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"Der Basar der Umarmungen" von Sonia Abadi
Text: Swantje-Britt Koerner
Sonia
Abadi: Der Basar der Umarmungen
169 Seiten
ISBN: 3-9807383-6-1 |

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Der Basar der Umarmungen von
Sonia Abadi gehört zwei Jahre nach seinem Erscheinen im
deutschsprachigen Markt schon zu den Klassikern der Tangoliteratur.
Ob in Hamburg oder in München: Frauen lesen, nachts wenn sie von
der Milonga kommen, Abadis soziokulturelle Betrachtungen des männlichen
und weiblichen Benehmens beim Tango. Und sollte ein schlaftrunkener
Partner neben ihnen im Bett fragen, wie lange das Lämpchen noch
brennt, wird er Kapitel für Kapitel mit in den Genuss gerissen. Die
Neuauflage des Titels ist für Herbst vorgemerkt. Zeit für
tangokultur.info, das Buch noch einmal zu würdigen.
Sonia Abadi ist Ärztin und
Psychoanalytikerin, Mitarbeiterin der Zeitung "El Tangauta"
aus Buenos Aires, sowie Verfasserin der monatlichen Kolumne "La
vida es una Milonga". Ihre Artikel wurden in mehrere Sprachen übersetzt,
und sie hielt Vorträge zum Thema Tangotanzen. Der Basar der
Umarmungen ist eine Kompilation von 30 Kolumnen. Die Art, in der
das Buch herausgebracht wird, lässt es zunächst wissenschaftlich
erscheinen. Die Texte tragen Fußnoten, es gibt ein
Quellenverzeichnis und einen beachtlichen Satz von Anmerkungen. Der
Schreibstil ist jedoch so süffig wie Champagner, assoziativ und
kenntnisreich, so dass man lieber von essayistischen Miniaturen
spricht, als von einer Doktorarbeit zum argentinischen Tango. Manche
Sätze gerieten barock, pathetisch oder lang, aber das mag man bei
dem leidenschaftlichen Sujet verzeihen.
Der Basar der Umarmungen charakterisiert die Tango-Szene in
Buenos Aires und ist vor allem interessant und lehrreich für alle,
die dorthin wollen, dort schon waren oder wissen, dass sie sich
diesen Ausflug nicht leisten werden und ihn qua Lektüre unternehmen
wollen. Er ist ein Reiseführer zu den Porteños, den Einwohnern von
Buenos Aires (von puerto = Hafen). "Kein Porteño", so
schreibt Abadi, "der etwas auf seine Stadt hält, wird die
Avenida Corrientes unerwähnt lassen. Sie durchquert die Stadt wie
ein Fluss und ist geprägt von ihrer Geschichte, ihren Cafés,
Theatern und Buchläden sowie dem recht auffälligen Obelisk. (...)
Aber für den Milonguero ist Corrientes der geheime Schlüssel
zur Welt des getanzten Tangos."
Wie die Corrientes für den Porteño, so ist Der Basar der
Umarmungen für den Leser ein möglicher Schlüssel zur Stadt am
Río de la Plata und zugleich zur Typologie der Tangoszene weltweit.
Das Buch liest sich in Partien wie eine Ursprungsgesichte des Tango,
der als janusköpfiger Liebhaber charakterisiert wird. Zum einen verändert
sich dieser Liebhaber, entwickelt sich, verjüngt sich, auch durch
die Touristen, zum anderen bleibt er sich in den Wurzeln seltsam
treu und lässt seine Zutaten einzeln schmecken.
"Wir (die tangotanzenden Einwohner von B.A. - und das
scheinen sie fast alle zu sein, A. d. V.) geben euch das Feinste vom
Besten zurück, was ihr uns gegeben habt." Und mit
"ihr" meint Abadi die koketten kleinen Französinnen,
"die kamen, um Vergnügen zu bereiten", die Spanier,
"die in ihren Bars und Cafés Bohémiens und Nachtschwärmer
empfingen"; die Italiener, die den Tango mit
"leidenschaftlicher Musik" bereicherten; die Türken, die
"Seide und Perkal" (feinfädiger Baumwollstoff ) für die
Milongueros beisteuerten, die "nomadenhaften Juden, Komponisten
feiner Melancholie", die Armenier, die hervorragende Schuster
sind und "die Füße der Tänzer beschuhten" ...
Da Buenos Aires die Wiege und eine der Hochburgen des Tangos ist,
weil der Tango vielleicht dort zuerst die gesellschaftlichen, räumlichen
und generationsbezogenen Barrieren ein Stück weit überwand,
strahlt von diesem Nabel alles aus und kehrt hierhin zurück. In
dieser Welt ist Abadi zu Hause und schildert uns die Eitelkeiten und
Sorgen, die Sehnsüchte und Usancen der Tangotänzer; und schreibt
immer wieder von den Dingen, die sich zwischen Mann und Frau
ereignen. Sie schreibt von den Einwohnern, die ihre letzten Groschen
zusammenkratzen, um zu tanzen, von denjenigen, die der Tango
rauskippt aus dem Leben... "Einer lernte tanzen, um sich nach
dem Büro zu amüsieren, ein anderer verlor sein Geschäft und fand
sich plötzlich 'ohne Glauben und ohne Yerba von gestern', die noch
in der Sonne trocknete."
Sonia Abadi
Quelle: Abrazos
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Das Zitat im Zitat ist eine der
Techniken Abadis. Ihr Buch ist durchklungen von Fragmenten der
Tangolyrik, gespickt mit Dutzenden Zitaten, deren Texter und
Komponisten im Register nachzulesen sind. Der Sound ihrer
Miniaturen ist nicht zuletzt unverwechselbar schön durch die
Einsprengsel aus dem Liedgut des Tango. |
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Ausgabe
Oktober 2005
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