"Drei Minuten Liebe"
 


Ein Interview mit Esther und Mingo Pugliese

Text und Fotos: Elke Koepping
Übersetzungen: Debra Ferrari

Workshop "Improvisation" im La Caminada, Berlin 

tangokultur.info traf Esther und Mingo Pugliese, die seit November 2005 in Europa unterwegs sind, im April in Berlin zum Gespräch. Es wurde zu einer Unterhaltung, die erstaunlich viele Parallelen zwischen aktuellen Tendenzen im Tango und der sogenannten "Goldenen Ära" des Tango de Salon aufzeigte: damals war Mingo mit einer Gruppe junger Leute auf der Suche nach dem neuen Tango, heute sind es andere junge Tänzer, die diese Veränderungen zu erweitern versuchen. 
Die Suche verbindet sie über eine historische Distanz von über 60 Jahren und verweist die Behauptungen extrem konservativer Tendenzen im Tango, es gebe den einen wahren und richtigen Weg, den Tanz zu tanzen, in den Bereich der Fantasie. Esther und Mingo haben bis heute ihre eigene, persönliche Suche nie aufgegeben, wie das Gespräch zeigt.


Seid ihr nicht langsam müde, immer noch um die Welt zu reisen?

Esther Wir machen es, weil es uns Spaß macht.

Mingo Es ist ein Weg, verschiedene Kulturkreise und Länder kennenzulernen. Ohne den Tango hätten wir nicht so viel reisen können. Davon kann man als Normalsterblicher ja nicht einmal träumen. Als Tourist siehst Du nur die Touristenattraktionen, in Paris den Louvre und den Eiffelturm. Wir haben Gelegenheit, die Landeskulturen ganz anders zu erfahren.


War es von Anfang an euer Traum, professionelle Tangolehrer und -tänzer zu werden?

Mingo Jeder hat damals Tango getanzt, aber niemand hat es professionell getan. Da kam z. B. ein Junge auf mich zu und hat gesagt "Mingo, gib mir Unterricht" und ich habe das gemacht.

Esther
Es wäre uns niemals in den Sinn gekommen, dass wir jemals von Tango würden leben können.

Mingo Oder dass sich die Leute weltweit so sehr für den Tango interessieren würden. Kein Italiener könnte sich vorstellen, dass die Tarantella einmal weltberühmt würde. Der Tango ist auch auf diese Weise eine Art zu kommunizieren. Ohne Worte kann man mit dieser Umarmung über den Körper kommunizieren.

Esther
Es ist eine Art, sich nah zu sein. Ich glaube, das ist der Grund, warum der Tango heute soviel Erfolg hat.

Mingo Man darf nicht vergessen, die technische Entwicklung, die Medien, die ganze Automation des modernen Lebens bringt für die Menschen mehr und mehr Schwierigkeiten miteinander zu reden.

Was ist für euch am Tango noch wichtig?

Mingo
Ein Tango ist wie drei Minuten Liebe.

Esther Drei Minuten oder ein ganzes Leben, man weiß vorher nie, was in dieser Begegnung geschieht.

Mingo Ich bin seit 47 Jahren drei nie enden wollende Minuten mit Esther zusammen. Es gibt ja auch Tänzer, die drei Minuten mit einer, drei Minuten mit einer anderen zusammen sind, mal hier, mal dort. Ich nicht.

Esther, du hast lange Zeit mit deinem Sohn Pablo getanzt, warst mit ihm auch auf Tournee in Japan. Was ist daran anders als mit Mingo zu tanzen?

Esther Es ist natürlich total anders, mit dem Sohn zu tanzen als mit dem Vater, obwohl sie den gleichen Stil tanzen. Er hat diese jugendliche Dynamik, die mich mein Alter vergessen lässt. Ich traue mir mehr zu, weil ich mich dadurch angesteckt fühle. Mit dir ist es eine andere Sache, Mingo, es ist eine andere Art von Respekt, die ich dir entgegenbringe.


Euer Sohn Pablo, der gerade erst vor einem halben Jahr in Berlin war, um Workshops zu unterrichten, experimentiert u. a. mit dem Modern Dance. Ist das etwas, was euch interessiert oder steht ihr dem eher skeptisch gegenüber?

Esther Wir interessieren uns natürlich sehr dafür, was Pablo macht. Diese Suche der jungen Tänzer ist sehr wichtig, um den Tango als Genre weiterzuentwickeln. Aber die Tänzer müssen gut ausgebildet sein, um diese neuen Wege zu entdecken, die der Tango zukünftig beschreiten könnte. 
Wir halten aber nichts von diesen exaltierten Tänzern, wie man sie leider tagtäglich im Salon sieht, die keine Ahnung von den Grundlagen des Tango haben und ohne Verstand damit experimentieren. 
Auf einem Festival habe ich es erlebt, dass sich eine Tänzerin den Arm gebrochen hat, weil sie so verrückte Sachen mit ihrem Partner getanzt hat. Es ist Unsinn, so in einem Salon zu tanzen. Einige Leute haben einfach nicht die körperliche Ausbildung für akrobatische Bühnen-Figuren und wollen sie trotzdem tanzen, man muss da schon zwischen Tango de Salon und Tango Fantasía unterscheiden.


Mingo, du hast in den 40ern auch einige Neuerungen in den Tango eingebracht, z. B. der Frau einen anderen Stellenwert im Paar gegeben.

Mingo Ja, das war eine sehr wichtige Veränderung. Bis 1938 existierte die Frau im Tango nicht, das sah man auch an den Veranstaltungsplakaten. Da hieß es "Juan Perez tanzt", die Frau fand keine Erwähnung. 1939 hieß es dann schon "Juan Perez und Partnerin Rosa María tanzen". Das Paar arbeitete ab sofort zusammen, das Bild des Tango tanzenden Paares gewann in der Öffentlichkeit an Bedeutung. Vorher hätte Juan Perez auch mit einem Pferd oder einer Kuh tanzen können, die Frau war einfach nicht vorhanden. 
Die Frauen wurden bis 1938 hin- und hergeschaukelt, herumgerissen, ans Knie getreten und insgesamt ziemlich brutal behandelt. Die Umarmung war auch völlig anders. Die Frau wurde dann zur zweiten Protagonistin im Tanz. 
Wir haben damals überhaupt keine Probleme gehabt, diese Ideen durchzusetzen, weil wir die Frauen viel besser behandelt haben auf der Tanzfläche, die Richtungsimpulse wurden sanfter gesetzt, sie haben ihre Achse nicht mehr verloren und konnten mehr Figuren tanzen. Der Erfolg des Tango de Salon, den diese Gruppe, mit der ich unterwegs war, eingeführt hat, ist auf die Frauen zurückzuführen, denn sie haben diese Art zu tanzen sofort angenommen.

Esther Die alten Tänzer haben sich dagegen gewehrt, den Tango weiter zu entwickeln, aber wenn eine einzige Frau nicht mehr so tanzen will, dann funktioniert es nicht mehr.

Debra Das habe ich von Esther gelernt, als Frau musst du nicht mit jedem Tänzer tanzen. Du darfst ablehnen.

Mingo Damals war das wie eine riesige Welle. Die Leute gingen gewohnheitsmäßig in ihre Clubs, dann hörten sie, diese Gruppe tanzt dort und dort und die Frauen sind dorthin gekommen. Erst kamen nur 20 Leute, aber das steigerte sich von Mal zu Mal. Dann haben sich die neuen Tänzer in bestimmten Clubs eingefunden und irgendwann hat sich der Stil einfach überall durchgesetzt. 
Als ich anfing zu tanzen, wurden Schritte und festgelegte Figuren getanzt. Wir jungen Leute haben es damals geschafft, mehr Offenheit in den Tanz zu bringen, ein System aufzustellen, nach dem alle Schritte miteinander kombiniert werden können. Es gibt heute keine standardisierten Formen im Tango, sondern er ist variabel wie eine Sprache. 
Wir haben diese Veränderungen an einem Punkt durchgeführt, an dem sich die Musik schon lange verändert hatte. Nur der Tanz war der gleiche geblieben. Die Musik hatte sich vom 2/4-Takt schon auf den 4/4-Takt verändert. Der Tanz hat länger gebraucht, um diese Veränderung mitzumachen. De Caro hat 1923 bereits die musikalische Transformation eingeläutet. Firpo war der einzige, der weiter im 2/4-Takt komponiert hat. Die Leute tanzten stoisch weiter 1-2, 1-2. Sie tanzten zwar nicht mehr im Rhythmus der Musik, aber sie machten weiter wie bisher.


Hat sich im Laufe dieser langen Zeit etwas an eurer Art zu tanzen verändert?

Mingo Der Tanz nicht, unsere Unterrichtsmethode hat sich weiterentwickelt, ist gereift.

Esther Mingo hat diese Methode entwickelt, um den Leuten ein Fundament zu geben, wie sie den Tanz von Grund auf strukturieren können. Wie ein Baukastensystem, man lernt die einzelnen Elemente und kann sie dann später zusammensetzen.

Esther Mit unserer Methode können alle tanzen. Es gibt begabtere Tänzer und weniger begabte, trotzdem lernen auch die weniger talentierten mit einfachen Bewegungen gut und richtig zu tanzen.

Werdet ihr immer weiter tanzen oder könnt ihr euch vorstellen, euch irgendwann zur Ruhe zu setzen?

Mingo Solange der Kopf noch wach ist, werden wir weitertanzen.

Esther Der Körper ist immer langsamer als die Gedanken. Das sagen wir auch immer in unseren Workshops, wartet, bis die Ideen in euren Füßen angekommen sind. Die Leute, die nur mit den Füßen lernen, wissen am nächsten Tag nichts mehr. Man muss mit dem Verstand tanzen. Deswegen können wir nicht sagen, wie lange wir noch tanzen und unterrichten werden. Wenn man nicht mehr klar im Kopf ist, dann sollte man es aber wohl besser lassen!

Zum Artikel über die Geburtstagsparty im Grünen Salon und den Auftritt von Esther und Mingo geht es hier...

Esther und Mingo Pugliese sind auch im Jahr 2006 noch in Europa unterwegs:

28.04.-01.05.2006 Mainz-Wiesbadener Frühlings-Tango im "El Tesoro"
03.07.-12.07.2006 Zürich
12.07.-16.07.2006 Tangofestival Sitges
08.09.-10.09.2006 Tangofestival Irland

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Ausgabe Mai 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)