Café Buenos Aires - argentinische Insel in Hamburg-Ottensen
 


Eine Porträt von Tanja Thimm


Foto: bereitgestellt vom Café Buenos Aires, Hamburg


„Man geht dorthin, ist in einer anderen Welt und fühlt sich sofort wohl. Ich gehe oft spontan vorbei, um einen Kaffee zu trinken und Tango zu hören.“ Rainer Golgert ist Tangolehrer und wohnt nicht weit entfernt vom Café Buenos Aires. Per Mundpropaganda erfuhr er von dem Bistro-Café, das vor wenigen Jahren in Ottensen eröffnete. „Es ist eine knuffelige, kleine Kneipe, Du setzt Dich rein und es ist okay.“ Rainer steht auf und lässt seinen Blick über die Tanzfläche im großzügigen Anbau des Cafés schweifen. Gleich wird er eine Frau auffordern und sich wieder unter die tangotanzende Menge mischen. Heute ist Milonga, nächste Woche Noche a la Cubana, oft auch Swing oder Flamenco. Antonio Bucak, der Inhaber, steht hinter dem mächtigen Tresen und hat die Gäste im Blick. Seiner Aufmerksamkeit entgeht nichts. Persönlich begrüßt er jeden neuen Gast, merkt sich Namen und Gesichter sofort. „Der Ausbau des Cafés im letzten Jahr war nötig. Während der Veranstaltungen früher im kleinen Café haben sich die Leute gestapelt.“ erklärt er, schenkt einen Wein ein, schiebt ihn einer Frau hinüber und hält einen Plausch mit der Tänzerin. Auf 50 Quadratmetern nur traten in den ersten Jahren im damals noch ganz kleinen Café Buenos Aires Künstlerinnen und Künstler aus der Tango-, Flamenco-, Jazz-, Salsa-, und Bossa Nova – Szene auf. Durch eine dichtgedrängte Menschenmenge wurden Mate-Tee, argentinisches Bier, Trapiche-Wein, Steaks für € 5, Empanadas und Chorizo argentino zu den Tischen bugsiert und mitten drin zwei bis drei Musiker am Klavier oder der Gitarre, mit Bandoneon und Gesang, von den Gästen umringt, versunken in ihrer Darbietung. Dies gibt es auch heute noch genau so, allerdings kann Antonio ausweichen, wenn der kleine Raum wirklich nicht mehr ausreicht, in den größeren Saal hinter dem Patio. Sein Erfolgsrezept in einer Gegend, die nicht zum Szeneteil von Ottensen gehört und wo wenig Laufkundschaft zu erwarten ist: „Ich behandele die Musiker immer gut und sie bekommen etwas Gutes zu Essen. Ich habe früher die Gastronomie in der Markthalle gemacht und gesehen, wie die Musiker dort wie eine Ware durchgeschleust wurden. Das möchte ich nicht. Hier entstehen auf Grund der guten Atmosphäre schöne Jam-Sessions.“ Antonio Bucak ist ein sanfter, gutmütiger Mann mit wachen, kleinen Augen und geht inzwischen auf das Rentenalter zu. In Argentinien geboren, bestand seine Großmutter darauf, dass der Vierjährige Klavierunterricht bekommt. In den 80er Jahren kam er zunächst nach Wien, in die Herkunftsstadt seines Vaters und sog dort die Musikkultur in sich auf. In Deutschland arbeitete er dann als Pianist in einer Studentenkneipe seines Bruders, bevor es ihn der Liebe wegen nach Norddeutschland verschlug. Mit seiner Frau Sandra hat er einen dreijährigen Sohn, Nicolas. Auf der Expo 2000 in Hannover betrieb er ein ambulantes argentinisches Café,  das auch Tango darbot. Diese Grundidee wollte er nicht sterben lassen und so kam es zu dem Café Buenos Aires in Ottensen. Schnell sprach sich die unkomplizierte Auftrittsmöglichkeit für etablierte Künstler und Newcomer herum. Das Publikum besteht weniger aus in Hamburg ansässigen Lateinamerikanern, eher sind es Deutsche, die einen Bezug zu Lateinamerika haben und daher hierher kommen.

Die Milonga treibt ihrem Höhepunkt entgegen in dem kargen Saal mit niedriger Decke und ein älteres Paar, das nicht getanzt hat, wendet sich zum Gehen. Sie biegen allerdings nur kurz um die Ecke, um sich in dem kleinen Raum, der Keimzelle des Café Buenos Aires niederzulassen. Von außen von der Straße sieht es so aus, als dringe durch die großen Fenster eine einladende Gemütlichkeit. Drinnen ist nur noch ein Tisch ist frei, es ist voll, aber nicht überfüllt. Die dunklen Tische und Stühle strahlen zusammen mit Wänden und Decke in Brauntönen gehalten eine wunderbare Wärme aus. Vielleicht zwanzig, maximal fünfundzwanzig Menschen bevölkern das Café. Im hinteren Teil steht ein Klavier, als ob es der Pianist gerade eben erst verlassen hat - eine Lampe beleuchtet noch immer Tasten und Noten. In einer Glasvitrine befinden sich Orangen, Mandelkuchen und Karamelcreme zur Auslage. Großflächige Fotos zieren die Wände mit der mehrspurigen Avenida de Mayo und tangotanzenden Paaren auf der Plaza Dorrego in Buenos Aires. Verschiedene kleinere Bilder mit Tangoszenen lassen keinen Zweifel daran, wofür das Herz Antonios schlägt. „Ich kenne Antonio schon seit vielen Jahren!“ erklärt Juan Wulff, der gerade die Milonga mit seiner Bekannten Agnes verlassen hatte, um sich an dem letzten freien Tisch niederzulassen. „Ich komme aus Montevideo. Hier in das Café Buenos Aires sind sie alle hingegangen. Selbst die Künstler, die im Schauspielhaus in den großen Shows aufgetreten sind, sind anschließend alle hierher gekommen. Das Café ist schon etwas besonderes.“ Seine Bekannte Agnes nickt eifrig. Juan Wulff war in verschiedenen Verlagen als Pressesprecher tätig, ist eigentlich pensioniert und arbeitet jetzt als Immobilienmakler. Sein Redefluss wird unvermittelt unterbrochen. Ganz plötzlich setzt Klaviermusik ein. Fast unbemerkt ist Antonio herüber gekommen und hat sich an das Klavier gesetzt. Astor Piazzollas „Balada para un loco” dringt durch den Raum, leise und unaufdringlich, gleichzeitig mit beharrender Intensität. Die Gespräche an den Tischen gehen währenddessen weiter, über Argentinien und Deutschland, aktuelle Tagespolitik oder Alltägliches. Antonio erzählt später noch von den harten Aufbaujahren. Noch ein weiteres Jahr wird er brauchen, damit es gut, wirklich gut läuft. Sein bisheriger Erfolg seines Konzeptes gibt ihm recht: „Wir sind hier unkompliziert, wir sagen nicht nein, wir sind einfach so.“

 

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Ausgabe April 2007

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)