"Der Tango hat ein richtiges Problem"
 

Neue Wege der Tangomusik / Ein Interview mit dem Duo Aguirre-Rocco


Fragen: Jörg Buntenbach
Fotos: Torsten Moebis
Dolmetscherin: Karina Hartwig

 

Lieber Luis, lieber Pablo, wie habt Ihr zueinander gefunden? Seit wann macht Ihr gemeinsam Musik?

LUIS: Wir haben über die Musik zueinander gefunden. Angefangen haben wir mit kammermusikalischer Musik mit folkloristischen Wurzeln. Die Gruppe damals hieß ,La Posta', ein Trio. 2004 ging das Trio auseinander, aber Pablo und ich machten weiter gemeinsam Musik. Im Laufe der Zeit haben wir beide musikalisch viel experimentiert. Ich bin Flötist beim Philharmonieorchester des Colón-Theaters in Buenos Aires, wo die Grenzen natürlich eng gesteckt sind. Also eröffneten wir ein neues Feld und wollten diesen klassischen Elementen eine andere Richtung geben. Und zwar in der Form, dass wir klar erkennbare Elemente des Tangos hinzufügten. Pablo komponierte fleißig, ein Repertoire entstand - und wurde dann aufgeführt.

Wie kam es dann zu dem Programm ,Klassik trifft Tango'?

PABLO: Das Duo ist gleichzusetzen mit unserem aktuellen Programm. Unsere Musik ist eine Symbiose aus klassischer Musik und Tango. So mit 19 habe ich erst angefangen, Tangomusik zu machen. Die Klassik war vorher da. Damals begleitete ich einige Tangosänger und habe dann Astor Piazzolla kennen gelernt. Er hat mir wertvolle Ratschläge gegeben - und ich war total beeindruckt von ihm und von dem, was er tat, nämlich den Tango weiter zu entwickeln. Auch im Hinblick darauf, wie der Tango begonnen hat, der ursprünglich ja von der Instrumentierung Flöte und Gitarre lebte - und was findet sich heute alles dabei? Das finde ich total spannend! Die Intention, Klassik mit Tango zu mischen, ist letztendlich das Ergebnis einer Suche. Und zwar einer Suche über die Komposition zum eigenen Stil. Es ist in erster Linie Kammermusik mit Tango-Elementen, die klar erkennbar sind. Für mich war es interessant, die rhythmischen Elemente zusammen zu bringen, damit zu spielen. Was passiert, wenn man Klassik mit den zahlreichen Wurzeln des Tango wie Candombe, Milonga, Habanera usw. zusammen bringt? Zudem hatte ich Lust, den Witz und die Sinnlichkeit der verschiedenen Stile zu transportieren.

Was bedeutet der Tango für euch? War die klassische Musik zuerst da, oder der Tango?

PABLO: Es ist die Musik von Buenos Aires! Es ist eine Art Spiegel der Porteños dort.

LUIS: Für mich ist es der Reichtum des Tango und damit der Reichtum der Geschichte. Der Tango selbst bereichert - und er entwickelt sich ständig weiter. Das zeigen die unterschiedlichen Epochen beim Tango. Es gibt Tangos zum hören, Tangos zum Tanzen. Tango ist ein sehr verwurzeltes, intensives Gefühl, das man spürt. Aber es gibt nicht immer nur das Eine auf der Welt. Tango, klassische und populäre Musik, hatten für mich immer den gleichen Stellenwert. Vielleicht liegt es daran, dass meine Eltern auch Musiker waren. Mit 13 spielte ich bereits in einem Quartett.

PABLO: Zuerst war für mich der Tango Canción sehr präsent, erst später der getanzte Tango. Durch Piazzolla hatte ich dann die Erkenntnis, dass der Tango sich weiterentwickeln kann. Und die Weiterentwicklung ist der Schlüssel für den Tango. In der Kammermusik entwickelt man ständig weiter. Aber neben Piazzolla waren Troilo und Pugliese genau so wichtig für mich. Vielleicht liegt es daran, dass Pugliese an der selben U-Bahnstation in Buenos Aires wohnte wie ich (lacht). Ich habe immer Tango gehört. Von klein auf. Das war unausweichlich in Argentinien.  

Wie ist eure Beziehung zur Tangoszene?

PABLO: Wir werden immer wieder zu Konzerten und Festivals eingeladen

LUIS: Der Kontakt zu anderen Musikern ist da, zu den Tänzern in den Milongas weniger. Unser Programm ist in erster Linie konzertant, wobei wir teils versuchen, auf die Tanzbarkeit zu achten. Wir freuen uns immer, wenn zu unserer Musik auch getanzt wird. Auf Musik kann man im Prinzip immer tanzen!

PABLO: Es gibt noch ein anderes Projekt, an dem ich arbeite. Mit diesem Projekt wollen wir tanzbare Musik spielen. Mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.

Stellt Ihr euer Programm ,Klassik trifft Tango' auch in Argentinien vor?

PABLO: Ja, wobei der Name ,Klassik trifft Tango' für die Tournee gewählt wurde. Das Duo als eigentliches Projekt nennt sich ,kammermusikalische Begegnungen mit Tango'.

Gibt es einen Unterschied zwischen dem argentinischem und dem europäischen Publikum?

LUIS: Bis jetzt nicht. Es gibt nur andere Sitten (lacht). Zudem ist es davon abhängig, wo man auftritt.

Wie steht Ihr zum Electrotango, der für viele ja auch eine Weiterentwicklung des Tangos darstellt?

PABLO: Ich mag ihn sehr gerne.

LUIS: Es sind interessante Sachen dabei.

PABLO: Der Tango hat in meinen Augen ein richtiges Problem, denn auf den CDs finden sich immer wieder die selben Stücke. Daher ist es wichtig, dass etwas Neues entsteht. Die Komponisten müssen wieder im Mittelpunkt stehen, nicht die Arrangeure!

Gibt es eine CD von euch?

Wir haben die CD gerade in Berlin eingespielt. Sie soll im Herbst erscheinen und möglichst auch hier vorgestellt werden.

Warum habt Ihr euch bei der Produktion für Berlin entschieden?

PABLO: Weil ich in dieser Stadt meine erste Tangosonate geschrieben habe. Hier war mir das Tangogefühl außerhalb Argentiniens am nächsten. Fern der Heimat konnte ich in Berlin das Tangogefühl intensiv spüren. Seitdem ich vier Jahre bin, träume ich davon, meine Musik in Berlin zu spielen. Außerdem ist mein Verlag in Berlin, und ich habe hier gute Erfahrungen mit den Technikern gemacht.

LUIS: Die kulturelle Gemeinschaft in Berlin und teilweise auch in Paris und Barcelona hat eine besondere Stellung in Buenos Aires. Berlin ist ein Parameter für die kulturelle Entwicklung in Buenos Aires.

Luis, Pablo, vielen Dank für das interessante Gespräch. Ich freue mich auf euer Wiederkommen nach Berlin im Herbst und auf eure CD!

Das Duo Aguirre-Rocco in concert: 'Klassik trifft Tango' - die Konzertbesprechung: jetzt lesen

Die Website vom Duo Aguirre-Rocco: www.aguirre-rocco.com

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Ausgabe März 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)