"They should feel comfortable!"
 
Ein Langzeit-Workshop mit Matias Facio in Berlin

Text und Fotos: Kerstin Tomiak

Charlottenburg in Berlin ist Tango-unerschlossenes Gebiet. Viel findet hier nicht statt, sieht man von der Montags-Milonga im Far out, einer Diskothek am Lehniner Platz mal ab. Den Tangotänzer (natürlich auch die Tangotänzerin) zieht es mehr nach Mitte oder Prenzlauer Berg, Kreuzberg ist ebenfalls noch potenzielles Ziel. Charlottenburg? Da zuckt man die Schultern. Eher nicht nach Charlottenburg. 

Ein klitzekleines Lädchen aber bricht auch hier, im tiefsten West-Berlin, mutig die Lanze für den Tango, die Rede ist, natürlich, vom Nou Berlin. Ein Hinterhof in der Zillestraße ist das Domizil des Nou und hier, unweit der Einkaufsmeile der Wilmersdorfer Straße, findet dann tatsächlich eines der Workshop-Highlights des Sommers statt.
Die Idee ist ungewöhnlich. Dieser Workshop nämlich heißt: Sommer-Intensiv-Workshop. Einen Monat lang gibt Matias Facio im August Unterricht, assistiert von Claudia Rogowski. Zwei Termine pro Woche sind angesetzt. Claudia lächelt ebenso wie Matias Facio, der Gastlehrer aus Buenos Aires.

Matias Facio und Claudia Rogowski

Ungewöhnlich mag sie gewesen sein, die Idee, aber nichtsdestotrotz erfolgreich. Workshops, das sind normalerweise Stippvisiten durchreisender Tango-Koryphäen - oder was man so dafür hält. Da steht man dann an einem oder auch zwei Tagen, wird korrigiert und schaut vielleicht auch leicht frustriert, was die so alles können. Und man selbst eben nicht. Ein Lehrer-Schüler-Verhältnis entsteht so nicht, kann es ja auch gar nicht.

Workshop, das bedeutet eben normalerweise: kurz mal reingeschnuppert. Einen anderen Stil, eine andere Art zu tanzen und zu lehren erfahren. Wenn man Glück hat, bringt es einem etwas, wenn man Pech hat, nicht - sei es, dass man mit dem angebotenen Thema dann doch nichts anfangen kann, oder dass das Niveau der Gruppe, die ja nicht homogen ist, zu weit vom eigenen entfernt ist, in welche Richtung auch immer. Matias selbst mag diese -ungewöhnliche - längere Arbeit mit einer Gruppe. Man kann, sagt er, die Ergebnisse sehen. Und man kann - als Teilnehmer - konkret mehr an "Ergebnis" haben, nach dieser längeren Zeit. Im Nou ist eben gerade manches anders. 

Auch das, zum Beispiel, ist überrascht angenehm: Da wird Matias Facio eher bescheiden als "Nachwuchstänzer" angekündigt und er sagt es auch selbst von sich: Nein, einer von den ganz Großen sei er noch nicht. Ungewöhnlich in einer Szene, die normalerweise das Showing-off als Lebensinhalt betreibt. Und eine Liste der bisherigen Arbeiten von Matias liest sich denn doch recht beeindruckend: Lehrertätigkeit bei diversen Festivals, darunter das Festival Buenos Aires Tango, Touren in den USA, Irland, Hongkong, Kopenhagen und Berlin, Choreographiearbeit und diverse Shows in Buenos Aires. Vielleicht hat er tatsächlich den seligen Tangohimmel noch nicht so ganz erreicht. Dafür hat Matias Facio etwas, was man dann doch nicht so oft in dieser Deutlichkeit bei Workshop-Lehrern findet: Die offensichtliche Freude am Tanz UND am Lehren.

Auf acht Paare ist jeder Termin beschränkt. Viele haben das ganze Paket gebucht, kommen tatsächlich den ganzen Workshop-Monat lang, andere kommen nur zu einigen Terminen. Über mangelndes Interesse mussten sich die Nou-Betreiber nicht beklagen. 
Begonnen wird mit Körperarbeit, dann geht es ins jeweilige Thema der Stunde. "Ja", sagt Matias, "die einzelnen Lektionen bauen aufeinander auf. Wir haben eine generelle Idee, wo wir am Ende dieser Arbeit sein wollen." Und das ist eben genau das: Die Workshop-Teilnehmer sollen sich gut fühlen. Beim Workshop, klar, aber anschließend eben auch beim Tanzen. 

Da geht es denn in den einzelnen Stunden um Haltung, Rhythmus, Musikinterpretation und natürlich auch um Figuren - aber dabei mehr um die Frage: Wie führe ich tatsächlich eine bestimmte Figur? Wie gebe ich den entsprechenden Schwung und wie nehme ich - als Folgende - diesen Schwung auf? Das Hauptthema seiner Arbeit mit der Gruppe lässt sich wohl am ehesten so beschreiben: Da reagieren zwei Körper aufeinander. Die Betonung liegt auf "aufeinander". Kein simples Abtanzen möglichst akrobatischer Figuren in möglichst hoher Geschwindigkeit ist hier gefragt. Sein Hauptcredo ist dieses Einfache: "They should feel comfortable."

Sich gut fühlen im Tanz mit den eigenen Bewegungen und mit denen des anderen, daran arbeitet er und er tut es mit Erfolg und mit Begeisterung. Da ist kein Schüler, auch nicht zwei Tänzerinnen ohne Tanzpartner, der nicht von ihm besonders beachtet wird. Seine Arbeit mit den Teilnehmern ist bemerkenswert, jeder kann sich im Zentrum seiner Konzentration fühlen, jeder kann etwas mitnehmen. Phasen des Tanzens, bei denen Matias und Claudia zusehen und sich Anregungen für die weitere Arbeit suchen, wechseln mit Phasen des intensiven Korrigierens. Zum Ende der zwei Stunden gibt es wohl keinen Schüler und keine Schülerin, mit der Matias nicht selbst getanzt hat, der oder die nicht selbst eine ganz direkte Erklärung von ihm bekommen haben. 

Matias gibt 100 Prozent. Und er tut es mit nie nachlassender Begeisterung: Als Peter ihn in einen Boleo führt und Matias Bein fliegt, da schallt sein begeistertes: "Oh, very good!" deutlich hörbar durch den Raum.

Es ist ein beeindruckender Workshop und ein beeindruckendes Erlebnis. Und man sieht das Lächeln auf den Gesichtern der Teilnehmer, als der Tag beendet ist. Natürlich wird die Möglichkeit, einen einmonatigen Workshop anzubieten immer von den Kapazitäten der jeweiligen Schule und der Zeit des Gastlehrers abhängen. Aber das Nou, scheint es, ist mit diesem Prinzip auf einem guten Weg. Und es bleibt zu hoffen, dass Matias Facio wieder in Deutschland arbeiten wird - gern auch für längere Zeit.


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Tangofilm 1 mit Matias Facio: mehr...
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Ausgabe September 2005


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)