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Die schwullesbische Tangoszene in Berlin

Astrid Weiske und Susanna
Ganarin
Foto: Archiv Ganarin
Text: Katharina Böcherer
Fotos: Astrid Weiske
In der Dezember-Ausgabe 2006 veröffentlichte tangokultur.info ein Gespräch
über den queeren Tango mit den Tänzern Paul Chernosky
aus New York, Mariana Falcón aus Buenos Aires und Astrid Weiske aus
Berlin. Alle drei versuchen in ihrer jeweiligen Heimat, die
schwullesbische Szene mit dem Tango vertraut zu machen. Das Gespräch
nahmen wir zum Anlass, uns genauer in der queeren Tangoszene in Berlin
umzusehen.
Ein Blick in den Veranstaltungskalender zeigt, dass sich in Berlin in
den letzten zwei Jahren eine kleine queere Tangoszene gebildet hat: Es
gibt Tangounterricht für Schwule und Lesben, es gibt queere Milongas
und etwa alle vier Monate ein Fest, den Pinktangoball. Die
Veranstaltungen verstehen sich nicht als Abgrenzung und laden alle Tango
tanzenden Menschen herzlich ein. Ähnlich wie in Buenos Aires, wo
Mariana Falcón mit einer reinen Frauenmilonga startete und ihre Arbeit
für queere Tangoveranstaltungen erst vor etwa einem Jahr begann, gab es
auch in Berlin bereits seit Mitte der 90er Jahre Frauenpraktikas und
Frauenmilongas.
Den Anfang machten die Frauentangokurse in der Schokofabrik, die Irmel
Weber zunächst im Rahmen der Sportkurse des Frauenzentrums anbot.
Begleitet wurden die Kurse von gelegentlichen Tanzveranstaltungen im
Kato und im Fliegenden Theater. Ab 1995 gab Susanna Ganarin
regelmäßige Frauentangobälle in der Begine und in der Schokofabrik.
"Damals war alles noch nicht so professionell. Die Musik hatte ich
auf Kassetten, aber es hat trotzdem gut geklappt. Vor allem habe ich
große Unterstützung bekommen von allen Seiten: Das Begine und die
Schokofabrik haben mir die Räume kostenlos zur Verfügung gestellt,
eine Freundin hat die Werbung gemacht." Zu Beginn waren es wohl
mehr Lesben, die die Veranstaltung besucht haben, aber mit der Zeit hat
sich das Publikum immer mehr gemischt. Als die Frauentangoszene größer
wurde, hat Susanna zwei bis dreimal im Jahr die legendären "Tangolitas"
im WalzerLinksgestrickt organisiert.
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"Auffallend war, dass es
damals eine zwar recht übersichtliche, aber sehr professionelle
und anspruchsvolle lesbische Tangoszene gab, die über viele Jahre
hinweg gemeinsam tanzte." (Susanna Ganarin). Der letzte
Frauentangoball im WalzerLinksgestrickt fand im Jahr 2000 statt. |
Die erste queere Milonga hat Martina Gerlach im Spätsommer 2005 im
Tangoloft organisiert. Inspiriert wurde Martina vom Queer Tangofestival
2004 in Hamburg: "Die offene Atmosphäre dort hat mir unheimlich
gut gefallen. Ich habe viele schwule Freunde hier in Berlin und habe sie
befragt, ob sie interessiert sind an einer Plattform für schwulen und
lesbischen Tango. Es ist aber nicht unser Interesse, uns abzugrenzen.
Deswegen haben wir die Milonga so genannt, wie sie jetzt immer noch
heißt: TangoqueerSalon – for lesbians, gays, transgenders, bi's and
friends."
Insgesamt haben aber ihre queeren Veranstaltungen im Moment wenig
Zulauf. Ein schwules Pärchen erzählt in Martinas Unterricht, dass es
schwer ist, Kontinuität in das Tanzen zu bringen: "Wenn eine
schwule Paarbeziehung zu Ende geht, dann bedeutet das für die beiden
meistens auch, dass für sie der Tango zu Ende ist. Das liegt einfach
daran, dass es immer noch zu wenige queere Tangotanzende gibt." Zur
Belebung der queeren Tangoszene versucht Martina nun für ihre Milonga
einen Raum direkt im schwullesbischen Milieu zu finden. Damit hofft sie,
die queere Szene mit dem Tango in Berührung zu bringen und mehr schwule
und lesbische Menschen für den Tango zu gewinnen.
Wichtige Impulse für die queere Tangoszene in Berlin gehen von Astrid
Weiske aus. Seit zehn Jahren tanzt sie mit Begeisterung Tango Argentino
und organisiert seit ihrer Rückkehr nach Berlin im Sommer 2005 auch
Angebote für die queere Community in Berlin. Ihr Wunsch ist es, ihre
Erfahrungen und Kenntnisse an andere weiterzugeben, egal welcher
sexuellen Orientierung. Zusammen mit Rainer Köck unterrichtet sie Tango
im Phynixtanzt für Anfänger und Fortgeschrittene. Die Besonderheit des
queeren Tangotanzens ist das Aufbrechen der klassischen
Rollenverteilung. Von Anfang an lernen beide Tanzpartner das Führen und
Folgen. Ein einfühlsamer Tangounterricht sollte im Allgemeinen sowieso
auf den gelegentlichen Rollentausch nicht verzichten, doch innerhalb des
Queertango wird das Aufbrechen der Rollenverteilung stärker gelebt.
"Ein gleichgeschlechtliches Paar steht vor der Frage, welche Rolle
von wem übernommen werden soll und ob diese nicht auch gewechselt
werden können. Da die Rollenzuweisungen flexibel und nicht statisch
sind, ergeben sich mehr Möglichkeiten das eigene Potenzial zu erkunden.
Maskulinität und Femininität können hier als bewusste Inszenierung
genutzt werden, da sie nicht zwingend an den Geschlechtskörper gebunden
sind. Da die Führungsrolle nun nicht qua Geschlecht zugeordnet werden
kann, bleibt die Führung Verhandlungssache, sie kann im Paar
zirkulieren, so dass die Fähigkeit, Impulse aufzunehmen und darauf
kreativ zu reagieren, auf beiden Seiten geöffnet wird und damit die
Grenzen durchlässiger werden" (Susanna Ganarin). Damit wird der
Queertango auch für heterosexuelle Tänzer interessant, die Lust am
Experimentieren und Improvisieren haben. Durch die Loslösung von festen
Rollenbildern rückt der Aspekt der nonverbalen Kommunikation im Tango
und der kreativen Begegnung stärker in den Mittelpunkt.
Das Erlernen beider Rollen führt zu einem tieferen Verständnis für
den Tanz. Neben ihrem Unterricht bietet Astrid jeden zweiten Samstag
auch eine queere Milonga im Phynixtanzt an (Pause bis März 2007).
Ebenso wie Martina möchte auch Astrid bei ihren Veranstaltungen alle
Tänzer, egal welcher sexuellen Orientierung, mit einbeziehen. Viele der
lesbischen und schwulen Tangotänzer gehen auch auf die regulären
Berliner Milongas, schätzen aber doch die entspannte Atmosphäre einer
queeren Milonga: "Auf Heteromilongas ist häufig eine
unterschwellige Anspannung zu spüren. Es gibt Neid und Konkurrenz
besonders zwischen Frauen" (Astrid Weiske). Auf den queeren
Milongas dagegen gehe es weniger um das "Sehen und gesehen werden",
sondern mehr ums Tanzen. Auch Rainer Köck schätzt als schwuler Tänzer
die queeren Milongas: "Als ich 1998 anfing mit meinem Tanzpartner
auszugehen, wurde ich auf den Milongas manchmal angesprochen und
aufgefordert, das sein zu lassen, es sei ja eklig, ich solle doch wo
anders hingehen. Das hat sich mittlerweile deutlich geändert. Die Leute
haben sich an das Bild zweier Tango tanzender Männer gewöhnt."
Doch scheint ein Rollenwechsel auf konventionellen Milongas immer noch
zu Irritationen zu führen. So erzählt Cornelia Gottfried, die bei
Astrid Weiske seit einem halben Jahr Tango lernt und auf Milongas sowohl
in der führenden als auch in der folgenden Rolle tanzt: "Manchmal
treffen sich Blicke, auch mit Männern, die am Rand sitzen. Wenn ich
dann aber die 'Führen-Schuhe' aus und die 'Folgen-Schuhe' anziehe,
fordert mich trotzdem noch niemand auf. Ich vermute, es gibt zu starke
Irritationen, denn wenn ich mit meinen 'Folgen- Schuhen' bereits
hereinkomme, werde ich aufgefordert."
| Auf dem Queer Tangofestival im
Hamburg 2005 haben sich Astrid Weiske und die ehemalige "Tangolitas"-Organisatorin
Susanna Ganarin kennen gelernt. Daraus ist eine fruchtbare
Zusammenarbeit entstanden: Neben ihren Auftritten als Tanzpaar
sowohl in Berlin als auch in Hamburg gestalteten sie gemeinsam die
ersten zwei Pinktangobälle im Mala Junta. |

Astrid und Susanna
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Der Pinktangoball ist ein Fest, das aus der queeren Tangoszene wächst
und Verbindungen schaffen soll über die Grenzen der sexuellen
Orientierung hinaus, wie Astrid Weiske betont. So zeigt sie sich erfreut
darüber, dass der letzte Pinktangoball nicht nur von Schwulen und
Lesben gestaltet und besucht wurde.
Ende Januar 2007 wird in Berlin der dritte Pinktangoball stattfinden,
mit den Gästen Augusto Balizano und Miguel Moyano aus Buenos Aires.
Augusto ist Mitorganisator der schwulen Milonga "La Marshall".
Er und Miguel haben es geschafft, sich in Buenos Aires als schwules
Tanzpaar zu etablieren. In Kooperation mit dem Mala Junta wird
QueerTango am 27. und 28. Januar ein Workshopwochenende mit Augusto und
Miguel anbieten.
Lesen Sie auch das Interview
mit Mariana Falcón in unserer November-Ausgabe. In der
aktuellen Ausgabe der Tangodanza
(01/2007) findet sich ebenfalls ein ausführlicher Artikel über das
"La Marshall" und die Tradition queerer Milongas in Buenos
Aires.
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Anzeige:
Workshops mit Augusto Balizano & Miguel Moyano
am 27. + 28.01.2007
Augusto & Miguel haben das Kunststück vollbracht, sich in
der Tangoszene von Buenos Aires als schwules Tanzpaar zu
etablieren: auch dort ändern sich die Zeiten! Vor allem aber
pflegen sie einen entspannten und technisch ausgereiften Tanzstil,
der das intensive Erleben im Paar und ein ausgewogenes Verhältnis
beider Rollen betont. Das Gastspiel von Augusto & Miguel ist
eine Kooperation von Queertango Berlin und Mala Junta.
Alle Workshops & PINKTANGO BALL finden im Mala Junta statt:
Mala Junta, Kolonnenstr. 29, 3. HH/4.OG (U-Bus: Kleistpark /
P.d. Luftbrücke / N42)
Sa. 27. Januar
13-15 Uhr Technik für Folgende & Führende (alle Niveaus)
15:30-17:30 Vals (AnfängerInnen mit Vorkenntnissen &
Mittelstufe)
So. 28. Januar
13-15 Uhr Musikalität & Dynamik (Mittelstufe &
Fortgeschrittene)
15.30-17.30 Augusto & Miguel Especiales
Aktuelle Lieblingschritte (Fortgeschrittene)
Alle Kurse auch für Einzelpersonen
Preise:
1 WS = 30 EUR (25 erm.) pro Person
2 WS = 50/40 EUR
3 WS = 75/60 EUR
4 WS = 100/80 EUR
Um Anmeldung wird gebeten, mehr Infos und Anmeldung:
info@queertango-berlin.de
oder anmeldung@malajunta.de
Tel: 030(78 71 24 53),
www.queertango-berlin.de
und www.malajunta.de
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Ausgabe Januar 2007
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