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Mit
ihrem Debut-Album "La Revancha Del Tango" haben Gotan Project
bereits Maßstäbe gesetzt. Sechs Jahre sind vergangen seitdem. Viele
andere Musiker haben den sogenannten Electro- oder auch Neotango für
sich entdeckt. Aber noch immer gilt das oben genannte Album als eines
der besten, da andere Newcomer dann doch etwas zu eintönige
elektronische Beats und Loops verwendeten und zudem keinen eigenen Stil
entwickelten; Carlos Libedinsky, Otros Aires oder ansatzweise Tanghetto
einmal ausgenommen. Im
April melden sich Gotan Project mit "Lunático" zurück. 12
Titel sind auf dem Tonträger versammelt, der mit dem getragenen Stück
"Amor Porteño" beginnt. Hier geht es um eine mysteriöse, schwarz
gekleidete ,Femme Fatale', die allein durch eine endlose Wüste
schreitet, bis an die Zähne bewaffnet ist und mit ihrem blutrünstigen
Blick Rache in ihren Augen führt. Eine Ode auf den Porteño, den
Bewohnern von Buenos Aires. Hier
überzeugen Kontrabass, reduzierte Snares und elektronische Strings, die
vom Bandoneón akzentuiert ergänzt werden und durch die warme Stimme
von Cristina Vilallonga eine wunderbare Würze erhalten. Ein betörender
Beginn. Weiter
geht es mit "Notas", eine einfache, aus vier Noten bestehende
Jazz-Hook mit lebendigem Rhythmus und Juan Carlos Cáceres'
Sprechgesang, der eine einfühlsame Erzählung der Afro-Latin-Roots des
Tango zum Besten gibt. Dazu eine feinfühlige Streicher-Sektion,
orchestriert von Gustavo Beytelmann. Auch hier haben die in Paris
lebenden Musiker Philippe Cohen Solal, Christoph H. Müller und Eduardo
Makaroff alias Gotan Project alles richtig gemacht. "Diferente"
wird von eine klare Basslinie durchlaufen, über die sich wiederum die
angenehme Stimme Cristina Vilallonga legt, bevor das Stück mit in die
Beine gehenden Grooves und scharfen Riffs fortgeführt wird. Absolut
clubtauglich! "Celos"
spiegelt das Gefühl eines einsamen Nachmittags ohne den Geliebten
wieder. Verloren in einer eifersüchtigen Wut findet man im Art Deco
Gran Café auf der Avenida De Mayo musikalischen Trost. Im Hintergrund
klapperndes Porzellan, Kaffeehaus-Geplauder und darüber die
faszinierende Stimme Cristina Vilallongas. Diese melancholische Atmosphäre
ist in diesem jazzig angehauchten Stück absolut zu spüren. Bei
"Lunático", dem Titelstück, wird die Hitze und Aufregung eines
Pferderennens festgehalten. Es ist der große Tag im Hipodromo Argentino
für das Rennen aller Rennen. Jeder setzt seinen letzten Peso für die
ultimative Wette. Lunático, das Wettkampf-Rennpferd Carlos Gardels,
peitscht in die letzte Runde. Getragen von der jubelnden Masse und der
kommentierenden Stimme des Stadionsprechers. In
"Mi Confesión" treffen die Ghetto-Beats der Vorstadt des modernen
Buenos Aires auf traditionellen Old School-Tango. Hip Hop, klassische
Elemente des Tango und die Latin-Gitarre verbinden sich zu einem
durchaus gelungenen Mix, wobei dieses Stück eher zu den schwächeren
dieses Albums gehört. "Tango
Canción" ist eine Reise in die Langsamkeit. Blinde Passagiere reisen
im Schutze der Nacht von Paris nach Marseille und bilden eine
eindrucksvolle Gemeinschaft von Reisenden. Von Marseille geht es weiter
mit dem Schiff über das Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in
die Tiefen des Atlantiks. 14 Tage dauert die Reise, bevor sie Buenos
Aires erreichen. Ausgezehrt und schiffbrüchig. Stille herrscht, während
alle an Land gehen. Nur ein einsamer Trompeter ist zu hören, der noch
immer seine schiefen Matrosenlieder spielt. Popartig
schließt sich "La Viguela" an, ein Stück, das zwischen Melancholie
und Übermut hin und her pendelt. Drum'n'Bass-Rhythmen und
Vocoderstimmen erinnern ansatzweise an Pioniere der elektronischen
Musik, wie z.B. Kraftwerk. Das Einzige, was diesem Stück fehlt, ist die
dramaturgische Steigerung. Ein wenig mehr Akzentuierung wäre hier
wohltuend gewesen. So ist der Titel lediglich mit dem Wort ,nett' zu
umschreiben. Das
Klavier leitet das nächste Stück ein, bevor das Bandoneón und die
Streicher elegant einsetzen. "Criminal" beschreibt eine Aufruhr auf
der Plaza de Mayo. Polizei ist aufmarschiert, um die Strassen rund um
den Amtssitz des Bürgermeisters zu blockieren. Demonstranten versammeln
sich - und die Anspannung steigt. Hier stimmt die Dramaturgie wieder,
wobei der Zuhörer am Schluss irgendwie im luftleeren Raum verharren
muss, da "Criminal" eben diesen Schluss nicht hat, sondern sich eher
auf leisen Sohlen davon macht. Einen
Mix aus Habanera, Tango und anderen Stilelementen gibt es in dem darauf
folgenden Stück "Arrabal" zu hören. Auch hier überzeugt das
Arrangement. Das Bandoneón, die Gitarren und Cristina Vilallongas
Stimme vereinen sich zu einem frischen Tango-Habanera-Dancehall-Mix, der
gute Laune macht. "Domingo"
ist ein Tribut an den jüngst verstorbenen Tango-Percussionisten Domingo
Cura. Der afroargentinische Sänger Jimi Santos trägt hier seine Lyrics
über südamerikanische Rhythmen und ihre Namensursprünge in alten
afrikanischen Worten und Dialekten vor. Und so ist dieses Stück dann
auch eine Mischung aus afrikanischer Musik und Tangomusik. Vier Monate
vor den Aufnahmen starb Domingo Cura auf der Bühne. Eine seit Jahren
vereinbarte Zusammenarbeit kam nicht zustande. Beim
letzten Titel auf "Lunático" ziehen Gotan Project den Hut
vor Wim Wenders. "Paris, Texas" erzählt mit Spanischen Gitarren,
minimalen ,Baguala'-Percussions und einem düsteren Bandoneón von
Einsamkeit und der großen, weiten Wüste. Wir sehen eine
sonnenverbrannte Landschaft, durch die ein zerzauster und liebeskranker
Gaucho zieht. Hinein ins Ungewisse. Suchend... Fazit:
"Lunático" ist eine herausragende neue Platte, die man haben
sollte. Wohltuend auch, dass keine blasse Kopie des ersten Albums "La
Revancha Del Tango" entstanden ist. Im Gegenteil: "Lunático"
besticht durch neue musikalische Ideen, die sich oftmals am klassischen
Tango und traditionelle Muster orientieren, jedoch durch charakterstarke
moderne Klänge aus bestechenden Percussion-Grooves, Afro-Rap und deepe
Dub-Beats eine aufregend neue Basis erhalten. Zudem
standen Gotan Project bei dem neuen Album Kollegen zur Seite, die
Könner ihres Fachs sind: die aus Barcelona stammende Sängerin Cristina
Vilallonga und der Bandoneónist Nini Flores, der sein Instrument einfühlsam
und akzentuiert spielt und somit dafür sorgt, dass "Lunático" mit
Sicherheit wieder so gut verkauft wird, wie das Debut "La Revancha Del
Tango". Die
Homepage vom Gotan Project: www.gotanproject.de Die CD zum Download:
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |