Kein finnischer Pfeffer!
 


Das Tanztheater ERI gastierte erneut in Berlin

Text: Jochen Hille


Pressematerial "Tango"

In diesen Wochen präsentiert sich 'der Norden' in Berlin. Vom 21. April bis zum 7. Mai findet ein umfangreiches Programm über Film, Style, Kunst, Kultur, Politik, Theater, Tanz aus den nordischen Ländern Schweden, Finnland, Norwegen, Dänemark und Island statt. Angemerkt sei, dass der Begriff 'Norden' sich in vielen politischen und wissenschaftlichen Diskussionen längst auf den gesamten Ostseeraum erweitert hat. Das Programm des NORD Kulturforums bezieht sich also noch auf einen alten und recht engen Nordenbegriff. Das hat schlicht was mit Brandmarking zu tun.
Denn spätestens seitdem unser verehrter Kaiser Wilhelm II., der internationale Mediensuperstar der Vor-Ersten-Weltkriegszeit, mit viel Kanonengedonner in norwegischen Fjorden Urlaub machte, gilt der Norden als Ferienort für Naturliebhaber. Im Programmheft vom NORD Kulturforum nimmt die Darstellung von unverbrauchter, idyllischer Natur deshalb einen großen Raum ein.

Das zweite Element, aus dem die Marke 'Norden' besteht, und welches im Programmheft besonders betont wird, ist die Modernität in Lebensstil, Mode und Design. Dabei sollte klar sein, dass dies ein recht neues Bild ist: Die Wikinger ruderten aus Armut nach Süden und die Nordländer wanderten - wie die Iren - scharenweise nach Amerika, weil sie im Norden verhungert wären. Richtig reich, modern und sozialstaatlich wurde der Norden erst im 20. Jahrhundert. Vorher wurde er nicht mit Nokia und IKEA gleichgesetzt, sondern mit bitterer Armut. Und eine der ärmsten Ecken davon war Finnland, das erst zu Schweden, dann zu Russland gehörte und erst nach dem 1. Weltkrieg unabhängig wurde.

Innerhalb der o. g. nordischen Länder nimmt Finnland eine Sonderrolle ein. Die finnische Sprache ist nicht mit den dem Deutschen ähnlichen skandinavischen Sprachen verwandt. Finnland hat - anders als die skandinavischen Länder - ordentlich an den Weltkriegen mitgemischt und wurde entsprechend in Mitleidenschaft gezogen. Aus der sprachlichen Isolierung und der harten Geschichte Finnlands stammen wohl die Klischees über die 'komischen Finnen' und ihre 'seltsame Sprache'. Finnische Kulturschaffende haben es stets verstanden, erfolgreich mit diesen Klischees zu spielen.

Genau so kündigt auch die Ufa-Fabrik ihre im Rahmen des NORD Kulturforums auftretenden finnischen Künstler, die aus Turkku stammende Tanztheatergruppe ERI, an, nämlich indem auf die 'schwere finnische Sprache' angespielt wird. Zu Finnland gehört auch der süßliche Finntango und dessen Gründungslegende spielt an der Front. Ein finnischer Soldat soll aus der damals in der finnischen Armee beliebten deutschen Marschmusik und den aus dem feindlichen Lager erklingenden russischen Volksliedern den ersten Finntango komponiert haben. Anders als in den meisten europäischen Ländern, wo Tango ein gesellschaftliches Nischendasein fristet, hat der Finntango in Finnland etwa den Stellenwert der Schlagermusik bei uns.

Das Tanztheater ERI wurde 1989 von den bekannten finnischen Tänzern und Choreographen Tiina Lindfors, Lassi Sairela und Eava Soini gegründet und schnell international bekannt. Bereits im vergangenen Jahr gastierten sie im Berliner Dock11 mit dem Programm, das am 28. und 29. April im gut gefüllten Theatersaal der Ufa-Fabrik zu sehen war. Es wurden zwei unterschiedliche Stücke von je etwa 30 Minuten Dauer präsentiert.


Pressematerial "Ritual"

Das erste Stück "Ritual", das mit dem Tango nichts zu tun hatte, hat mir sehr gut gefallen. Elemente aus Ballett, modernem Tanz und diversen multikulturellen Ritualtänzen wurden von ERI hübsch und ironisch gebrochen präsentiert. Das war nett anzusehen und machte Spaß. Ich vermute, dass auch das zweite Stück "Tango" einen ähnlich positiven Eindruck bei einem Nicht-Tango-Publikum hinterlassen hat. Es war nett anzuschauen, und enthielt sowohl die klischeehafte Macho-Seite des argentinischen Tango, wie auch die Kitsch-Seite des Finntango.

Hier setzt auch meine Kritik an. Ich und die Tangotänzer aus dem Publikum, mit denen ich sprach, waren enttäuscht. Wir, die wir schon tausend Tangoshows gesehen haben, hatten etwas Neues - vielleicht spezifisch finnisches - erwartet. Leider sahen wir dann die üblichen Chiffren des Tango - und zwar eher des europäischen: Männer und Frauen mit hin- und herwackelnden Köpfen. Was ERI bietet, sind Klischees über den europäischen Tango, zusammengerührt mit Bewegungen aus dem argentinischen. Wir sehen eine Mischung aus Ballett und Ballroom. Vielleicht besonders interessant war die unterschwellige 'Dirty Dancing-Ästhetik' der 80er Jahre - etwas, das den meisten Tangotänzern wohl kaum beim Thema Tango einfallen würde! Es gab einige witzige Einfälle, insbesondere bei den wenigen Stücken mit finnischer Tangomusik. Nett war etwa die Idee, die Tänzer und Tänzerinnen in weit flatternden finnischen Flaggengewändern (mit blauem Kreuz auf weißem Grund) auftreten zu lassen. Zu den süßlichen Klängen der finnischen Tangomusik ergab das sehr schöne und sarkastische Bilder, die ein wenig an katholische Ministranten bei der Messe erinnerten.

ERI setzt sich aus fantastischen Tänzern zusammen, und ich träume mit Sicherheit davon, über eine derartig tolle Körperbeherrschung zu verfügen. Aber das ändert nichts daran, dass das gockelhafte Hin- und Hergewackel der Köpfe ein zu oft gesehenes europäisches Tangoklischee ist. Der gesamte Bewegungsmodus von ERI baut auf Ballett und Modern Dance auf, er hat wenig mit dem argentinischem Tango zu tun, insofern entstehen Probleme, wenn beide Bewegungsmuster ungebrochen miteinander vermengt werden. Natürlich sind hoch geschwungene Beine auf der Bühne hübsch anzusehen, aber beim argentinischen Tango geht es bekanntermaßen u. a. um den emotionalen Ausdruck und darum, die Beine nah am Boden zu bewegen. Wer Ballet und Tanztheater sehen will, der ist bei ERI sicherlich an der richtigen Adresse, für Tangoliebhaber ist es wohl eher nicht zu empfehlen.

ERI hat das Potential, mehr über den Tango zu sagen. Aber dafür wäre es notwendig, sich tiefer mit ihm auseinander zu setzen, um zu verstehen, welche Geschichten dort erzählt werden. Natürlich finde ich es immer schön, wenn Tangoklischees kreativ und mit Witz verbraten werden, bei diesem Braten hätte ich mir aber ein bisschen mehr Pfeffer gewünscht!

Bedanken möchte ich mich für das Gespräch mit Lassi Sairela von ERI.

www.nord.info
www.ufafabrik.de
www.eridance.net

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Ausgabe Mai 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)