CD-Rezension
 



"Lunático"
von Gotan Project
Label: YA Basta / Universal Domestic
Vertrieb: Universal
VÖ: 15.04.2006
Spieldauer: 55:38 Min.

Text: Jörg Buntenbach

 

Mit ihrem Debut-Album "La Revancha Del Tango" haben Gotan Project bereits Maßstäbe gesetzt. Sechs Jahre sind vergangen seitdem. Viele andere Musiker haben den sogenannten Electro- oder auch Neotango für sich entdeckt. Aber noch immer gilt das oben genannte Album als eines der besten, da andere Newcomer dann doch etwas zu eintönige elektronische Beats und Loops verwendeten und zudem keinen eigenen Stil entwickelten; Carlos Libedinsky, Otros Aires oder ansatzweise Tanghetto einmal ausgenommen.

Im April melden sich Gotan Project mit "Lunático" zurück. 12 Titel sind auf dem Tonträger versammelt, der mit dem getragenen Stück "Amor Porteño" beginnt. Hier geht es um eine mysteriöse, schwarz gekleidete ,Femme Fatale', die allein durch eine endlose Wüste schreitet, bis an die Zähne bewaffnet ist und mit ihrem blutrünstigen Blick Rache in ihren Augen führt. Eine Ode auf den Porteño, den Bewohnern von Buenos Aires.

Hier überzeugen Kontrabass, reduzierte Snares und elektronische Strings, die vom Bandoneón akzentuiert ergänzt werden und durch die warme Stimme von Cristina Vilallonga eine wunderbare Würze erhalten. Ein betörender Beginn.

Weiter geht es mit "Notas", eine einfache, aus vier Noten bestehende Jazz-Hook mit lebendigem Rhythmus und Juan Carlos Cáceres' Sprechgesang, der eine einfühlsame Erzählung der Afro-Latin-Roots des Tango zum Besten gibt. Dazu eine feinfühlige Streicher-Sektion, orchestriert von Gustavo Beytelmann. Auch hier haben die in Paris lebenden Musiker Philippe Cohen Solal, Christoph H. Müller und Eduardo Makaroff alias Gotan Project alles richtig gemacht.

"Diferente" wird von eine klare Basslinie durchlaufen, über die sich wiederum die angenehme Stimme Cristina Vilallonga legt, bevor das Stück mit in die Beine gehenden Grooves und scharfen Riffs fortgeführt wird. Absolut clubtauglich!

"Celos" spiegelt das Gefühl eines einsamen Nachmittags ohne den Geliebten wieder. Verloren in einer eifersüchtigen Wut findet man im Art Deco Gran Café auf der Avenida De Mayo musikalischen Trost. Im Hintergrund klapperndes Porzellan, Kaffeehaus-Geplauder und darüber die faszinierende Stimme Cristina Vilallongas. Diese melancholische Atmosphäre ist in diesem jazzig angehauchten Stück absolut zu spüren.

Bei "Lunático", dem Titelstück, wird die Hitze und Aufregung eines Pferderennens festgehalten. Es ist der große Tag im Hipodromo Argentino für das Rennen aller Rennen. Jeder setzt seinen letzten Peso für die ultimative Wette. Lunático, das Wettkampf-Rennpferd Carlos Gardels, peitscht in die letzte Runde. Getragen von der jubelnden Masse und der kommentierenden Stimme des Stadionsprechers.
Ein überzeugendes, dramaturgisch effektvolles Stück.

In "Mi Confesión" treffen die Ghetto-Beats der Vorstadt des modernen Buenos Aires auf traditionellen Old School-Tango. Hip Hop, klassische Elemente des Tango und die Latin-Gitarre verbinden sich zu einem durchaus gelungenen Mix, wobei dieses Stück eher zu den schwächeren dieses Albums gehört.

"Tango Canción" ist eine Reise in die Langsamkeit. Blinde Passagiere reisen im Schutze der Nacht von Paris nach Marseille und bilden eine eindrucksvolle Gemeinschaft von Reisenden. Von Marseille geht es weiter mit dem Schiff über das Mittelmeer, durch die Straße von Gibraltar in die Tiefen des Atlantiks. 14 Tage dauert die Reise, bevor sie Buenos Aires erreichen. Ausgezehrt und schiffbrüchig. Stille herrscht, während alle an Land gehen. Nur ein einsamer Trompeter ist zu hören, der noch immer seine schiefen Matrosenlieder spielt.
Das Bandoneón geht bei diesem Titel richtig unter die Haut - und die Stimme Cristina Vilallongas zieht die Zuhörer auch hier in ihren Bann. Einfach schön!

Popartig schließt sich "La Viguela" an, ein Stück, das zwischen Melancholie und Übermut hin und her pendelt. Drum'n'Bass-Rhythmen und Vocoderstimmen erinnern ansatzweise an Pioniere der elektronischen Musik, wie z.B. Kraftwerk. Das Einzige, was diesem Stück fehlt, ist die dramaturgische Steigerung. Ein wenig mehr Akzentuierung wäre hier wohltuend gewesen. So ist der Titel lediglich mit dem Wort ,nett' zu umschreiben.

Das Klavier leitet das nächste Stück ein, bevor das Bandoneón und die Streicher elegant einsetzen. "Criminal" beschreibt eine Aufruhr auf der Plaza de Mayo. Polizei ist aufmarschiert, um die Strassen rund um den Amtssitz des Bürgermeisters zu blockieren. Demonstranten versammeln sich - und die Anspannung steigt. Hier stimmt die Dramaturgie wieder, wobei der Zuhörer am Schluss irgendwie im luftleeren Raum verharren muss, da "Criminal" eben diesen Schluss nicht hat, sondern sich eher auf leisen Sohlen davon macht.

Einen Mix aus Habanera, Tango und anderen Stilelementen gibt es in dem darauf folgenden Stück "Arrabal" zu hören. Auch hier überzeugt das Arrangement. Das Bandoneón, die Gitarren und Cristina Vilallongas Stimme vereinen sich zu einem frischen Tango-Habanera-Dancehall-Mix, der gute Laune macht.

"Domingo" ist ein Tribut an den jüngst verstorbenen Tango-Percussionisten Domingo Cura. Der afroargentinische Sänger Jimi Santos trägt hier seine Lyrics über südamerikanische Rhythmen und ihre Namensursprünge in alten afrikanischen Worten und Dialekten vor. Und so ist dieses Stück dann auch eine Mischung aus afrikanischer Musik und Tangomusik. Vier Monate vor den Aufnahmen starb Domingo Cura auf der Bühne. Eine seit Jahren vereinbarte Zusammenarbeit kam nicht zustande.

Beim letzten Titel auf "Lunático" ziehen Gotan Project den Hut vor Wim Wenders. "Paris, Texas" erzählt mit Spanischen Gitarren, minimalen ,Baguala'-Percussions und einem düsteren Bandoneón von Einsamkeit und der großen, weiten Wüste. Wir sehen eine sonnenverbrannte Landschaft, durch die ein zerzauster und liebeskranker Gaucho zieht. Hinein ins Ungewisse. Suchend...

Fazit: "Lunático" ist eine herausragende neue Platte, die man haben sollte. Wohltuend auch, dass keine blasse Kopie des ersten Albums "La Revancha Del Tango" entstanden ist. Im Gegenteil: "Lunático" besticht durch neue musikalische Ideen, die sich oftmals am klassischen Tango und traditionelle Muster orientieren, jedoch durch charakterstarke moderne Klänge aus bestechenden Percussion-Grooves, Afro-Rap und deepe Dub-Beats eine aufregend neue Basis erhalten.

Zudem standen Gotan Project bei dem neuen Album Kollegen zur Seite, die Könner ihres Fachs sind: die aus Barcelona stammende Sängerin Cristina Vilallonga und der Bandoneónist Nini Flores, der sein Instrument einfühlsam und akzentuiert spielt und somit dafür sorgt, dass "Lunático" mit Sicherheit wieder so gut verkauft wird, wie das Debut "La Revancha Del Tango".

Die Homepage vom Gotan Project: www.gotanproject.de  

Die CD zum Download:
Über unseren Partner iTunes kann man die CD bequem online aus dem Netz herunterladen. Hierzu einfach den nachfolgenden iTunes-Button anklicken:
Gotan Project - Lunatico

Die CD "Lunático" gibt es ab dem 15. April 2006 hier bei uns über unseren Partner Amazon zu kaufen (mit Hörproben):

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Ausgabe April 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)