch interessant sind. Deshalb
wurde Stücke des ersten Albums von Leuten geremixt wie dem Anti Pop
Consortium mit ihrem Lo-Fi-Hip-Hop, dem Deep-Tech-Einschlag eines Pepe
Bradock oder von Peter Kruder, der einfach ein fantastischer Produzent
ist. Auch Calexico lieferten damals einen Remix und hoben unsere Tracks
auf eine neue Ebene. Diesen Weg möchten wir auch auf unserem neuen
Album verfolgen und Produzenten suchen, deren Arbeiten wir mögen, aus
England oder vielleicht auch ganz anderen Ländern, wie Japan oder
Brasilien. In erster Linie werden es Produzenten aus dem Underground
sein.
Tourdaten:
Samstag, 03.02.2007 Muffathalle,
München, Beginn 21.00 Uhr
Sonntag, 04.02.2007 Babylon
Mitte, Berlin, Beginn 21.00 Uhr
Tickets sind telefonisch unter 01805/607070 (0,12 Euro/Min.), im
Internet unter www.argo-konzerte.de
sowie an den bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich.
Mehr Informationen zu Gotan
Project....
In der aktuellen Ausgabe haben wir das angesprochene Album von
Cáceres besprochen. Zum Artikel geht's hier...
Die aktuelle CD von Gotan Project haben
wir in unserer April-Ausgabe 2006 besprochen. Zum
Artikel...
Die aktuelle CD zum Download:
Über unseren Partner iTunes kann man die CD bequem online aus dem Netz
herunterladen. Hierzu einfach den nachfolgenden iTunes-Button anklicken:
Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel
schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe Januar 2007
|