| |
Das IX. Internationale Tangofestival Amsterdam "Tangomagia"

Muziekgebouw
Foto: Peter van Breugel
Text: Robert Schmitz-Niehaus
Fotos: Peter van Breugel
Es hat mich schon lange mal gereizt, den Tango in der Stadt der Grachten
zu erkunden und die Zeit zwischen den Jahren (27.-30.12.06) bot
sich perfekt dafür an. Das Workshop-Angebot las sich sehr spannend,
sowohl was die Namen als auch die Themen anging. Diese fanden allesamt
im Theater "CREA" im alten Zentrum Amsterdams statt. Es gab
separate Garderoben, die während der Kurse verschlossen wurden –
vorbildlich! Der Einfachheit halber buchte ich mich nach der
problemlosen On-Line-Registrierung für die Events im empfohlenen Hotel
Arena ein, in welchem auch der kostenlose Kaffeetango stattfindet. Es
ist einfach angenehm, am Veranstaltungsort zu schlafen und es ist mehr
Zeit und Gelegenheit, mit den Globetrottern Kontakte zu knüpfen.
Das Arena Hotel ist ein altes, umgebautes Kloster. Es ist eine
gelungene Mischung aus Tradition und Moderne, wie es vor allem die Holländer
zu kreieren zu verstehen. Die ersten zwei Milongas fanden im so
genannten "Kapellsaal und Gartensaal" statt, der ehemaligen
Kirche des Klosters. Dieser Raum hat eine tolle Atmosphäre: sehr hoch,
mit Galerie, bester Klimatisierung, aber leider stark schüsselnden
Bodendielen und warm beleuchtetem Heiligenbild in der Kuppel der Krypta.

Foto: PvB
Mittwoch Abend begann die Milonga wie üblich um 22.00 Uhr mit DJ Robin
Thomas aus New York. Laut Auskunft des Veranstalters Zandunga
Tangoproductions waren 1100 Gäste aus der ganzen Welt registriert. Die
Karawane der tangoreisenden Junkies trifft sich wieder. Zu den ersten
zwei Milongas kamen je 350 Personen. Entsprechend voll – zu voll –
war es an diesem wie auch dem zweiten Abend auf der Haupttanzfläche,
aber dabei kultiviert. Gott sei Dank gab es noch die Nebentanzflächen
im anschließenden Raum, wie auch die Fläche vor der Galerie, von der
sich auch die Performances gut beobachten ließen. Hierzu gab es eine
regelrechte Festivaldramaturgie: Am ersten Abend tanzten alle
Lehrerpaare gemeinsam vor, sowie Evelyn Rivera & Esteban Cortes aus
Uruguay allein. Am zweiten Abend dann Rubén & Sabrina Véliz
sowie zwei Publikumspaare, Selim & Melin aus der Türkei und
Bernhard & Veronica , Deutschland/Holland.
Meine bisherige Festivalerfahrung – der dritte Abend ist meist der
Beste – bestätigte sich auch hier wieder, allerdings unter deutlich
veränderten Vorzeichen. Der dritte Abend fand in der Amsterdamer
Konzerthalle "Muziekgebouw aan het IJ" statt. Ein
ultramodernes Gebäude mit ganz viel Licht und Raum, am Amsterdamer Überseehafen
gelegen mit entsprechendem Panorama. Vor eben dieser Kulisse eröffneten
Marijke de Vries und Ignacio Gonzales den Abend mit ansprechendem Tanz,
inoffiziell in der Zuschauerarena des Foyers.
Im großen Saal wurde die Veranstaltung von Peter Wybenga , dem
Verantwortlichen für das Jahresmotto "Amsterdam Feel the Rythm,
Music & Dance" der Stadt Amsterdam für das Jahr 2007 eröffnet,
das dem diesjährigen "Rembrandt-Jahr" folgt. Die von TV-Teams
gemachten Aufnahmen flimmerten bereits über zwei Fernsehkanäle, gute
PR-Arbeit schafft eben Aufmerksamkeit. Zunächst gab das "Orquesta
Típica Silencio" – anstatt der angekündigten "Color
Tango", eine Begründung für den Austausch war seitens des
Veranstalters nicht zu erfahren – ein wunderschönes Konzert. Der große
Saal mit hervorragender Akustik und modernster Bühnentechnik wurde vom
"Orquesta Típica Silencio" wunderschön bespielt. Schade,
dass der Soundmaster die elektronischen Stützen während der Stücke
stark manipulierte; es kann eigentlich nicht sein, dass das ausklingende
tiefe C des Piano fast so laut ist wie das Fortissimo des ganzen
Ensembles. Dies wäre ja noch verständlich vor dem Hintergrund, allen
Zuhörern das ausklingende tiefe C zugänglich zu machen, aber dass bei
Stücken mit Gesang die Streicher fast weg waren kann sollte nicht
passieren. Schade, ein solcher Imperfektionismus an perfekter Stätte.
Nun kam der Showteil des Abends: Sebastian Arce & Mariana Montes aus
Buenos Aires. Tango Nuevo vom Allerfeinsten: Gespickt mit piernazos
und sostenidas ("Festhalten"), volcadas und colgadas
boten sie eine atemberaubende Show und der frenetische Beifall
produzierte 3 Zugaben. Damit aber nicht genug – die letzte Zugabe
wurde die Vorstellung des achtbeinigen Tieres. War meine bisherige
Tangodimension auf das Paar beschränkt, wurde ich jetzt eines besseren
belehrt und mein Horizont um einen weiteren bereichert.

Foto: PvB
Plötzlich betraten – oder besser: beschlichen panthergleich Chicho
Frumboli und Lucia Mazer auch das Parkett. Was nun folgte, entzog sich
meiner bisherigen Vorstellung! Was die Vier hier an Bildern auf das
Parkett zauberten, war einfach genial. Am faszinierendsten aber, dass
sie zu viert als Einheit, als Quartett, wie ein Organismus, tanzten.
Alle vier hatten ständig Körperkontakt, tanzten mit Anlehnung
mehrdimensional. Das muss man gesehen haben, es lässt sich nicht in
Worte fassen, allein der Versuch wäre geradezu anmaßend. Dieser
Schlusspunkt kam mir gleichsam vor wie Gleichstellung oder Krönung der
Jugend: Die Ikone Chicho manifestiert öffentlich – und nicht nur
verbal – seine Anerkennung und Respekt, krönt und würdigt Sebastians
& Marianas Tanz mit dieser gemeinsamen Sahnehauben-Performance.
Der letzte Abend im "De Duif", einer monumentalen Kathedrale
mit Live-Musik vom "Quinteto Zarate" (hier gab es nur einfache
Bühnentechnik und prompt war alles stimmig) und Show von Chicho &
Lucia war ein perfekter Schlusspunkt für ein tolles, wenn auch nicht
eben preiswertes Festival. Unabhängig von dem sicherlich anderen
Preisniveau Amsterdams ist eine Milonga mit DJ für 26 Euro grenzwertig.
Wie überall lässt sich organisatorisch etwas verbessern und ich will
hier nicht nach dem berühmten Haar suchen, nichts liegt mir ferner. Die
Veranstalter haben einen super Job gemacht, aber es ist doch ärgerlich,
wenn bei der Registrierung zur Aushändigung der Tickets trotz
Internetbuchung und Vorkasse so viel Zeit gebraucht wird, dass einige
Teilnehmer ihren Kurs verpassen... Zukünftige Besucher sollten
mindestens eine Stunde früher da sein, um Stress zu vermeiden. Und weil
es bis zum nächsten Jahresende ja noch so lange hin ist, hat sich
Zandunga Tangoproductions entschlossen, auch ein Sommerfestival
aufzulegen, im Grünen, botanischer Garten und Tropenmuseum (Museum of
the Tropics), sicherlich sehr stimmungsvoll ... bis dann!!
http://www.tangomagia.com/
Möchten Sie einen Leserbrief zu diesem Artikel
schreiben?
Email an: Leserbriefe@tangokultur.info
Ausgabe Februar 2007
|