Viele Posen, stolze Blicke
 

 

ilusión de tango - die neue Show von BerlinTango

Text: Sonja Walkiewicz
Fotos: Torsten Moebis

 

Am Samstag, den 25. März 2006, fand in der Akademie der Künste in Berlin die Premiere von ilusión de tango - Tango made in Berlin der Plattform BerlinTango statt. Laut Homepage hat sich BerlinTango, eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts, "dem ambitionierten Projekt zugewandt, eine erste eigene Berliner Tangoshow zu produzieren. Ilusión de tango. Sie soll einen Querschnitt der äußerst lebendigen Tangoszene zeigen." tangokultur.info war dabei, als sich sieben Berliner Tanzpaare und der Sänger Sergio Gobi zur Musik des Orchesters Sabor a Tango mit Special Guest Luis Stazo unter der künstlerischen Leitung von Debra Ferrari und der Regie von Carlos Medina auf der Bühne präsentierten.

Wie kann man sich nun die Show ilusión de tango - Tango made in Berlin vorstellen? Zuerst betreten die Musiker von Sabor a Tango die Bühne, dem einzigen Orquesta Típica in Deutschland, das aus der typischen Formation der klassischen argentinischen Tangoorchester der 30er- und 40er-Jahre besteht: Es spielen vier Bandoneons, vier Geigen, ein Kontrabass und ein Klavier. Es ist ein schöner, dynamischer Klang, der da durch die große Anzahl der Bandoneóns zustande kommt, und der das Herz und die Beine eines jeden Tangotänzers sofort im starken Rhythmus der Musik erzucken lässt! Gespielt werden überwiegend Klassiker der Tangogeschichte, zum Beispiel Stücke von Pugliese, Troilo, D'Arienzo oder Di Sarli. Eigene Kompositionen spielen hingegen kaum eine Rolle. So stammt lediglich eine einzige Milonga aus der Feder des musikalischen Leiters Peter Reil. Schließlich spielt in der zweiten Hälfte der Show der seit einiger Zeit in Berlin lebende und von seiner Mitarbeit im Sexteto Mayor bei der Broadwayshow Tango Pasión her weltberühmte Bandoneónist Luis Stazo mit. Er trägt derart zur Intensität des Orchesters bei, dass es bei dem Stück ,Loca' von Manuel Jovés zum übermütigen Applaus des Publikums kommt. Das Orchester, so könnte man sagen, haucht der Vorstellung von Anfang an eine Seele ein!

Was dem ersten Instrumentalstück folgt, ist eine Aneinanderreihung von Paartänzen, Gruppenchoreographien, Auftritten des Sängers Sergio Gobi sowie Schattenspielen auf der weißen Leinwand im Hintergrund, welche das wesentliche Element des ansonsten dezent gehaltenen Bühnenbildes darstellt. Die Schattenspiele scheinen die einzige Inszenierungsarbeit von Carlos Medina auszumachen, welcher fünf Wochen vor der Premiere anstelle des ursprünglich geplanten Regisseurs eingesprungen war. Denn die einzelnen Elemente der Show sind in keinerlei thematischer oder ästhetischer Weise miteinander verbunden, vielmehr spiegeln die einzelnen Paartänze den persönlichen Tanzstil eines jeden Paares wieder. In den Gruppenchoreographien wird brav synchron nebeneinander her getanzt und die Paarformation nie aufgegeben, allenfalls ist ein Partnerwechsel drin. Mit einer Kreativität, die sich auf den bloßen Tangopaartanz reduziert, erzeugt diese Inszenierung insgesamt den Eindruck eines Nummernprogramms. Schade eigentlich, wo doch die erklärte Einzigartigkeit von BerlinTango laut dem Pressegespräch zur Generalprobe gerade darin liegt, dass wirtschaftlich konkurrierende Berliner Tangolehrer ihre individuellen Interessen zugunsten eines gemeinsamen Projektes überschreiten!

Dennoch ist der Tanz der einzelnen Paare immer wieder schön anzuschauen, da sich jedes in seinem individuellen Tanzstil präsentiert und hierbei von der durch das Orchester geschaffenen intensiven Atmosphäre unterstützt wird: Während Suzan Unnewehr und Hans Zeiser sehr elegant tanzen, verkörpern Enrica Steden und Juan D. Lange einen sehr rhythmischen Tanzstil. Debra Ferrari und Emiliano Giménez setzen im Kampf gegen die Schwerkraft auf argentinische Leidenschaft, die Ballettänzerin Paulina van Bakel erstaunt mit Hilfe ihres Partners Michael Rühl durch graziöse Körperbeherrschung und schwebend wirkende Sprünge, und Judith Preuss und Constantin Rueger sind eines der wenigen Paare, die besonderen Wert auf Musikalität und gegenseitiges Nachspüren legen, mehr denn auf Showposen. Schließlich gibt es auch zwei Beispiele zu sehen, wie Tango in kleine, theatralische Geschichten eingebaut werden kann: Entnervt von der sie vernachlässigenden Art ihres Partners Karsten Waniorek, der nonchalant seine Zigarette raucht, ruft Anja Tress ihren Partner zur Besinnung und bewirkt eine liebevolle Umarmung. Etwas emanzipierter illustrieren Erica Freyer und Fernando Zapata den Geschlechterkampf, indem sie sich in komplizierten Drehungen und Hebungen durch wechselseitige Entwindung von Hut und Tablett gegenseitig an der Nase herumführen und dabei gleichzeitig verführen.

Insgesamt bleibt die Show dem Vorbild von argentinischen Tanzshows verhaftet. Nicht nur die klassische Kleidung - die Frauen tragen zum Beispiel schwarzglitzernde Fransenröcke und die Männer Anzüge mit Hosenträgern - auch die Schattenbilder zitieren argentinische Stereotypen.

So sind auf der Leinwand die Umrisse von koffertragenden Menschen in altmodischen langen Mänteln zu sehen, die durch hektisches Großstadtgewirr, taschentücherwinkenden Abschiedsszenen oder auch wehmütige Umarmungen auf poetische Weise an das Gefühl von der Heimatlosigkeit der argentinischen Einwanderer des letzten Jahrhunderts erinnern. Und der 2001 nach Deutschland ausgewanderte argentinische Sänger Sergio Gobi besingt schön und wehmütig die Sehnsucht nach der hinter sich gelassenen Heimat: "Mi Buenos Aires, quiero volver!"  

"Tango kann  man nicht verstehen, Tango ist ein Gefühl!", war im Pressegespräch auf die Frage nach der Transformation des Tango in den letzten 25 Jahren zu hören. Aber gerade dieses scheinbar urargentinische Tangogefühl, das ist doch sehr viel Leidenschaft, Schmerz, Trauer, Liebe, sexuelle Anziehung, Einsamkeit, und manchmal auch ein bisschen Leichtigkeit, nicht wahr? All dies spiegelt sich jedoch nur zum Teil in den Gesichtern und Körpern der Tänzer und in den wenigen theatralischen Bildern bei ilusión de tango. Stattdessen entsteht oft ein ,Showgefühl' mit vielen Posen, stolzen Blicken ins Publikum und belanglos wirkenden Schrittkombinationen, die mit Ausnahme von Erica und Fernando bei weitem nicht so virtuos wirken wie jene in der Tangoshow Tango Pasión, die vor einigen Jahren in Berlin gastierte. Der im Programmheft manifestierte Anspruch, "sieben in Berlin lebende und arbeitende Spitzen-Tangopaare" die Gelegenheit zu geben, auf der Bühne "virtuos mit den facettenreichen Ausdrucksformen des Tango" zu spielen und "einen Querschnitt der äußerst lebendigen Tangoszene" zu  zeigen, wird so nur teilweise verwirklicht.

Was macht denn eigentlich die Eigenart des Berliner Tango aus? Zum einen gibt es eine Vielfalt von Tanzstilen - wie den engen Milonguerostil, den offenen, modernen Stil, den weichen, hüftwackelnden Stil, das schnelle Milongatanzen - die in ilusión de tango in ihrer Gegensätzlichkeit kaum zur Geltung kommen. Zum anderen hat sich in Berlin eine Tangomusikkultur entwickelt, die nicht nur dem klassischen, argentinischen Tango Raum gibt, sondern auch dem russischen oder finnischen. Und auch auf non-tango-Musik von Lhasa oder Elektrotango von Gotan Project wird gerne getanzt. Tango in Berlin und auf der Bühne - da würde auch ein bisschen mehr theatraler Ausdruck und Erfindungsreichtum in den Bewegungen gut kommen. Vielleicht könnte man deutsche Tangotexte und neue Kompositionen schreiben, Elemente aus dem zeitgenössischen Tanz und anderen Tänzen mit einbauen, oder gar Tanz mit Poesie kombinieren? Vor allem aber liegt die große Attraktivität des Tango nicht nur in Berlin, sondern in allen europäischen Großstädten heute sicherlich darin begründet, dass eine starke Sehnsucht nach Liebe und körperlicher Zuneigung existiert, die im alltäglichen Leben aufgrund des zunehmenden Individualismus und der damit einhergehenden sozialen Bindungslosigkeit schwerer als früher zu verwirklichen ist. Aber habe ich etwas über die körperliche Nähe, die Euphorie, die Ersetzbarkeit und Einsamkeit, die da Teil des Berliner
(Tango-)Lebens sind, erfahren?

Es war schön, aber auch ein wenig belanglos. Es hat mich ein wenig an Tango erinnert.

Weitere Aufführungen: 1. und 2. April 2006 um 20 Uhr

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Ausgabe April 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)