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Ein Workshop zum Dinzel-System in Saarbrücken
Text: Philipp Britz, B.Holst
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Ziel: Die Freiheit, improvisieren
zu können
Das Dinzel-System von Rodolfo und Gloria Dinzel mit seinen rund 3600
Notierungen von Tanzfiguren ist keine klassische Tanznotation, sondern
eher eine Katalogisierung von möglichen Folgen geführter Schritte zu
Sequenzen, und sie ist vor allem, das sollte sich jeder klar machen, der
einen Dinzel-Workshop besucht, keine Anleitung zum Tangotanzen, die man
nachstudieren kann.
Das war zunächst auch für die Teilnehmer eines Workshops der ag
libertango in Saarbrücken im Juni nicht einfach zu akzeptieren.
Einige hofften, es würde ihnen jetzt ein System präsentiert, das ihnen
Tanzen wie im Standardtanz ermöglicht.
Rodolfo Dinzel räumt mit dieser Illusion selbst auf. In einem Vorwort
zu seinem Buch, "Tango, eine heftige Sehnsucht nach Freiheit",
sagt er: "Ich würde mir selbst was vormachen, wenn ich annehmen würde,
irgend jemand könnte nach dem Lesen dieses Textes auch nur diese oder
jene Tanzfigur vollführen." Das lässt sich sicher auch auf sein Sistema
Dinzel de Notácion Coreograficá übertragen.
Beim Saarbrücker Workshop gelang es Guillermo Böttcher den Frust
relativ klein zu halten, indem er nicht nur die Grundelemente und den
Aufbau des Dinzel-Systems theoretisch (ja, zum Mitschreiben, wie im Uni-Seminar)
und mit praktischen Beispielen (da durften dann zumindest ein paar
Schritte getanzt werden) zeigte, sondern auf die hinter dem Ansatz von
Dinzel stehende Philosophie der Freiheit zur Improvisation einging. Die
Idee der Einheit des oder der Führenden mit dem oder der Geführten
steht dabei immer im Vordergrund.
Das von Rodolfo Dinzel formulierte Ziel ist es, die Freiheit zu
erlangen, den passenden musikalischen Ausdruck zur Musik zu finden und
damit aus der Improvisation heraus die Schrittfolge zu entwickeln, die
mit der Musik zu einem Korrelat verschmilzt. Die Sequenzen können sich
dabei aus dem einfachen Schritt, beispielsweise im ersten von Dinzel
definierten Niveau ergeben oder sie lassen sich aus einer extrem
komplizierten Schrittsequenz erarbeiten. Von daher ist die
Dinzel-Systematik nicht nur für Profis und absolute Könner geeignet,
auch Anfänger können mit der Methode arbeiten. Allerdings nur, wenn
sie sich dabei immer am Ziel der Freiheit als Voraussetzung zur
Improvisation orientieren.
Das Dinzel-System kennt drei Niveaus. Während das erste Niveau noch
einfach zu durchschauen ist, erinnert die Optik der Notationen im
dritten Niveau (siehe Bildbeispiel) eher an komplizierte Schaltkreise
oder Computerprogramme: In der Menge ihrer Variationen sind diese nur
noch für absolute Spezialisten durchschaubar. Alle Niveaus arbeiten mit
der Grundidee, dass jeder Schritt mit der ständigen Option einer
Weiterentwicklung nach allen vier Richtungen denkbar ist. Der extreme
Anspruch des 3. Niveaus und die Chance des individuellen Gestaltens ist
sicher der Grund dafür, warum bekannte Tänzer wie Mauricio Castro oder
El Pulpo, die einen völlig anderen Stil als die Dinzels tanzen, sich
dennoch Tipps bei ihnen geholt haben.
Die Systematik bestimmt keine Stilrichtung. Sie gibt aber auch Tangotänzern
mit mittlerem oder fortgeschrittenem Niveau die Chance, in der
Improvisation zu ihrem Stil zu finden. Profitänzer können für ihre
Choreographien neue, bisher nicht entdeckte Sequenzvariationen finden,
die sich mit ihrem Stil verbinden lassen.
Wer nicht improvisieren will oder wem alle Theorie zuwider ist, sollte
die Finger von Dinzel lassen. Wer aber seine Möglichkeiten ausschöpfen
und sich weiter entwickeln will, dem bietet Dinzel eine große Palette
von individuellen Entfaltungswegen. (Aber vielleicht sollte der- oder
diejenige, der/die die Freiheit der steten Improvisation nicht ausschöpfen
will, sich sowieso lieber nicht mit dem Tango Argentino beschäftigen...)
Für Dinzel ist die Freiheit zur ständigen Improvisation mit dem
Ziel der harmonischen Verbindung aller Bestandteile auch in Bereichen außerhalb
des Tangos eine Grundlebenseinstellung. Das ist sicher eine sehr
spezielle Haltung, macht aber für die Szene einen Teil der Faszination
des Tangos aus.
Guillermo Böttcher nimmt diese Lebensphilosophie des Tangos mit dem Brückenschlag
über die Kulturen sehr ernst. Sie zeichnet seinen persönlichen Stil
aus, den er bei der Tanzvermittlung umzusetzen versucht. Das überfordert
sicher einige Tangoanfänger, die nur Tango tanzen wollen, weil das
gerade "in" ist. Auf der anderen Seite bringt die Vermittlung
des Tangos als eines geistigen Gesamtkonzeptes auch mehr Beständigkeit
in die Szene. Ein Ergebnis ist wohl, dass auch in der saarländischen
Provinz eine eigenständige Tangoszene wächst, die über die Grenzen
nach Frankreich und Luxemburg ausstrahlt.
In Deutschland sind Silvina Böttcher de Holender und Guillermo Böttcher
die offiziellen Vertreter der Academia Dinzel, die derzeit noch aktiv
unterrichten und auch das Glück hatten, bei Rodolfo und Gloria Dinzel
persönlich Unterricht zu haben. Mehr Informationen gibt es hier...
Grafik entnommen aus: Los Dinzel, El Tango, una danza. Sistema
Dinzel de Notacion Coreografica, Ediciones corregidor, Buenos Aires
1997,
ISBN: 950-05-1005
Literaturtip:
Gloria und Rodolfo Dinzel, Tango, eine heftige Sehnsucht nach
Freiheit, editorial abrazos 1999, ISBN: 3-00-004481-7
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Ausgabe Juli 2006
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