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Narcotango 2 von Carlos Libedinsky
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Label: Tademus,
Argentinien
VÖ 2006
Spieldauer: 42 Min.
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Text: Torsten Moebis
"Narcotango 2" heißt, ganz lapidar, die zweite Kreation der
jungen Argentinier um Carlos Libedinsky. Zunächst muss ich gestehen,
dass ich seit Erscheinen der ersten CD und des Konzerts im vergangenen
Jahr im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin ein Anhänger ihrer
Musik bin. In meinen Augen schafft Narcotango die beste Synthese aus der
Idee des Tangos der Goldenen Ära, des modernen Tangos und dem
sogenannten Electrotango. Wobei ich das Etikett "Elektrotango"
für Narcotango nicht unbedingt vergeben würde, da die Melodien
und Arrangements ihrer Stücke meiner Ansicht nach zu klassisch und
abwechselungsreich im Vergleich zu Gotan Project oder anderen
Elektrotango-Projekten sind.
Das Cover und Booklet der zweiten CD von Narcotango fällt mit
vier Seiten klein aber fein aus. Konzertphotos und Collagen bieten ein
stimmungsvolles Bild ihres künstlerischen Schaffens. Auf der Rückseite
des Inlays kann man ein Photo der Großeltern von Carlos Libedinsky samt
Widmung betrachten. Das Frontphoto scheint mir hinsichtlich der
Interpretationsfähigkeit sehr interessant. Was dort so genau abgebildet
ist, kann ich leider nicht erklären, sondern muss vom Betrachter selbst
(Freud lässt grüßen) entschlüsselt werden.
Über die Bandbreite ihres musikalischen Könnens legen sie mit dieser
zweiten CD wieder einen starken Beweis vor. Zehn Hör-Leckerbissen und
ein zusätzliches Video eines Konzertausschnittes zu "Vi luz y subi"
haben sie auf ihre CD gepackt. Drei von den zehn Stücken haben sie
bereits als Ohrwürmer auf ihrer Konzerttour unter die begierige
Tangogemeinde gestreut und man ist glücklich, sich diese endlich
wieder, und so oft wie möglich, anhören zu können.
Die Melodien von "Narcotango 2" sind noch stärker eingängig
und hitverdächtig als auf ihrer ersten CD. Schon der erste Track
"Esa" stimmt den Hörer sanft in die Welt von Narcotango
ein. Wenn Rosana Laudani zu Quique Condomis Violine singt, möchte man
unweigerlich mehr von ihrer Stimme hören. Aber genauso sanft wie es
begann, hört das Stück dann auch schon wieder auf. Spätestens beim
zweiten Stück "Dos", das mit einem schleppenden Takt
daherkommt, wird man sich auf der Tanzfläche zur Musik bewegen wollen.
So einfach die Melodie auch gestrickt sein mag, sie wird von Instrument
zu Instrument getragen, leicht variiert und auf den Höhepunkt
getrieben. Das Stück endet abrupt und die Sehnsucht, die durch die
Melodie entfacht wurde, bleibt zurück - eben ganz klassisch.
"Tres son multitud" ist eine schwungvolle Milonga mit
musikalischen Elementen die folkloristisch bis jazzig wirken. Das
scheinbar als Ballade angelegte "El aire en mis manos" nimmt
den Schwung zunächst wieder heraus, wirkt jedoch teilweise etwas
Pop-lastig. Die Mischung aus zarten elektronischen Lounge-Beats, Matías
Rubinos fast meditativ gespieltem Bandoneon und der überlagerten
Violine von Quique Condomi, plus ein paar Klangeinschüben aus dem
Synthie machen dagegen "Esta Noche" zu einem echten, wenn
nicht zu dem
Tango-Chillout-Hit.
"Sarasa" ist das vielleicht schrägste und für die Ohren am
gewöhnungsbedürftigste Stück auf der CD. Stakkatohafte Elektrobeats,
gemischt mit an Free-Jazz angelehnte Klavier- und Synthie-Klänge lassen
dem Zuhörer keine Pause, fast ruhelos wirkt es eher wie ein verstörendes
Klangbild als eine Tangokomposition. Als Filmmusik geht der Track durch,
ist allerdings untanzbar und kommt bei mir nicht auf die Hör- und
DJ-Liste.
Mit der wieder ins Bein gehenden Milonga "Solo por hoy" meldet
sich Narcotango in bekannter Weise zurück und schließt das Stück
klassisch pointiert wie eine Milonga ab. Bei "El dia despuis"
spielen alle Musiker im Stile einer Jam-Session zusammen ihr Können
aus. Mit Rosana Laudanis stimmlichem Einsatz fühlt man sich
unweigerlich an Astor Piazzollas Kompositionen erinnert.
Der Oberhammer von Carlos Libedinsky und seinen Mannen ist allerdings
"Rescate". Schon nach einigen Synthie-Klängen kommt ein
Technobeat dazu, der erahnen lässt, wo die Reise hingeht. Der Track ist
nichts für eingefleischte Old-Tango-Guard-Liebhaber. Irgendwo zwischen
New Order und Dr. Motte stampft sich das Stück begehrlich in Ohr und
Hirn. Empfehlung: Nicht beim Autofahren hören. Man drückt unweigerlich
auf das Gaspedal.
Danach ist man als Zuhörer froh, wenn wieder der altbekannte Narcotango-Sound,
die Liebe zur ausgefeilten Melodie und Instrumentation greift. Mit dem
choralen Gesang in "Gente qui si" setzen sich Narcotango
ein Tango-Denkmal, das wahrscheinlich auf keinem Konzert zum Mitsingen
mehr fehlen wird. Warum der Titel mit den üblichen Tango-Sprachfetzen
unterbrochen wird und danach etwas uninspiriert weiterläuft und
ausfranst, bleibt mir schleierhaft. Gute Schlusspunkte können die
Narcotangos doch setzen.
Fazit: Narcotango haben sich musikalisch positiv
weiterentwickelt. Alles wirkt ausgereifter und gut arrangiert und
aufeinander abgestimmt. Mit der zweiten CD ist Carlos Libedinsky eine
wunderbare Mischung zum Tanzen, Lauschen und Chillen gelungen. Doch
Vorsicht beim nächsten Werk! Falls es noch ausgefeilter wird, könnte
es zu glatt und perfekt, sprich langweilig, werden.
Wer mag und weiß wie es geht, konvertiert sich den letzten Track als
Musiktitel und hat "Vi luz y subi" endlich mit Live-Atmosphäre.
Zur Website von Narcotango
und von Carlos
Libedinsky.
Zum Interview
mit Carlos Libedinsky und zur Rezension
des Konzerts in Kassel im Oktober 2005.
Zum Artikel von Hans Peter Salzer über Elektrotango
und zur Rezension des Samplers TANGOmotion
in der aktuellen Ausgabe.
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Ausgabe August 2006
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