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Die VII. Frankfurter Tangotage
Text: Michael Hasenpusch
Fotos: Maciej Rusinek
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Ballnacht
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Der Auftrag
Es klingelt, ich hebe ab, eine Freundin aus Berlin ist dran, lange nicht
gesehen. Sie tanzt viel Tango mittlerweile, schreibt auch darüber,
neben anderem, Romane und so. Wie es mir ginge und ob ich Lust hätte,
über die Tangotage in Frankfurt zu schreiben? Meine Tage als Journalist
sind längst vorbei. Ich mag Journalismus nicht mehr, ich will nicht
mehr Recherchieren und am Ende so tun, als wüsste ich was. Ich kann
auch nicht tanzen und schon gar keinen Tango. Das sind meine
Bedingungen, sage ich. Sagt sie, das ist OK. So werde ich zum
Rezensenten der Frankfurter Tangotage.
Die Stadt
Frankfurt ist eine Großstadt mit allem Zubehör. Trotzdem ist hier
irgendwie nie richtig Stimmung. Außer vielleicht, wenn Fußballer mit
der Oberbürgermeisterin auf dem Rathausbalkon stehen. An diesem
Wochenende aber ist das Fest der Nationen. In der Innenstadt bilden sich
kulturelle Inseln. Direkt in der Fußgängerzone wird Schweinerock
gespielt, in einer Seitentrasse dröhnen die Afrikaner, und zwei Straßen
weiter Richtung Main stehen die Argentinier. Dort gibt es Tango, aber
dazu später.
Die Schule
Mit 14 musste ich zum Tanzkurs. Abschlussball mit Samtsakko und
Oberlippenflaum. Meine Partnerin hätte lieber einen anderen gehabt. Ich
konnte sie auch nicht leiden. Mit 37 ging ich freiwillig zum "Single-
und Berufstätigen-Tanzkurs". Tanzte jeden Abend mit 10 verschiedenen
Frauen, mit einer hölzernen Engländerin, einer prallen Polin und einer
jungen Chinesin. Sie roch ein bisschen nach Asia Imbiss, aber unser
Wiener Walzer war ein Traum. Tango gab es da nicht. Fünf Jahre später,
bei den Tangotagen, bin ich erstmals wieder in einer Tanzschule: die
Academia de Tango. In der Nähe: die Bankakademie, Saatchi
& Saatchi und der Puff. Frankfurt in einem Satz. Der Kurs läuft
schon, 15 Paare auf der Tanzfläche, keine Anfänger, sondern
Mittelstufe und Fortgeschrittene.
Die Lehrer
Diego und Mecha, die Tangolehrer, schauen zu. Dann enden die Musik und
das schlurfende Geräusch der Schuhe.
| Diego tritt vor, groß, Backenbart, lange Mähne zum
Zopf, alle zwei Finger ein dicker Silberring. Über ihn sagt meine
Begleiterin später: eine "Maschine". Was immer sie
damit meint. |

Diego
und Mecha |
In verständlichem Nichtdeutsch und mit fließenden Bewegungen erklärt
er, wie man es richtig macht. Dass die Frau sich frei bewegt während
der Mann die Akzente setzt, dass er nach vorne geht und sie federnd nach
hinten ausweicht, dass der Mann mit "Pfuiiit", so lautmalt
Diego die Bewegung nach, das Tanzbein wechselt und dass bei all dem der
Körper immer auf gleicher Höhe bleibt. Die Lehrer machen es vor,
harmonisch, fließend, ernsthaft, aber nicht verbissen, kurz: toll
anzuschauen. Die Adepten machen es nach. Es reibt, es schiebt, es
krampft, die Augen helfen den Füßen, die Gedanken überholen rechts
den Körper. Es ist mehr Kampf als Spiel. Wer spielen will, muss vorher
können.
Der Mann
Zeit für ein paar Betrachtungen über den tanzenden Mann. Seine hiesige
Ausgabe hält den Tango offenbar für etwas wie den Besuch beim nächsten
Garten-Center: Karierte Hemden, schlecht sitzende Pullover, ein
Mobiltelefon am Gürtel, ein dicker Geldbeutel in der Hecktasche, der
die schlecht sitzende helle Baumwollhose ausbeult und auch noch am Gürtel
angekettet ist. Der Mann wahrt Haltung und wirkt dabei steif. Der Mann
soll das Spiel der Geschlechter spielen. Das Finale ist aber längst
vorbei. Gab es da eigentlich einen Sieger? Tango ist eine ernste
Angelegenheit. Der Mann bemüht sich sichtlich. So steht es dann im
Zeugnis.
Die Frau
Sie scheint sich eher an alte Rollen zu erinnern, an das, was dazu gehörte,
das Spiel zu spielen. Hier curly hair, bauchfrei mit perfekt
modelliertem Jeans-Hintern. Dort strenger Pferdeschwanz, ein stofflich
hingehauchter Netzpullover, sehr figurbetont, der, schon fast Kleid, bis
zu den Schenkeln reicht. Da eine enge, aber nicht zu enge schwarze
Stoffhose, passendes Top, freizügig, aber nicht frivol. Besser getanzt
wird auch nicht, aber man weiß offenbar, welche Arbeitskleidung sich
gehört. Dress to impress, es lockt das Weib, aber ist eigentlich noch
jemand da, der zuhört?
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Fabiana
und Julio |
Die Mutigen, die Schlimmen & der Unorthodoxe
In der Töngessgasse, mitten in der Stadt, ein paar Stände, Musik
und eine Tanzfläche aus pfiffig auf dem Asphalt verlegtem Laminat.
Heute regnet es in Argentinien. Menschen mit Tüten in der Hand,
Parkscheinen im Hemd und Einkaufszetteln im Kopf schieben sich
vorbei. Manche bleiben stehen und schauen. Mutige Paare tanzen auf
rutschigem Untergrund. |
Viele waren morgens schon im Workshop. Wer's ein bisschen kann, kann
sogar dabei lächeln. Es ist ein seltener Anblick. Wie bei aller Kunst,
geht's auch beim Tango um die Nuancen. Es fällt auf, wenn das Bein zu
affektiert schlenkert. Lehnt sie sich zu sehr nach vorne, wirkt es
seltsam. Bei manchen, die sich allzu hingebungsvoll um Hingabe bemühen,
will der Kopf sich fast abwenden. Fremdschämen nennt man das. Gesellt
sich aber zum Mittleren oder dem Fortgeschrittenen eine Könnerin,
wirkt's Wunder. Plötzlich wirbelt der Unorthodoxe über den Platz: in
mittleren Jahren ergraut, Nadelstreifenhose, Turnschuhe. Er führt stark
und arbeitet ungestüm mit den Beinen. Ganz gegen die Theorie setzt er
keinen Akzent: Er ist der Akzent. Das bringt die Könnerin fast draus.
Macht der sich lustig? Es ist aber erfrischend anders. Gegen Abend wird
nicht mehr getanzt. Stadtflüchtlinge gehen achtlos übers Laminat. Fast
möchte man sie verscheuchen.
Die Milonga
Im Bornheimer Bürgerhaus geht um etwa 1 Uhr morgens die Milonga in die
letzte Runde. Die Atmosphäre stimmt. Schön gedeckte Tische im
Halbkreis um die Tanzfläche, gedämpftes Licht, exzellentes Orchester,
schöne Frauen und tapfere Männer. Wieder bekannte Gesichter vom morgen
und vom Fest in der Stadt. Die Tango-Community scheint überschaubar,
nach einem Tag kennt man sich. Meist sind es Paare. Für das Spiel ist
wieder kein Platz. Die Geschichte von den Männern hier und den Frauen
dort, dem Locken, dem Augenzwinkern, dem Verheißen über die Tanzfläche
hinweg und dem Abschied nach jedem Tanz bleibt Reiseführerlatein.
Der Schluss
Mein Tangotag geht zu Ende. Es bleiben Fragen, keine rhetorischen,
sondern echte und eine versöhnliche Erkenntnis. Erst die Fragen: Wie
lange muss man wohl üben, bis der Tango gut ausschaut? Es sieht nach
Jahren aus. Trägt die musikalische Monokultur tatsächlich einen Ball
lang? Oder träumen die Tanzenden zwischendrin von Walzer? Macht
Tangotanzen eigentlich wirklich Spaß? Die Tanzenden schauen so fürchterlich
ernst drein. Und jetzt die Erkenntnis: wird Tango von Könnern getanzt,
sieht er wirklich wundervoll aus, leicht, fließend und erotisch.
Parallel findet an Pfingsten traditionell auch das Berliner
Tangofestival statt. Die Frankfurter Tangotage unterscheiden
sich jedoch im Profil von der Berliner Veranstaltung. Während das
Berliner Festival sehr international angelegt ist und viele Besucher aus
ganz Europa anreisen, legen die Frankfurter viel Wert auf Familiarität
und Gemütlichkeit. Die Größe des Festivals ist alle 2 Jahre
unterschiedlich: 2006 war die Ausrichtung etwas kleiner, im kommenden
Jahr, 2007 soll es wieder ein Feuerwerk an Veranstaltungen geben. Mehr Informationen über die Frankfurter Tangotage gibt's
hier...
Informationen über den Fotografen Maciej Rusinek findet man hier...
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Ausgabe Juli 2006
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