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Buenos Aires Express am Inneren Nordbahnhof in Stuttgart
Text und Fotos: Robert Schmitz-Niehaus
Mehr zufällig strandete ich Anfang Oktober auf der "Fusion
Night"-Milonga im ocho. Was ich da dann geboten bekam, überzeugte
mich sofort davon, das anstehende Festival vom 07.-10.12.2006 zu
besuchen.
Das Festival begann am Donnerstag mit der obligaten "Fusion
Night" – den ganzen Abend wurde Nuevo-, Elektro- und tanzbarer
Non-Tango gespielt. Der Name war Programm: starke und treibende Rhythmen
brachten das Publikum auf Trab, alle hatten schwungvoll lockere Beine
und Platz war noch reichlich – perfekte Bedingungen, alle Spaßfaktoren
vorhanden, was für ein fulminanter Auftakt!
Ich fühlte mich wie eine Dampfmaschine unter Volldampf: Die Heizer schürten
kräftig ein, alle Lager waren bestens geölt, der Service im
Buenos-Aires-Express funktionierte perfekt und die Fahrgäste waren
allesamt von erlauchter Herkunft, um diese Reise entsprechend genießen
zu können und ein Erlebnis daraus zu machen! Vera Lempertz &
Leonardo Anastassiades haben hier ein neues Milonga- und
Unterrichtskonzept entwickelt und umgesetzt, das Früchte trägt, Berlin
des Südens! Fauchend, pfeifend und (Tanzsohlen-) Qualm verbreitend,
setzte sich der Zug in Bewegung, und es ging ab auf die Tour ins
Wochenende.
Gesellig und gemütlich ging es zu in den seit dem 1. Mai mit einer
Mega-Milonga von 500 Tangueros/as neu eröffneten Räumen. Das Credo von
Vera und Leonardo ist, eine legere und kommunikative Stätte der
(Tango-) Begegnung zur offerieren. Der Ursprung der Idee zum
Schnee-Ball-Festival kommt aus der Zusammenarbeit mit Sybilla Mühleisen
– der Initiatorin von "Dance and Travel" – die jedes Jahr
mehrere Tangoreisen mit ausgewählten Tangolehrerpaaren aus Argentinien,
Italien und Deutschland anbietet. Es sollte ein Forum für alle
ehemaligen Reiseteilnehmer geschaffen werden, um sich in heimischen
Gefilden wieder zu sehen.
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Dem entsprechend waren auch die Künstler des Festivals alles
Lehrerpaare, die bei "dance and travel" dieses Jahr mit auf
Reisen waren: Solange & Gonzalo, Patricia & Matteo, Judita &
Enrique sowie natürlich Vera & Leonardo. Das funktionierte
hervorragend, das Publikum war weit gereist, das Niveau toll.
Freitagnacht war Buenos Aires-Night und natürlich mit tollen
Showeinlagen. Judita und Enrique präsentierten Tango de Salon in
Vollendung, eine Augenweide an Geschmeidigkeit und Harmonie.
Vera und Leonardo waren konzeptioneller unterwegs, einer getanzten
dramatischen Szene vergleichbar. Im Stück "Este es el Rey" maßen
sich zwei Musketiere im Duell. Die Gegner gleichwertig, souverän,
ausgestattet mit besonderen Charakterzügen für eine spannende Show: Präzision,
Schnelligkeit, Eleganz, Geschicklichkeit, Leidenschaft, Stolz,
Temperament. Danach, als Kontrast, das Stück "El choclo" in
der Version "Kiss of Fire" von Louis Armstrong. "Erzählt"
wird die Situation am frühen Morgen, zwischen Suchen und Wollen, sich
aber jenseits der Zurechnungsfähigkeit befindend. Das Spiel nahm
gefangen und ließ mich selbst als Zuschauer das ganze Emotionsspektrum
durchleben.

Vera und Leonardo
Am Samstag war dann der große Tag: "Schnee"-Ball in den
Wagenhallen, im hinteren Teil des Gebäudekomplexes "Innerer
Nordbahnhof". Eine große, ca. 400 m² große Halle, in welcher des
öfteren Veranstaltungen abgehalten werden. Muzicalizadora:
Gisela, machte mächtige Musik mit ganz großer Anlage, vorbei die
Zeiten scheppernd winselnder Tangomusica, hier tanzte der Bär traspie,
mit Volldampf bis früh um fünf. Die Stimmung war so gut das selbst
alle Gastlehrer bis ganz zum Schluss blieben.
Wie zu jedem guten und ordentlichen Ball gehörten auch in Stuttgart
Showeinlagen zum Programm. Allerdings: Beileibe nicht das was Tanguero/a
vermutet: Eröffnet wurde der Reigen um Mitternacht mit dem – etwas
morbiden – Film "MOOS"
von Saa und Anne, der die Mumifizierten zum Tanz der Toten auf dem
Friedhof auferstehen lässt, mit sehr viel Ausdruck und Gefühl, das
keinen Zweifel daran ließ, wofür es sich wieder aus der Gruft zu
kommen lohnt: TANGO!
Gefolgt wurde dieser von einer wahrhaft feurigen Show: die
Feuerakrobaten kamen – Saa und Michael (die sonst auch noch als
lebende Skulpturen verschiedenster Phänotypen auftreten) und
verzauberten das Publikum. Während der Rauch der heißen Show sich
setzte, und das Feuer noch in den Augen der Gäste schimmerte, startete
das Tanzspektakel mit der "heiß brennenden" Nummer
"Fever" von Elvis, getanzt von Vera & Leonardo.
Die angereisten Lehrerpaare betanzten und übergaben nun das Parkett
eines an den anderen: Zunächst Patricia und Matteo aus Florenz zeigten
eine Milonga, bei der die Freude und Leichtigkeit des Paares auf das
Publikum übergriffen, gefolgt von einem traditionellen Tango, der mit
der einen oder anderen sportlichen Einlage wie feurigen Boleos oder
eleganten Hebefiguren überraschte. Judita und Enrique interpretierten
anschließend gekonnt Milonga Traspie und reizten die unterschiedlichen
Rhythmen und Akzente der Musik aus.
Solange & Gonzalo zeigten einen originellen, sehr individuellen
Stil, eine Mischung aus Schauspiel, Pantomime und Tanz die im ersten Stück
"Time" vergessen ließen, dass die Musik mehr als 6 Minuten
dauert. Ihre Interpretation eines Vals aus dem Soundtrack
"Amelie": verträumt, verspielt, weckte die Sinne und Gefühle.
Den Abschluss machten die Hausherren Vera und Leonardo: eskortiert von
Schneegeistern auf Stelzen (Saa & Michael), Winterwind-Geräuschen
und Nebelmaschine, zelebrierten sie Winterimpressionen. Hier blieb kein
Auge trocken und trotz der gerufenen winterlichen Geister glühten die
Wangen der Betrachter vor Aufregung...

v. l.: Vera, Leonardo, Judita, Enrique, Sybilla, Solange,
Gonzalo, Patricia, Matteo
Sonntag morgen fand dann noch ein Tangobrunch statt, sowie letzte
Workshops bis zum späten Nachmittag. Was für ein gelungenes Festival!!
Für nächstes Jahr habe ich schon fest gebucht – und dann ist auch
Live-Musik versprochen worden. Noch größere Räumlichkeiten sind gar
kein Problem: Zwischen OCHO
und dem diesmal genutzten Raum sind noch ca.12.000 m² Platz zum
erweitern der Tanzfläche, und Platz zum Tanzen ist Vera & Leonardo
ganz wichtig, telefonzellenmäßiger Sardinenbüchsentango adé, Platz für
neue Ideen!
Im Namen sicherlich aller Besucher dieser tollen Tage sage ich ganz
herzlich DANKE an das
gesamte Team mit und hinter Sybilla, Vera und Leonardo. Alle freuen sich
schon auf das Festival Anfang Dezember 2007 sowie auf die noch größere
Besucherzahl aus Nah und Fern beim Tangostern der südlichen Republik.
Weitere Informationen hier... und
hier...
Der Film "Moos" (8 min) ist als DVD
auch über das ocho zu
beziehen.
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Ausgabe Februar 2007
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