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Der 1. überregionale Aktionstag zum Erntedankfest 2006
Text: Elke Koepping
Gleich zwei historische Ereignisse nahen für die von Jörg Buntenbach
betriebene Berliner b-flat-Milonga im Oktober, genau am Anfang
und am Ende des Monats - beide Sonntage sind rein kalendarisch gesehen
keine gewöhnlichen Sonntage: am 01.10. wird in jedem Jahr traditionell
das Erntedankfest gefeiert und am 29.10. werden die Uhren wieder auf
Winterzeit umgestellt. Dann bricht die Zeit an, in der man im Dunkeln
von der Arbeit kommt, sich vor den Fernseher legt, ordentlich Pralinen
frisst, ins Bett geht und im Dunkeln wieder aufsteht. Eine dunkle Zeit.
In keinem ursächlichen Zusammenhang steht zwar die Zeitumstellung mit
dem am selben Tag stattfindenden 10-jährigen Jubiläum der b-flat-Milonga,
aber möglicherweise brechen an diesem Tag dunkle Zeiten für ihre Fans
an: erneut droht Buntenbach mit Schließung. In einem Interview sagte
er, "Das muss man jetzt sehen, inwieweit das weiter funktionieren
wird, das wird sich in den nächsten Wochen herauskristallisieren.
Momentan geht meine Tendenz dahin, zu sagen, Danke, das war's, zehn
schöne Jahre und dann mit einem rauschenden Fest Abschied zu
nehmen." Zumindest auf das rauschende Fest darf man gespannt sein,
denn dann spielt auch wieder das Trio Scho auf.
In angenehmem Kontrast zu solcherlei dunklen Drohungen steht zunächst
jedoch erst einmal der 1. Oktober, an dem Jörg Buntenbach, zugleich
Herausgeber von tangokultur.info, zum überregionalen Aktionstag
"Tangotanzen gegen Hunger und Armut" aufruft. Ein nützliches
Ding, wie wir in der Redaktion finden, von der überraschend großen
Resonanz überwältigt. Aha, denkt der geneigte Leser, Erntedank und
Tango, wie geht denn das zusammen? Dieser irgendwie ökomenische
Nachhall, der sich da unangenehm aufdrängt, gibt zunächst einmal
Anlass zu Grübeleien. Erntedank verbindet man in der gebräuchlichen
Ikonographie mit wogenden Weizenfeldern, frisch geschnittenen
Kornblumen, selbstgebackenem Brot und kleinen Dorfkirchlein unter buntem
Herbstlaub und: Nächstenliebe. Mit dem Land. Und der Tango: klaro, weiß
jeder, das ist der Tanz der Metropole, der unmoralischen Städter, der
Rotlichtviertel und: sex. Klingt ganz und gar nicht gesund. Ein
Gegensatzpaar also. Ein Oxymoron. Schwarzer Schnee, Erntedank und Tango.
Ja und jetzt?
"Vieles beim Tango passt ja nicht zusammen, in Argentinien z. B.
sind die Tänzer eine ganz andere Klientel als die, die hier Tango
tanzen. Hier ist es eher die gehobene Mittelschicht, viele soziale
Berufe, da kann man sich ja auch fragen: passt das zusammen ..."
erwidert Buntenbach mit gewohnter Kaltschnäuzigkeit. (In diesem
Zusammenhang sei auch gleich auf den Exklusivbericht von M. C. Brook über
den "Geheimbund
der Tangotherapeuten" in der aktuellen Ausgabe
hingewiesen.) Kehrt jedoch gleich zum ernsten Hintergrund seiner Idee
zurück: "Ich blätterte so im Kalender und dachte, hm, Erntedank,
was ist das eigentlich. Dann habe ich aus persönlichem Interesse
einfach mal im Internet recherchiert, was dahinter steht. Daraus
entstand erst der Gedanke, einen Aktionstag ins Leben zu rufen."
Dahinter steht im Grunde auch ein sehr persönliches Anliegen von
Initiator Buntenbach, "Ich hab' selber zwei Kinder, ich bin froh,
dass die gesund sind, dass wir nicht in Armut leben. ... Wir haben uns
privat immer Gedanken gemacht, was könnte man unterstützen."
Daraus entstand Mitte des Jahres zunächst die soziale Seite von
tangokultur.info, der Spendenaufruf zur Unterstützung zweier
SOS-Kinderdörfer: ein Ausbildungszentrum in Berlin und ein im Aufbau
befindliches Dorf in Luján in Argentinien. Aha. Da findet sich
zumindest geographisch eine Verbindung zum Tango. Das mit der
Wirtschaftskrise da hat man ja auch irgendwann schon einmal gehört.
Vor diesem Hintergrund entstand dann auch die Idee, zu einem Aktionstag
aufzurufen, wie Buntenbach erzählt, "Wir gehen in den Supermarkt,
kaufen uns einfach alles, was wir brauchen. ... Dass man mit seiner Hände
Arbeit erst mal was ernten und einlagern muss für den Winter, das kennt
unsereins ja gar nicht mehr." (Und schon gar nicht wir
Metropole-verwöhnten Städter, Anm. d. Red.) "Wenn wir schon mit
unserer Website die Möglichkeit haben, für solche Projekte etwas zu
tun - warum nicht? Bricht sich ja keiner einen Zacken aus der
Krone." Gesagt, getan und auch noch kostbare Arbeitszeit
investiert, nämlich in Telefonate quer durch den deutschsprachigen
Raum: "Zürich, Heidelberg, Mainz, Hamburg, Berlin, wir sind noch
im Gespräch mit Dresden, Leipzig, Greifswald, Köln", so
Buntenbach, der hofft, dass sich bis zum ersten Oktober noch Mitstreiter
finden, so dass sich eine satte Zahl von 15-20 gleichzeitig
stattfindenden Aktionstag-Milongas in Deutschland, Österreich und der
Schweiz ergibt. (Österreicher, bitte meldet euch!!) Der Aktionstag soll
dann übrigens jährlich durchgeführt werden.
Einen offiziellen Vorschriftenkatalog, wie diese Veranstaltung
abzulaufen hat, gibt es nicht. "Das soll kein Regelwerk sein. Da
will ich den Teilnehmern eigentlich eher freie Hand lassen. Die
Veranstalter, die bisher teilnehmen, spenden entweder einen Teil des
Eintrittsgeldes oder starten einen Aufruf während der
Veranstaltung", sagt Buntenbach. (Im b-flat in Berlin wird
übrigens beides der Fall sein.) Last but not least gibt es auf
tangokultur.info selbstverständlich auch die Möglichkeit zu
Online-Spenden. "Schön ist, wenn am Ende richtig viel
zusammenkommt." Gespendet wird das Geld dann nicht für die
Kinderdorf-Projekte, sondern geht in Zusammenarbeit mit der Deutschen
Welthungerhilfe an ein Projekt in Bolivien, das Straßenkindern eine
Ausbildung ermöglicht.
Tanzen die dann eigentlich auch Tango? Das wäre doch ein angenehmer
Gedanke: während man sich wohlig in den Armen des Tanzpartners / der
Tanzpartnerin aalt, tut man den ganzen Abend lang allein durch seine Präsenz
und das abgelieferte Eintrittsgeld was Gutes. Vielleicht kommen ja die
Good Vibrations drüben an - wenn man so überlegt, 20 Städte in
Westeuropa und alle Menschen auf den Milongas denken gleichzeitig an die
Straßenkinder ... Denen müssen doch die Ohren klingeln!
Im b-flat in Berlin spielt ansonsten das Frauen-Trio Muzet Royal
auf (siehe Porträt
in der aktuellen Ausgabe). Jörg Buntenbach versichert, dass hinter dem
Aktionstag tatsächlich nur der verbindende Gedanke steht, ansonsten das
Publikum aber vor peinlichen Aktionen wie Mähdrescher-Wettfahrten
(Tanzfläche zu klein), Eierlaufen (Ostern ist lang vorbei) und
Erntedank-Kompositionen von buntenbachscher Seite verschont wird. Hoch
und heilig verspricht er, "Nein, ich werde nicht singen! Das überlasse
ich den Musikern." Schade eigentlich. Aber vielleicht dann doch am
29.? Wenn dann die dunkle Zeit anbricht? Wenigstens wüsste man dann,
woran's gelegen hat ...
Die
Seite zum Aktionstag bei tangokultur.info: jetzt
hier ansehen...
Weiterführende
Informationen der Deutschen Welthungerhilfe e.V. zum Projekt
"Straßenkinder in Bolivien" als PDF zum Download: jetzt
nachlesen...
Homepage
der Deutsche
Welthungerhilfe e.V.
Aktionstagpartner meldet euch! Vor allem in Österreich wird noch
mindestens eine teilnehmende Milonga gesucht. Alle Informationen
zum Aktionstag und die Möglichkeit zu Online-Spenden, findet man
übrigens hier...
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Ausgabe September 2006
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