Buch-Rezension
 


"Mi Buenos Aires Querido" von Nikola Röthemeyer

Text: Frank Lubnow
Abbildungen: Nikola Röthemeyer

Mi Buenos Aires Querido
Zeichnungen einer Reise
von Nikola Röthemeyer
Connewitzer Verlagsbuchhandlung
Peter Hinke, Leipzig 2006
Gebunden 25,00 Euro


Im März 2003 machte sich die Zeichnerin Nikola Röthemeyer mit einem DAAD-Stipendium in der Tasche auf den Weg nach Buenos Aires. Ihre Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee war der "Maria de Buenos Aires" gewidmet, dies öffnete der Künstlerin die Tür in ein für sie bis dahin unbekanntes Terrain: dem Tango. Nach Abschluss dieser Arbeit gab es indes bedeutend mehr Fragen als Antworten zu dem Thema. 

Nikola Röthemeyer    Foto: Falk Weiß

So widmete sie ihm auch ihr Meisterschülerjahr und begab sich zur Spurensuche an den Rio de la Plata. Sie wohnte für drei Monate an der Plaza Dorrego in San Telmo, nahm am täglichen und nächtlichen Leben teil, streunte durch die Stadt. Jetzt liegen die dabei entstandenen Beobachtungen als Buch vor.

Man sieht Straßenszenen, Innen- und Außenansichten von Cafés, Läden, Musiker an ihren Instrumenten; eine Sequenz mit einem Tanzpaar erzählt eine kleine Geschichte. Manchmal einfach eine Schachtel Zigaretten und einzeln verstreute Streichhölzer neben der Tasse Café oder ein Paar schöner Tanzschuhe. Oft fehlt etwas, bleibt ein Gesicht oder der Umriss einer Person, einer Sache weiß, alles wirkt ein wenig geheimnisvoll. Der zumeist gedeckte Ton der reichen Farbigkeit auf elfenbeinfarbenem Papier verleiht den Werken eine sanfte Patina, leicht bekommt man den Eindruck, Bilder aus einer anderen Zeit zu betrachten.

Den mit dem Farbstift ausgemalten Flächen sieht man die "Arbeit" an (passend für Bilder aus einer Stadt, in der noch fast alles mit der Hand gefertigt und gemacht wird); zusammen mit der manchmal verschobenen Perspektive, ist es mehr als eine Reminiszenz an Kinderzeichnungen. Diese fördert durchaus Charme und Nostalgieeffekt, setzt aber auch mit jenem unverstellten Blick, den Kinder haben, einen Fokus auf Wesentliches.

Nikola Röthemeyer schaut genau hin und spart alles Überflüssige aus. Vieles in allen Einzelheiten Festgehaltenes steht Fragmentarischem, Improvisiertem, Unfertigem gegenüber ... und kommt damit wohl einem der Geheimnisse des Tangos auf die Spur: es ist die Lücke, die Pause, die Leerstelle zwischen den sichtbaren, hörbaren Ereignissen, welche die Beziehung zwischen ihnen nachfühlbar macht. Eine Analogie zur Musik, wo das Wichtige, das Eigentliche zwischen den Noten geschieht; eine Verbildlichung der angeborenen Sehnsucht der Porteños.

Ergänzt und in "Kapitel" eingeteilt werden die Zeichnungen von den Texten bekannter Tangolieder begleitet; sie sind sowohl in Originalsprache als auch in deutscher Übersetzung abgedruckt. Diese "Zwischentexte" bieten Reflexion und Spiegelung der Bilder und komplettieren das Buch zu einem einheitlichen Ganzen.

Nicht eine vorhersehbare Folge von Abbildungen bekommt man gezeigt; hier sucht jemand zu illustrieren, was sich hinter den Fassaden, dem vordergründigen Pathos, der tausendmal klischierten Vorstellungen zu Buenos Aires und dem Tango verbirgt. Wo andere "mit dem Gold vereinfachter und unwirklicher Gefühle einen Palast bauen wollen, aber das Gefängnis des Kitsches errichten" (Amadeu Inácio de Almeida Prado), finden wir bei Nikola Röthemeyer luftige Schlösser der Phantasie mit wirklichen Menschen, die ganz auf dem Boden von Empathie und Melancholie stehen.

Die detailreich, liebevoll und mit manchmal nonchalantem Humor gezeichneten Blätter sind in dem sorgfältig gestalteten Buch gut aufgehoben. Da muss dem Verleger Peter Hinke gehuldigt werden: Für den Mut, in Zeiten von Kostendruck und Gewinnoptimierung Raum für die gut ausgestattete Herausgabe poetischer wie hintergründiger Anverwandlungen eines schon zu oft nivellierten Sujets zu bieten. Ein schönes Geschenk, für andere oder für sich selber.

Zur Website der Autorin mit weiteren Ansichten aus diesem und einem früheren Buch geht es hier... 

Derzeit findet in der Moritzbastei in Leipzig noch bis zum 30. August 2006 eine Einzelausstellung mit den Zeichnungen aus dem Buch statt.

Moritzbastei Leipzig
Universitätsstraße 9
04109 Leipzig
Tel: 0341-70 25 90
www.moritzbastei.de

 

Das Buch Mi Buenos Aires Querido ist auch bei unserem Partner Amazon erhältlich:

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Ausgabe August 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)