Wer rastet, der rostet
 


Esther und Mingo Pugliese tanzen um die Welt.

Text: Elke Koepping
Fotos: Moebis & Koepping

Traditionell einer der schönsten Tango-Bälle in Berlin - jenseits der Ballsaison im Dezember - ist für mich, seit ich tanzen kann, die jährliche Geburtstagsfeier im Grünen Salon. 

Sternfoyer   Foto: Torsten Moebis

1995 kamen Debra Ferrari und Emiliano Gimenez eher zufällig nach Berlin, verliebten sich in die Stadt und blieben. 1996 fanden sie ihr neues Tango-Zuhause in diesem punkigen Kasten, der Volksbühne, in der in den 90ern irgendwie alles Spaß machte. Ihnen machte der Tango Spaß und soweit ich das beurteilen kann, scheint das auch ihren Schülern und Milonga-Besuchern so gegangen zu sein, denn als ich 1997 anfing, Tango zu tanzen, brummte der Laden schon. Wer etwas auf sich hielt, in der Berliner Tango-Szene, schlug donnerstags im Grünen Salon auf, auch wenn man die Nacht zuvor schon bis in die Puppen das in rot gehaltene Pendant auf der anderen Seite des Theaters heimgesucht hatte.

Die beiden (damals noch ganz schön jung) waren wohl so ziemlich das erste argentinische Tanzpaar von Weltformat, das auf einmal in Berlin gelandet war und sprachen so gut wie gar kein Deutsch - ihre "Schritte der Woche", die sie regelmäßig vor Mitternacht für die Salonbesucher vorführten, wurden von dolmetschenden Freunden begleitet und führten bei mir eigentlich Woche für Woche dazu, dass ich beschloss, spontan das Handtuch zu werfen, denn 'so', wusste ich, würde ich niemals tanzen lernen. Abgesehen davon, dass ich mich fragte, wer von den Anwesenden überhaupt in der Lage war, das nachzutanzen, was die beiden vorgeführt hatten.

Sicher, früher gehörte für mich der Milonga-Donnerstag bei Debra und Emiliano nahezu zum wöchentlichen "Muss", auch wenn ich nie zu ihren Duz-Freunden gehörte, denn Stunden habe ich, ich weiß gar nicht warum, noch nie bei ihnen genommen. Nein, weil ich die elegante Salon-Atmosphäre schätzte, das Niveau der Tänzer, weil meine Freundin auch da war und aus anderen privaten Gründen - fassen wir diese mal etwas unverfänglich unter "schöne Erinnerung an alte Zeiten" zusammen. Immer wieder verließ ich aus beruflichen Gründen in dieser Zeit Berlin für einige Monate, der Salon veränderte sich, das Publikum wechselte, die alten Gesichter waren nicht mehr so häufig zu sehen. Debra und Emiliano wurden zweifache Eltern (Himmel, wie die Zeit vergeht!), im Salon ließen sich auf einmal nur noch Frischlinge und Besucher aus Castrop-Rauxel blicken. Irgendwie war alles nicht mehr so wie früher - und besagte "schöne Erinnerungen" leider schon Geschichte.

Trotzdem: zweimal im Jahr werden in dem lauschigen Jugendstil-Salon mit dem etwas reparaturbedürftigen Parkett die Türen zur Volksbühne hin aufgetan, und die Milonga verwandelt sich in eine rauschende Ballnacht, in der auf einmal alles möglich ist. Im Dezember, vor Weihnachten, ist die Party internationaler, man hat das Gefühl, dass man auf einmal gar nicht mehr sicher sein kann, ob der Tänzer, dem man eine Bemerkung zuwirft, nicht antwortet, weil er sie nicht gehört hat oder weil er kein Deutsch versteht. Im April trifft man all die alten Gesichter, die übers Jahr gesehen nur gelegentlich mal hier, mal dort aus einer anonymen Milonga-Menge aufblitzen. Auf einmal sind sie wieder versammelt, so als wären sie eigentlich nie weg gewesen. Man wirft sich so richtig in Schale für diese Party, die Stimmung ist gelöst, die Tänzer(innen) offener als sonst und keiner weiß eigentlich so recht warum, denn zur Hauptzeit ist der Salon alles andere als gemütlich.

Bis zum Ende der Theatervorstellung in der Volksbühne quetschen sich Hunderte von Menschen schwitzend in den Salon, ebenso viele stehen mit Sicherheit noch an der improvisierten Garderobe vor den Toiletten an. Getränkewünsche brauchen ewig bis zu ihrer Erfüllung und tanzen kann eigentlich sowieso niemand mehr so richtig. Dann gehen die Türen auf, man flaniert ins Sternfoyer und wieder zurück, weil einem der polierte Marmorboden dort dann doch wieder zu glatt ist und überhaupt ist da alles so unübersichtlich, dass frau eh nicht von einem Tänzer aufgefordert wird. Dann verbringt man zehn Minuten im Salon, nur um festzustellen, dass die Luft unerträglich und die Musik zu laut ist, so dass man wieder zurück pilgert und mit einem Passanten 3 Tangos tanzt, bei denen man sich garantiert einmal beinahe auf die Fresse legt, weil man mal wieder vergessen hat, wie glatt der Marmorboden ist und die ganz hohen Schuhe anhat. So vergeht die Zeit bis nachts um 2.00 irgendwie im Schneckentempo und doch auch wieder rasend schnell. Bis man vor Müdigkeit und vibrierender Ungeduld, weil die gute Tanzrunde immer noch nicht dabei war, eigentlich schon gar nicht mehr so richtig will. Und trotzdem bleibt man noch, denn es könnte ja noch...

Und dann passiert es auch. Regelmäßig. Jahr für Jahr. Ich habe von dieser Regel noch nie eine Ausnahme erlebt. Der Salon hat sich irgendwann geleert, ohne dass man das eigentlich bemerkt hat, und man tanzt und tanzt und hört nicht mehr auf, bis die Kellner ungeduldig mit den Füßen scharren und man das Gefühl hat, hinter den schweren Vorhängen irgendwie den Sonnenaufgang verpasst zu haben.

Natürlich gibt es auch immer einen Showteil. In der Regel geben Debra und Emiliano ihren Meisterschülern die Gelegenheit, im Salon einmal vor einem großen Publikum vorzutanzen. Eingeweihte wissen, dass das der Zeitpunkt ist, an dem man sich am besten im Sternfoyer aufhalten sollte... Breiten wir den Mantel des Schweigens darüber. Aber ich finde es einen netten Zug von ihnen, dass sie ihren Schülern diese Möglichkeit bieten. Die werden auch immer mit freundlichem Applaus bedacht. Der Höhepunkt des Abends ist aber dann doch immer das Gastpaar. In diesem Jahr, zum zehnjährigen Jubiläum der "Noche de Tango Argentino", gab es eigentlich ein besonderes kleines Schmankerl zu sehen: Zwei Tänze von Debra und Emiliano, deren Auftritte im Salon seit den "Schritten der Woche" wegen ihrer Elternverpflichtungen sehr selten geworden sind, und im Anschluss daran ein Auftritt ihrer Lehrer, Esther und Mingo Pugliese. Auch dies ein rares Ereignis, denn Mingo konnte lange Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht reisen und Esther tourte mit ihrem Sohn Pablo durch die Welt.

Sicher, ihre alte Form haben Debra und Emiliano lange noch nicht wieder erreicht, aber an diesem, ihrem Milonga-Geburtstag am 13. April, war ihr Tanz sehr viel entspannter als noch bei der vor einigen Wochen gezeigten Berlintango-Show. Es macht eben auch einfach mehr Freude, gemeinsam mit Freunden zu feiern und zu tanzen.

Esther und Mingo wirkten zwar erschöpft, man war sich nicht sicher, lag es an der Beleuchtung, der späten Stunde oder möglicherweise dem Jetlag, aber die beiden sind ja auch nicht mehr die Jüngsten, da erwartet man nach Mitternacht keine Spagatsprünge mehr. Mingo wurde, noch bevor er Esther traf, noch in jugendlichem Alter in eine Gruppe fortschrittlicher Tänzer aufgenommen, die Tangogeschichte schrieb. Er war nicht nur vor beinahe 60 Jahren zusammen mit Carlos Estevez (Petroleo) und Salvador Sciana (El Negro Lavandina) unterwegs, die den Salontanz revolutionierten, sondern bis dato hat er diesen in der gemeinsamen Arbeit mit Esther auch perfektioniert. Esther und Mingo gehören, könnte man sagen, zur "Old School" des eleganten Understatements und das ist das eigentlich Überraschende an ihrer Art zu tanzen: die Einfachheit. Die Einfachheit und die unglaubliche Perfektion, mit der Esther und Mingo fein aufeinander abgestimmte Schritte umeinander tun. Wie ein Uhrwerk, nicht mechanisch, das sicher nicht, sondern feinsinnig und präzise. Beneidenswert. Wenn ich bedenke, wie ich bei einer Linksdrehung meinen Partner immer beinahe umhaue, weil ich irgendwie einen ausschweifenden Linksdrall habe, der ich-weiß-nicht-woher kommt.

"Das wichtigste beim Tango ist es, einen sauberen, leichten Tanz zu erzeugen, der fließt. Dessen einzelne Elemente zwar identifizierbar sind, aber in fließendem Übergang stehen", sagt Mingo zwei Tage später, im Workshop "Improvisation". Von Müdigkeit keine Spur. Voll Energie regieren die beiden 'Tango-Großeltern' über eine Horde von gut zwanzig Schülern, greifen hier korrigierend ein, krallen sich dort einen Tanzpartner und üben die gezeigte Variation noch einmal. Ihre Didaktik und Unterrichtsmethodik ist versiert, geduldig. Sie wirken sehr wach und reagieren mit Interesse auf jede noch so dumme Frage. Jüngst fragte einer unserer Autoren in einer Glosse "Macht Tango jung?". Diese Frage erübrigt sich im Grunde, wenn man Esther und Mingo zusieht. 

Esther ist zwar nicht ganz die Generation meiner Großmutter, aber wenn ich mir meine Oma in Esthers Alter vorstelle, die tagein tagaus ihre über dreißig Jahre alten, geblümten Kittelschürzen trug und immer wieder liebevoll ausbesserte, um sie noch weitere dreißig Jahre zu tragen, - was die wohl zu der modischen Hose mit leichtem Schlag gesagt hätte, die mit dem chinesischen Drachenmotiv, die Esther zum Workshop trug?


Workshop "Improvisation" Foto: Elke Koepping

Wir sind hier in Europa fast ein wenig gehandicappt, denn wir sind es gewöhnt, von jungen, flinken und modernen Tänzern aus Buenos Aires besucht zu werden. Die sind akrobatisch geschult, haben jahrelange Tänzerkarrieren hinter sich oder noch vor sich und meistens gertenschlank, biegsam und beneidenswert schön. Esther und Mingo zeigen zur Abwechslung einmal, dass es im Tango eigentlich nicht um das schöne Aussehen, sondern um den schönen Ausdruck geht. Dass die paar Falten im Gesicht und die paar Pfunde auf der Hüfte einen trotzdem nicht davon abhalten, die Füßchen in eleganten, schwebenden Verzierungen auf dem Boden hin und her zu bewegen. Die alten Milongueros, von denen es nur noch wenige gibt, die haben doch im Grunde hierzulande sonst nur diejenigen mal gesehen, die sich eine Reise nach Argentinien leisten konnten. Da entsteht schnell ein verzerrter Eindruck. Diese jungen Tänzer, die haben schließlich irgendwann mal bei den alten gelernt.

So erstaunt es mich nicht, Mingo im Workshop geduldig vom Gehen, dem Fluss, der harmonischen Bewegung sprechen zu hören, von den einfachen Variationen, die im Salon den pompösen Schrittkombinationen vorzuziehen seien und der hohen Kunst der ad-hoc-Kombination, aus jeder beliebigen Position in jeden beliebigen Schritt führen zu können, ohne einstudierte Choreographien abzuspulen.


Foto: Elke Koepping

 Im Grunde sind das alles bekannte Begriffe, es gibt mindestens eine Million Lehrer, die mittlerweile so unterrichten. Aber hier steht der Meister persönlich vor mir: er hat die Methode entwickelt, mit der eben diese Lehrer weltweit präsent sind. Das ist das Erstaunliche.

Esther und Mingo sind, wie sie in ihren Workshops vibrierend vor Energie beweisen - lästerlichen Zungen zum Trotz - noch lange nicht bereit, ihren Altersruhesitz aufzusuchen und dort ihr Tango-Gnadenbrot zu essen, in 2006 sind sie wieder zu unzähligen Workshops und Festivals in Europa unterwegs. Dass sie der jungen Tänzergeneration noch viel zu erzählen haben, beweist übrigens auch unser Interview.

28.04.-01.05.2006
Mainz-Wiesbadener Frühlings-Tango im "El Tesoro"
03.07.-12.07.2006 Zürich
12.07.-16.07.2006
Tangofestival Sitges
08.09.-10.09.2006
Tangofestival Irland

Ein sehr informativer Artikel über Mingo findet sich auf englisch
hier...

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Ausgabe Mai 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)