Tango-DJing Eine Einführung
 


Teil 1: Technische Grundlagen

Text: Veronika Fischer


Foto: Torsten Moebis



Mit der folgenden Mini-Serie will tangokultur.info interessierte Tänzer und Tänzerinnen motivieren, sich als Tango-DJ auszubilden. Im ersten Artikel werden die technischen Grundlagen behandelt, der zweite Teil erklärt die Zusammenstellung von tandas, die Planung einer Milonga sowie Fehlersuche und Feedback. Im letzten Teil werden schließlich einige innovative DJing-Konzepte vorgestellt.

Hinweis der Redaktion: Im nachfolgenden Text befinden sich Screenshots, die durch einfachen Mausklick zur besseren Erkennbarkeit vergrößert werden können.


Wer kann DJ werden?

Die Grundvoraussetzungen sind einfach: man sollte natürlich einige Zeit getanzt, und viele Milongas verschiedener Stile und an verschiedenen Orten besucht haben. Reichlich Freizeit und etwas Budget müssen vorhanden sein; eine musikalische Ausbildung und zumindest Grundkenntnisse des Spanischen, um die Tango-Texte zu verstehen, erleichtern die Arbeit. Unerlässlich ist hingegen der Wille, etwas dazuzulernen – über die Geschichte des Tango, seine Komponisten und die großen Orquestas, die Tänzer und deren Wünsche. Genauso wichtig ist Kreativität: DJing ist nichts, was man rein rational erfassen könnte – Hinspüren und künstlerisches Geschick sind letztlich entscheidend.


CD's oder Laptop?

Obwohl viele DJs nach wie vor auf CDs setzen, rate ich von Anfang an zum Laptop: das enorme Gewicht einer großen Sammlung, das Risiko des Verkratzens und Verlustes, der begrenzte Informationsgehalt auf CD-Covern, die Umständlichkeit, mit der CDs gewechselt werden müssen, kurzum, die geringere Flexibilität beim Auflegen sprechen gegen DJing mit CDs. Außer der hohen Einmal-Investition in einen möglichst leistungsfähigen Laptop gibt es kaum Gegenargumente: die Sound-Qualität kann auf ebenso hoch wie bei CDs eingestellt werden, die anfänglich höhere Arbeit zum Katalogisieren der Stücke amortisiert sich rasch mit einer wachsenden Sammlung.

Neben einem Laptop ist ein Cinch-Set zum Anschließen an die Soundanlage nötig. Zum Vorhören während der Milonga ist eine zweite Soundkarte mit Ausgang oder ein unabhängiges zweites System – Laptop oder iPod – anzuschaffen. Mit steigender Größe der Musiksammlung – und generell zur Datensicherung – ist eine externe Festplatte sinnvoll.

Sollte ein funktionsfähiger Desktop-Rechner zur Verfügung stehen, ein Laptop aber (noch) nicht angeschafft werden, gibt es folgende Variante: die Stücke werden auf dem Desktop-Rechner katalogisiert und für die Milonga zusammengestellt, dann werden mehrere CDs (möglichst eine pro tanda) gebrannt. So wird das Hauptärgernis des DJing mit CDs – das Wechseln der CD für jeden Titel – vermieden, aber dennoch Flexibilität von tanda zu tanda sichergestellt.


Laptop-Organisation

Software zur Organisation der Musik auf dem Laptop ist in großer Auswahl vorhanden; die angebotenen Features variieren insbesondere bei Freeware kaum. Bei Tango-DJs ist iTunes recht beliebt. Die Freeware, verwendbar sowohl auf einem Apple-Laptop als auch mit Windows, unterstützt alle gängigen Sound-Formate, bietet aber auch automatische wie individuelle Lautstärkenanpassung und automatische Sortierung der Musikbibliothek. Eine Auswahl von Equalizern, wählbar für jedes einzelne Stück, verbessert die Soundqualität substantiell, gerade bei alten Tangos. Playlists oder CD-Cases können einfach ausgedruckt oder auch online veröffentlicht werden. Ausblenden von Applaus oder Intros ist durch Abspeichern der Start- und Stop-Zeit im File, und damit ohne Schneiden möglich. Der Crossfade-Playback-Modus erlaubt schließlich, Anfang und Ende zweier Stücke zu verschmelzen – eine Technik, die sich gelegentlich für alternative Musik oder Elektrotango anbietet.


iTunes Screenshot

Wer nicht mit iTunes arbeiten möchte, dem sei "J River Media Center" ($ 35) oder das Profi-DJ-Programm "BPM Sound Studio" (€ 499) empfohlen.



Musikbedarf und -quellen

Primär wird als Quelle natürlich die eigene CD-Sammlung dienen, weitere CDs können über die gängigen Handelswege sowie über eine Vielzahl von Spezial-Stores (Zivals/BsAs, Danza y Movimiento/Hamburg, El Bandoneon/Barcelona, Milonga.co.uk/Bath) erworben werden. Ein besonderer Tipp ist die "Tango de mi vida"-Reihe von RialProducciones, die DJ-Anfängern eine Vielzahl klassischer Titel im mp3-Format mit noch zuträglichen 128kbps zu erschwinglichen Preisen bietet. Tango-Files in großer Auswahl und hoher Qualität können auch bei unseren Kooperationspartnern iTunes und tangoload.com erworben werden (links im Fuß des Artikels). Der Aufbau einer guten, abwechslungsreichen Tango-Sammlung benötigt Zeit und Fachkenntnis – hier sei auf die Serie von Hans-Peter Salzer in der aktuellen Tangodanza Nr. 04/2006 verwiesen.


Einspielen und Klassifizieren der Musik

Beim Kopieren der Musik von CD auf den Computer übernehmen Online-Datenbanken automatisiert die File-Benennung mit Titel und Orquesta. Das Soundformat sollte so hoch als möglich gewählt werden, meines Erachtens mindestens 128kbit. Beim Einsatz von iTunes empfiehlt es sich, mp3 – und nicht das iTunes-Format aac – zu wählen, um die Verwendbarkeit auch mit anderen Programmen sicherzustellen.

Weitere Information kann manuell hinzugefügt werden, so z. B. das Aufnahmejahr, Genre (Tango-Vals-Milonga), eine grobe Stileinordnung (z.B. "Guardia vieja", "siglo de oro: dramatisch"; mehr Kategorien finden sich unter http://www.tejastango.com. Hilfreich für die spätere Zusammenstellung von tandas ist das Auszählen der beats per minute, um die Geschwindigkeit des Stückes einschätzen zu können – dabei hilft http://www.all8.com/tools/bpm.htm.

Schließlich kann eine Kurzinformation über den Charakter des Stückes hinzugefügt und das Stück auf Tanzbarkeit bewertet werden. Einbinden des CD-Covers und der Lyrik sind nette Extras. Die vollständigen Informationen zu einem File sehen dann so aus:


Screen 1


Screen 2

 


Screen 3


Screen 4


Oft wird dies als "information overflow" abgetan – wozu sich für den marginalen Mehrnutzen diese Arbeit machen? Meine Antwort ist dann stets: das Arbeiten mit der Musik hilft dabei, die Musik kennen zu lernen, und ist damit eine Notwendigkeit für jeden DJ. Das Festhalten der gesammelten Information wird, je mehr CDs oder Tracks man erwirbt, sowieso zur Selbstverständlichkeit – irgendwann werden Titel, Sänger, Jahreszahlen und Geschwindigkeiten verdreht, auch wenn Stück und Charakter im Gedächtnis verbleiben.


Musikbearbeitung

Als letzte Vorarbeit steht die Bearbeitung der Musik-Files an. Dazu gehört zunächst die Einstellung der Lautstärke der Stücke, ggf. ergänzt um die Auswahl eines Equalizers. Applaus am Anfang oder Ende eines Stückes sollte geschnitten oder mit crossfade-out abgedämpft werden. Ebenso sollte die Stille nach einem Stück bis zum Beginn des nächsten Stückes gleich lang sein, üblicherweise 2-5 Sekunden. Manche Stücke, insbesondere Elektrotangos, gewinnen sehr durch Kürzen – 3-4 Minuten genügen, 8 sind dagegen den meisten Tänzern zuviel des Guten. Schließlich finden sich sowohl in alten Aufnahmen als auch in Non-Tangos Stücke, die tanzbar – aber zu schnell oder zu langsam sind. Dem kann durch Anpassen des Tempos – ggf. auch der Tonhöhe (Pitchen), abgeholfen werden.

Als Bearbeitungsprogramm hat sich Audacity, eine Freeware, mit dem dazugehörigen Lame-Encoder für den Export des Stückes als mp3 bewährt – ebenso können mp3cut oder Goldwave eingesetzt werden. Wichtige Funktionen sind Schneiden, das Einfügen von Stille, Crossfade-in und Crossfade-out zum Kürzen, und Tempo ändern/Pitchen.


Screenshot Audacity


Schließlich sollte man sich noch einige cortinas – ca. 20-40 Sekunden Musik, die zwischen den Tango-tandas aufgelegt wird – fertigen, d. h. auf die passende Länge schneiden und die Lautstärke anpassen, üblicherweise etwas leiser als die Tanzmusik. Um die Tänzer nicht aus der Stimmung zu reißen, hat es sich bewährt, die cortina mit crossfade-in leise zu beginnen, und mit crossfade-out wieder verklingen zu lassen. Die Musik sollte nicht tanzbar sein, d. h. keinen eindeutigen Beat haben – empfehlenswert sind klassische Musik, Jazz, Pop/Lounge Chansons, weniger geeignet Salsa/Samba, Chacarera, oder, wie manchmal gehört, Stücke von Piazzolla, weil garantiert einige tanzen wollen. Besonders harmonisch wirkt es, sich für die Milonga ein cortina-Thema vorzunehmen, z. B. Oper, Edith Piaf, The Beatles, auch passend zum Anlass: Werwolfheulen, Hexenschreie und Klaviergeklimper für Halloween; Weihnachtslieder für die Adventszeit, Lovesongs für den Valentinstag.

Dies sind die Grundvoraussetzungen, um sich an die Vorbereitung einer Milonga zu machen. Der nächste Teil der Serie wird sich der Zusammenstellung von tandas sowie der musikalischen Planung einer gesamten Milonga widmen.


Fragen und Anregungen zum DJing im Allgemeinen und zu den hier gemachten Vorschlägen können gerne an die Leserbriefredakton gesandt werden und werden individuell oder im Rahmen der Serie von der Autorin beantwortet. Über zusätzliche Anmerkungen und Anregungen anderer Tango-DJ's würden wir uns freuen.


Foto: Petra Dürr-Fischer

Veronika Fischer hat das DJing während ihres Aufenthalts in den USA gelernt, und legt dort sowie im süddeutschen Raum (Augsburg, München) gelegentlich auf. 

Die Serie enthält Beobachtungen, persönliche Erfahrungen und die Meinung der Autorin. Diese können individuell zutreffen, müssen aber nicht, denn den "one best way" für Tango-DJs gibt es nicht. Insofern ist die Serie als Denkanstoß, nicht als zu befolgendes Lehrbuch zu verstehen.

Mehr Informationen gibt es auf der
Website von Veronika Fischer.


Alle links, die im Artikel erwähnt wurden


Musikquellen

iTunes über den Downloadbereich von tangokultur.info
Tangoload über den Downloadbereich von tangokultur.info
Zivals Tangostore
, Buenos Aires
Danza y Movimiento, Hamburg
Label El Bandoneon, Barcelona
Milonga.co.uk, England
Rialproducciones, Argentinien

Software: Audacity

Lesen Sie auch die Fortsetzung zu diesem Teil in unserer Dezember-Ausgabe 2006: Planung einer Milonga

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Email an: Leserbriefe@tangokultur.info

Ausgabe November 2006

 


Email:
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Im Internet:
www.tangokultur.info

Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)