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Bajofondo
Tango Club live in Berlin Text: Elke Koepping Neben
extremen Wetterlagen hat der Sommer in Deutschland in diesem Jahr auch
eine Fülle von Elektrotango-Projekten auf die Festival-Bühnen
herabregnen lassen, so u. a. den Bajofondo Tango Club, der
immerhin in seine Tour auch die österreichischen Nachbarn mit einem
Konzert auf dem Urban Art Forms-Festival einbezog. Vier Tage in
Folge spielte die argentinisch-uruguayische Band im Rahmen des Heimatklänge-Festivals
auf der schiefen Ebene vor dem Kunstgewerbemuseum am Kulturforum
Potsdamer Platz in Berlin. Strömender Regen und Temperaturen wie im
Februar hielten jedoch keineswegs die Fans davon ab, gleichfalls in
Scharen herbeizuströmen und gemeinsam mit den Musikern eine tierische
Party abzufeiern. Tango mal ganz anders, und das nicht nur in
musikalischer Hinsicht. Foto: Tom Gonsior Während
viele Leute in der Tangoszene und insbesondere die "Tango-Taliban"
- um damit einen Ausdruck aus Hans Peter Salzers Artikel zum
Electrotango in unserer Juli-Ausgabe zu klauen, der auf Carlos
Libedinsky zurückgeht - die Meinung vertreten, beim Bajofondo
Tango Club handele es sich um reine Geschäftemacherei im
Kielwasser des Erfolges von Gotan Project, sozusagen ein
Bootleg-Projekt mit legalen Vertriebswegen (und um einen musikalischen
Rückschritt in die Vor-Tangozeitliche Barbarei) eröffnet sich mir
ein ganz anderes Bild, als ich vor dem ersten Live-Konzert in Berlin
auf die drei Musiker treffe, die den Kern des Projekts bilden. Als
Journalistin hat man ja die Möglichkeit hinter die eine oder andere
Kulisse zu schauen, auf die man als Normalbürger schon lange
neugierig ist. Der Termin im neuen Universal-Gebäude in Berlin, ein
modern aufbereiteter Backsteinklotz in unmittelbarer Nähe der
Warschauer Brücke, führt mich in die hehren Hallen der Firma, die
als eine der wenigen Hoffnungsträger in der europäischen Hauptstadt
der arbeitslosen Kunstschaffenden immer wieder durch die Presse
geisterte. In der Tangoszene bewegt man sich sonst doch eher auf
bescheidenem Parkett. Hier also dieses Major-Label, dessen
giganto-architektonische Realität vor dem geistigen Auge gleich ganz
andere Dimensionen bezüglich der potentiellen Verkaufszahlen einer CD
und der Weltbedeutung seiner Interpreten auftut. Und fühlt sich
selbst ganz klein, wenn man diesen Schrein des Musik-Vertriebs nicht
als Starreporter des Rolling Stone betritt. Schließlich haben Bajofondo
für ihr erstes Album im Jahr 2002 gleich den Latin Grammy Award
und den Gardel Award abgeräumt. Foto: Tom Gonsior Umso
überraschter bin am Ende über den Empfang: Gustavo Santaolalla, Juan
Campodónico und Luciano Supervielle lassen es sich trotz eng gelegter
Interviewtermine nicht nehmen, geschlossen zum Gespräch mit der
'Tangoreporterin' anzutreten. Santaolalla, der in den Siebzigern als
Gitarrist der Rockband Arco Iris bereits Erfolge feierte und später
in Los Angeles als Produzent ein eigenes Label (Libra) und ein Studio
aufbaute, aus dem bereits einige Latin-Grammy-Gewinner hervorgegangen
sind, eilt strahlend auf mich zu und preist begeistert eines seiner
Liebhaber-Projekte an, eine von ihm im Jahr 2003 produzierte dicke
Doppel-CD namens "Café de los Maestros", die demnächst
auch hier bei der Deutschen Grammophon erscheinen soll
(unbedingt vormerken!). Ein aufwendig gestaltetes Cover nebst
liebevoll zusammengetragenen Informationen im Booklet, darin verewigt:
Neuaufnahmen noch lebender Sänger der "goldenen" Tangoära,
die hierzulande kaum bekannt sind. Beim Einspielen der CD waren diese
zwischen 70 und 94 Jahren alt! Ich bin verblüfft. Alles habe ich beim
Zusammentreffen mit dieser Band erwartet, nicht jedoch profunde
Kenntnis der Tangogeschichte und Leidenschaft für die Bewahrung des
kostbaren und aussterbenden Kulturgutes, das diese alten Künstler
verkörpern. Im
weiteren Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass der Bajofondo
Tango Club aus einem ähnlichen Gedanken der Liebhaberei
entstanden ist. Ohne Zweifel, ohne seine bemerkenswerten Ideen hätte
Gustavo Santaolalla auch niemals den bemerkenswerten Erfolg als
Produzent gehabt, den er heute vorweisen kann. Sicher, dies alles
entstand vor dem Hintergrund des professionellen Musikbusiness. Aber
wie mir scheint, nicht allein mit dem erklärten Ziel, kommerziellen
Erfolg mit den Produktionen zu erreichen, sondern immer über seine
eigene Liebe zur Musik. Professionelle Produktionsbedingungen müssen
nicht zwangsläufig auf die ideelle Verrohung ihrer Protagonisten
hinweisen. Bajofondo steht von Beginn an im Geist eines im Zeitalter
der zunehmenden Globalisierung hochgradig modernen Netzwerk-Gedankens,
der Name ist mithin Programm. Die klassische Rockband hat ohnehin
ausgedient, wer kann heutzutage schon noch Auftritte von Deep
Purple oder Queen ernstnehmen, bei denen die Herzstücke
der alten Bandformationen durch neue Musiker ausgetauscht wurden? Foto: Tom Gonsior Ein
verführerischer Gedanke allemal - ein "Club" von
anderweitig erfolgreichen Musikern (wie z. B. auch Jorge Drexler,
Daniel Melingo oder Adriana Varela) trifft kreativ unter einem
gemeinsamen Produktionsgedanken zusammen. Jeder einzelne Musiker
bringt so seine Individualität und u. U. auch sehr unterschiedliche
musikalische Hintergründe in das Projekt mit ein, ohne dass auf
Teufel komm raus alles in eine Richtung gebürstet wird. So erklärt
sich auch "Supervielle"; die aktuelle CD wurde schwerpunktmäßig
von Luciano Supervielle gestaltet, erst im kommenden Jahr soll wieder
ein Album der 'Band' Bajofondo erscheinen, parallel zu
Solo-Alben der assoziierten Tango-Musiker Javier Casalla (Violine) und
Cristóbal Repetto (Gesang). Diese
gebündelten kreativen Synergien übertragen sich denn 1:1 zu einem überraschend
kraftvollen und bunten Programm am Abend des 20. Juli auf die Bühne.
Mit einem Stromstoß, der lava-artig brodelnde Energie unverzüglich
auf das Publikum überspringen läßt, nimmt das Konzert von Beginn an
seinen Verlauf. Keine zur Salzsäule erstarrten Elektronik-Frickler
hinter gigantischen Turntables sind hier zu betrachten, sondern jede
Menge Musiker, die über die Bühne rasen und sich auch sonst in jeder
Hinsicht wie Rockstars gebärden - ein unglaubliches Schauspiel. Natürlich,
es gibt auch die obligatorische Videoleinwand im Hintergrund, live
gesteuert von der VJane Verónica Loza, die dem Stück "Naranjo
en Flor" auf der ersten CD ihre Stimme lieh (das im übrigen auch
in der zweiten Hälfte des Abends von ihr zu Gehör gebracht wird).
Eindrucksvoll vermischen sich ihre Bilder mit der im frühen Abenddämmer
schimmernden Kulisse des Potsdamer Platzes, die geradezu
Konzertromantik aufkommen ließe, wäre da nicht dieser fiese
Dauerregen, der auch die Shows der kommenden Tage mit Publikum im
Friesennerz nicht gerade zum Sommer-Event geraten lässt.
Nichtsdestotrotz, es ist sichtbar viel Tangoszene versammelt und so
tummeln sich schnell die ersten Tänzer auf der schiefen Ebene hin zum
Kunstgewerbemuseum, die viel Raum für exzentrische Figuren lässt. Fotos: Tom Gonsior
Martín Ferres Foto: Tom Gonsior Der
Mann wurde mit dem Herzen eines Rockers geboren, da bin ich mir
sicher. Immer wieder geht er zur Rampe, um das Publikum zum Mitmachen
zu animieren, lacht teuflisch, grinst wieder entwaffnend und zieht
sein Instrument derart in die Länge, dass zu befürchten steht, es
werde am kommenden Tag nur mehr als Ziergirlande die Bühne schmücken
(nicht umsonst wird das Bandonéon von Tango-Ignoranten ja
gelegentlich als Ziehharmonika tituliert, dies scheint in solchen
Momenten durchaus nicht weit hergeholt). Bei all dem scheint er nicht
nur einen höllischen Spaß zu haben, sondern ist auch noch in der
Lage, gleichermaßen präzise wie mitreißend virtuos alles aus diesem
komischen Ding herauszuholen, was da auch rauszukommen hat. So gibt es
auch ein Bandonéon-Solo von ihm zu hören, mit dem Titel "Tiruriru",
das auf dem neuen Bajofondo-Album vertreten sein wird und im
Rahmen der Show den Akustik-Block im Mittelteil einläutet. Überhaupt,
dieses Programm ist so bunt, wie das Interview am Nachmittag schon
vorzubereiten schien. Dieser akustische Mittelteil bringt Cristóbal
Repetto auf die Bühne, der drei Stücke aus seinem ebenfalls im
kommenden Jahr erscheinenden Solo-Album zum Vortrag gibt, begleitet
von einem mehr als merkwürdigen Instrument, dessen Herkunft
sicherlich auf die sexuelle Vereinigung einer Violine mit einem
Jagdhorn zurückzuführen ist (kennt das jemand und kann mich aufklären?).
Mit offensichtlichem Vergnügen stürzt sich die Kapelle nun in einen
altertümlichen Schrammel-Genuss, bei dem jeder Clubgänger im
Publikum nur mehr Maulaffen feilhalten kann, so extrem ist der
Kontrast. Mehr als seltsam und doch nicht völlig fehl am Platze nach
dem fulminant modernen Auftakt kommt hier ein Sänger zu Gehör, der
heutzutage seines Gleichen sucht. Cristóbal Repetto bei der
zweiten Zugabe
Im
Schneidersitz lässt er sich neben Santaolalla nieder, als handele es
sich um einen Auftritt in der Schulaula. Er bannt auf der Stelle das
Publikum mit dem volkstümlichen "Aquaforte" und einer
Stimme, die die Erinnerung an die große Ära des Tango Canción
deutlich aufleben lässt. Und ich dachte immer, dieses Knödeln in der
Stimme Gardels wäre auf die schlechte Übertragungsqualität der
alten Aufnahmen zurückzuführen... Repetto ist der lebende Gegenbeweis. Äußerlich mehr Hippie als 30er-Jahre-Tenor kann er dem Vergleich mit dem großen Gardel vokal durchaus standhalten.
Gustavo Santaolalla und Javier Casalla Foto: Tom Gonsior Gustavo
Santaolalla steht Ferres übrigens in nichts nach. Nicht umsonst hat
der Mann in Argentinien Rockgeschichte geschrieben. Mit der Gitarre in
der Hand wird der ein bisschen rundliche, wie ein Familienpatriarch in
den mittleren Jahren wirkende Mann zum Tier auf der Bühne. (Erinnert
ihr euch noch an den Schlagzeuger in der Muppet-Show?) Da
sprüht ihm der Schalk nur so aus den Augen, wenn er die
elektronischen Songs mit breiten Gesten wie ein Orchesterleiter
mitdirigiert und vor purer, nahezu kindlicher Freude über den
Live-Auftritt über das ganze Gesicht strahlt. Nach
22 Titeln inklusive der Zugaben hat das Publikum übrigens noch lange
nicht genug, zumal schon nach der ersten Viertelstunde der Regen nachlässt,
Bajofondo Tango Club werden immer wieder auf die Bühne gerufen
und gefeiert, die Stunde der Tango-Groupies hat geschlagen und
gnadenlos werden solange Menschen auf die Bühne gezogen, bis sich
wild tanzende von wild musizierenden Menschen nicht mehr unterscheiden
lassen. Strahlende
Augen und angeregte Gespräche allerorten. Nach dem Ende der Show wird
es im wohnbauten-leeren Kulturforum plötzlich seltsam still, als die
letzten jubelnden Fans das Gelände verlassen haben, indes im
Nachthimmel vereinzelt Wassertropfen auf knackend auskühlenden
Scheinwerfern verzischen und die fahrbaren Bierpilze ihre Schirme
einklappen. Tango? Leben! Nächstes
Mal auf keine Fall verpassen, Kinder, gell? Literaturempfehlung:
Tilman Baumgärtel, "Tanz den Tangolectro", in:
Zeit-Literatur, November 2003, S. 62. Erhältlich über: archiv@zeit.de http://www.bajofondotangoclub.com/ Der
Fotograf Tom Gonsior ist erreichbar über: www.filmnach8.de Zum
Interview mit Bajofondo Tango Club in der September-Ausgabe:
mehr Zur
Rezension der aktuellen CD "Supervielle" in der
August-Ausgabe von tangokultur.info: mehr... Zum
Electrotango-Artikel in unserer Juli-Ausgabe: http://www.tangokultur.info/old/Electrotango.html In der Rubrik-Musikdownloads bieten wir zusammen mit unserem Partner iTunes die Möglichkeit an, exklusive Titel vom Bajofondo Tango Club herunterzuladen, die nicht auf den CD's zu finden sind: http://www.tangokultur.info/musik_down.htm
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Email: willkommen@tangokultur.info Im Internet: www.tangokultur.info Herausgeber: Jörg Buntenbach (V.i.s.d.P.) |