Buch-Rezension
 


Brotvolle Kunst. "Storys aus dem Baguette" von Andreas Heidtmann

Storys aus dem Baguette
Autor: Andreas Heidtmann
Oberhausen (Athena-Verlag) 2005
128 Seiten
Preis: 12,90 Euro
ISBN: 3-89896-239-3

Text: Elke Koepping


Es handelt sich um keine Anthologie von Tangogeschichten, dies sei vorausgeschickt, bei dem bereits im Jahr 2005 erschienenen Erzählband "Storys aus dem Baguette" von Andreas Heidtmann. Das versucht der Titel auch gar nicht zu suggerieren. Eine einzige von einundzwanzig Geschichten behandelt den Tango, "Der Tangoschreiber", dies aber auf virtuoseste Weise und mit einem scharfsinnigen Augenzwinkern, das auf der Stelle die große dramatische Luftblase, die so mancher Tango-Geck mit sich herumträgt, mit einem müden pffffffft verpuffen lässt.

Für diejenigen, die noch auf der Suche nach einem Geschenk für ihre literaturinteressierten Tango-Lieben sind, kommt dieses Buch mehr als in Frage, denn die eine einzige Tangogeschichte schwimmt in einem wahren Ozean an ideenreichen, gut geschriebenen Kurzerzählungen im Grenzbereich zwischen dem Realen und dem Phantastischen, der die müden Versuche einer Katrin Dorn oder eines Wolfram Fleischhauer, oberflächliche und platte Tangogeschichten zu erzählen, mehr als blass erscheinen lässt.

Heidtmanns Geschichten tummeln sich in der Grauzone zwischen dem Möglichen und dem Fiktiv-Grotesken, seine Sprache ist streng durchkomponiert – wen wundert's, schließlich hat der Mann Musik studiert – beinahe ästhetisch distanziert, um nicht zu sagen leicht ironisch, aber nicht ohne Mitgefühl für seine Figuren. Damit erinnert die formale Struktur des Erzählbändchens zumindest entfernt an einen Tango, streng rhythmisiert und doch gleichzeitig spielerisch im Umgang mit den Inhalten.

Andreas Heidtmann hat die Fähigkeit, mit seinen Erzählungen ganze Imaginationsräume aufzuschließen und zu Ballsälen der Phantasie werden zu lassen. Mit dem Ende der Geschichten sind die weitertanzenden Gedanken des Lesers noch lange nicht zum Stillstand gekommen. Eine Erzählweise, die in ihrer Tiefgründigkeit in höchstem Maße erfrischend und inspirierend ist. Heidtmann stellt sich als Autor nicht über seine Figuren, im Gegenteil, er respektiert sie und so manche erscheint in ihrer Weisheit "bigger than life", auch und gerade in den Momenten, in denen diese an der engen Begrenzung durch die Normalität ihres Umfeldes zu scheitern drohen. Gerade an diesen Wendepunkten lässt er seinen Figuren Raum, über sich selbst hinauszuwachen und zu reifen, und das alles auf einem begrenzten Angebot weniger papierner Seiten.
Er erzählt auch von der bittersüßen Schönheit, der Melancholie, die das Leben und die Liebe ausmacht und auch hier scheint die Parallele zu der Welt des Tango mehr als offensichtlich – ohne dass er das Wort auch nur erwähnen müsste.

Da ist der Rahmen, der die Erzählungen zusammenhält. Die Geschichte des Autors Tommy Stern, dem schon lange die Ideen ausgegangen sind, bis zu dem Zeitpunkt, an dem er in einer unscheinbaren Bäckerei ein Baguette kauft, in welchem ein Zettel mit dem Anfang einer Geschichte steckt. Der Geschichte, die zugleich den Beginn des Buches von Andreas Heidtmann markiert. Wer den Duft frischen Brotes zum Exzess liebt, wird nur entfernt erahnen können, mit welcher Wucht sich Tommy Stern fortan auf den Kauf von Baguette konzentriert.
In "Blue Splash" lässt Heidtmann eine männliche Figur romantisch sagen, "Ich zaubere dir das Meer in die Stadt" und am Ende wird die Angebetete von einem vorbeisurfenden Schönling entführt. Oder die Geschichte von Jenny in "Liebesgeschichten und andere Ungereimtheiten", die den Terminus 'Literaturrezeption' in ganz andere Dimensionen führt, denn die Figuren aus Jennys Lektüre entsteigen dem Buch und entführen sie in rasendem Tempo in ihre unbekannte Welt, bis die Dimensionen der Realität gänzlich verwischen.


Foto: Athena-Verlag

Andreas Heidtmann, Jahrgang 1961, studierte Musik, Germanistik und Philosophie und neben seiner Arbeit als Autor und Lektor, tritt er auch als Musiker auf. Er ist Begründer und Herausgeber des Internet-Portals "Poetenladen", mit Sitz in Leipzig, das sich zu einer der wichtigsten Seiten für junge deutschsprachige Gegenwartsliteratur entwickelt hat. Halbjährlich erscheint außerdem seit Beginn dieses Jahres poet[mag] als gedruckte Version des Internet-Magazins.



www.poetenladen.de

Lesen Sie einen Auszug aus dem Buch: "Der Tangoschreiber"

 

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Ausgabe November 2006

 


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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)