Kleider machen Leute
 

Bekleidungsrituale beim Tango

Text: Christiane Heyn
Fotos: Astrid Weiske und Michael Grasmann


"Tango Nuevo" in Rom 2005, Roberto y Jorgelina    Foto: Michael Grasmann


Im Rahmen meiner Magisterarbeit im Fach Europäische Ethnologie habe ich mich im Jahr 2000 gefragt, woran es liegt, dass ein Tanz einen bestimmten Kleidungsstil hervorbringt. Da ich selbst Tango tanze, lag es nahe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Außerdem fand ich es spannend zu beleuchten, wieso sich gerade in Berlin eine - wie es mir schien - neue Sehnsucht nach Eleganz und einer eher formellen Art sich zu kleiden entwickelte. Insgesamt zehn qualitative Interviews habe ich mit je fünf Frauen und fünf Männern geführt und über mehrere Monate verschiedene Milongas besucht, um mir einen Eindruck zu verschaffen. Die Ergebnisse möchte ich gekürzt hier vorstellen.

Tango ist ein Paartanz, Führen und Folgen sind seine zentralen Elemente, eng verbunden mit der Fähigkeit zur Improvisation. Das Funktionieren der nonverbalen Kommunikation ist dabei ein sehr wesentliches Moment für einen gelungenen Tanz. Es gelingt nicht sehr oft, dass zwei Tanzpartner sich auf diese Art verstehen, deshalb geht dem Gelingen eine hohe Erwartungshaltung voraus. Geschieht es aber doch, kann das zu ungeahnten "Schwebezuständen" führen. Kommunikation ist aber nicht nur zwischen den Tanzpartnern wichtig sondern ebenso mit der Musik. Über die Improvisation gelingt es, einen direkten Bezug zu ihr herzustellen. Dann können sich unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten ergeben, je nach Stimmung, je nach Partner, auch wenn man das Stück schon zum tausendsten Mal gehört hat. Außerdem spielt die Kommunikation mit dem Publikum, das Sehen-Und-Gesehen-Werden eine weitere wichtige Rolle.

Tango Argentino muß erlernt werden. Immer wieder wird von den Tänzern betont, dass mehrere Kurse belegt werden müssen, bevor sich das Gefühl einstellt, Tango tanzen (gehen) zu können. 


Foto: Astrid Weiske
Besonders die Männer stehen hier unter Erfolgsdruck, denn (zumeist) sind sie es, die sich durch ihre Rolle als Führender für einen gelungenen Tanz verantwortlich fühlen. Tangotanzen hat viel mit Leistung, mit Herausforderung und dem "vor anderen Bestehen" zu tun.

 Betont wird immer wieder (von Männern wie von Frauen), dass es um ein Miteinander ginge, bei dem zwar der Mann die Impulse für die Schritte gebe, die Frau aber sehr viele Möglichkeiten habe, den Tanz mit zu gestalten.

Ein als "rein" angenommenes Tango-Argentino-Konzept wird hier angesprochen, eine bestimmte Vorstellung von Authentizität, die mit der Vorstellung von einem "wahren Naturell" des jeweiligen Geschlechtes verbunden ist. Der Argentinische Tango soll dieses Gefühl wieder hervorbringen, das uns in Europa verloren gegangen sein soll. Tango ist kein ausgelassener Tanz, sondern ein sehr stilisierter, bei dem es nicht darum geht sich völlig "frei" zu bewegen. Diese Stilisierung ist mit einer speziellen, lustvollen Tanzerfahrung verknüpft: Tanzlust kann als "höchste Körperbeherrschung, [als eine] ästhetische Möglichkeit, Gefühle und Empfindungen auszudrücken [...] und wieder anders: Harmonieren mit einem Partner, ein Miteinander und Gleichklang [...] [empfunden werden]". (Fritsch) Tango hat viel mit Inszenierung zu tun. Der Tanz ist nicht nur hoch stilisiert, was die Schritte und Bewegungen anbetrifft, sondern auch, was sein äußeres Erscheinungsbild angeht. Dazu gehört neben dem Umfeld auch die Kleidung. Tanz hat generell viel mit Körperinszenierung zu tun, die sich nicht nur über die Bewegung ausdrückt, sondern auch über die Kleidung. Ein Kleidungsstück strukturiert die Bewegungen, wobei gleichzeitig der tanzende Körper wiederum die Beschaffenheit des Kleidungsstückes bestimmt. Die Wahl der Kleidung (und die der Tanzschuhe) unterliegt, neben der Reproduktion von Klischees, einer bestimmten Funktionalität.

Auf den ersten Blick scheinen die TänzerInnen im formellen Sinn sehr elegant gekleidet. Gedeckte Töne herrschen vor, die Frauen zeigen meist viel Bein, die Männern tragen gut sitzende Kleidungsstücke und - wichtiges Detail - das Hemd oder T-Shirt stets in die Hose gesteckt. Der Eindruck von Formalität wird vor allem durch "ordentliches" Tragen des Kleidungsstückes erweckt, aber gleichzeitig durch das Tragen von informeller Kleidung wie T-Shirts gebrochen. Für einige Frauen hat sich auch im Alltag durch das Tangotanzen und ein neues Körper- und Rollenbewusstsein der Kleidungsstil verändert. 

Konkret lässt sich das am Gleichgewicht festmachen: Dadurch, dass der Tanz eine spezielle Art des Gehens verlangt, die eng mit dem Halten des Gleichgewichts, dem Aufrechtgehen, verbunden ist, wird die Körperwahrnehmung geschult. Das hat Rückwirkungen auf das Tragen bestimmter Kleidungsstücke bzw. der Schuhe, alles unterliegt einer gewissen Funktionalität.


 

 

 

 

 

 

 

Wie strukturiert nun ein Kleidungsstück die Bewegungen? Frauen etwa benötigen zum Tanzen höhere Schuh-Absätze, die erhöhte Aufmerksamkeit beim Gehen verlangen, zwangsläufig müssen sie stark auf ihr Gleichgewicht achten. Der daraus folgende aufrechtere und bewusstere Gang betont die "weiblichen Formen". Das birgt eine gewisse Sinnlichkeit, was wiederum Auswirkungen auf die Bekleidung haben kann. Figurbetonte und/oder sinnliche Kleidung wird von Frauen wie von Männern gerne getragen. Bei den Frauen wird häufig über den figurbetonten Rock mit Schlitz die Bewegungsfreiheit der Beine gewährleistet.

Interessant ist hier ein Vergleich zur Salsa-Szene: Ebenfalls ein erotischer, sinnlicher Paartanz, wird hier jedoch eine andere, viel legerere Art der Kleidung bevorzugt - die Röcke werden hier beispielsweise eher weit und auf andere Art sexy getragen. Dies ist zwar sicherlich auch der Art der Schritte zuzuschreiben - aber liegt es wirklich nur daran? Schwingen mit dieser Kleidung nicht ebenfalls bestimmte Vorstellungen bzw. Klischees mit? Wo endet also die Funktionalität und wo beginnt die Ästhetik?


Angelika Fischer und Brigitta Winkler
Foto: Astrid Weiske
Den Einen gefällt das Spiel mit den Geschlechterrollen, die sie über die Kleidung ausdrücken können. Andere wiederum fühlen sich schnell verkleidet und haben keine Lust auf diese Äußerlichkeiten. Das Gefühl des Verkleidetseins stellt sich vor allem dann ein, wenn die Bekleidung sich zu stark vom Gewohnten unterscheidet: Trägt eine Frau nie Röcke, fühlt sie sich beim Tanzen mit Hosen wohler.

Einige Männer kommen sich vielleicht mit Brillantine im Haar verkleidet vor. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie auch im Alltag vermehrt auf ihre Kleidung achten: Sei es, weil sie nun höhere Absätze und Röcke tragen oder beim Shoppen gleich überlegen, ob sich die Kleidung auch zum Tanzen eignen könnte. Bei den Männern ändert sich das Körperbewusstsein vor allem dahingehend, dass sie vermehrt auf ein gepflegtes Äußeres achten und die Beinfreiheit durch bequeme, möglichst elegante Hosen herstellen. Die meisten begrüßen jedoch die Betonung der körperlichen (und vermeintlich anderen?) Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Tango ist eine Nische dafür, ein Bedürfnis nach Eleganz auszuleben, "sich schön zu machen" und der Möglichkeit, Geschlechterzuschreibungen sinnlich erfahren zu können. Gleichzeitig passt Tango aber auch in die heutige Leistungsgesellschaft und bietet dafür ein adäquates Ausdrucksmittel.


Weitere Tangofotos der Fotografin Astrid Weiske
Mehr Informationen zum Fotografen Michael Grasmann

Zum Artikel über Tangomode in dieser Ausgabe.

Zum Weiterlesen:

- Ursula Fritsch, Tanz, Bewegungskultur, Gesellschaft. Verluste und Chancen im Bereich expressiven Bewegens. Frankfurt am Main (AFRA-Verlag) 1999. 4. Aufl, S.15 ff.

- Christiane Heyn, Die Tangoszene in Berlin. Geschlechterrollen und Kleidungsvorlieben. Magisterarbeit am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin. Berlin 2000. (Die Arbeit ist in der Institutsbibliothek einsehbar.)

- Anne Hollander, Anzug und Eros. Eine Geschichte der modernen Kleidung. München (dtv) 2002.

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Ausgabe Dezember 2005

 


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Im Internet:
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Herausgeber:
Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.)